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Ob sich die Ränge auf einen Schlag wieder füllen werden? Die Fanvertreter haben so ihre Zweifel.
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Ob sich die Ränge auf einen Schlag wieder füllen werden? Die Fanvertreter haben so ihre Zweifel.

Fans schlagen Alarm

Das Ringen um die Reform

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Fanvertreter warnen davor, die Vorschläge zu Veränderungen im deutschen Profifußball versanden zu lassen.

Dario Minden befindet sich seit Wochen im Zwiespalt. Wie so viele Fans von Eintracht Frankfurt ist der gebürtige Frankfurter begeistert, welchen Lauf seine Lieblingsmannschaft gerade in der Bundesliga hat. Doch statt wie vor der Pandemie zu jedem Spiel zu fahren, sitzt der Jurastudent der Goethe-Universität halt nur am Fernseher. „Es fehlt die Magie – und alle Gründe, warum man sich in diese Sportart verliebt hat. Vieles ist nicht erlebbar“, sagt der 26-Jährige. Die Corona-Unterbrechung im vergangenen Jahr, die fehlenden Stadionerlebnisse nutzte Minden wie viele organisierten Fanvertreter, sich auf anderen Ebenen mit seiner Leidenschaft auseinanderzusetzen.

Er gehörte mit zu jenen rund 60 Fans, die das Konzept „Zukunft Profifußball“ entwarfen, bald saß er als einer von sechs Fanvertretern in der gleichnamigen „Taskforce“, die auf Betreiben der Deutschen Fußball-Liga (DFL) eingesetzt wurde. Doch Minden ist wie seine Mitstreiter enttäuscht, was im Abschlussbericht steht. „Es ist grotesk, dass der Reformwille trotz der anfänglich demütigen Einsicht so gering ausfällt.“ Man hätte sich einen größeren Impuls an Veränderungen gewünscht.

Auch Helen Breit beschleicht mit einigen Tagen Abstand immer noch ein ungutes Gefühl. Die Vorsitzende des Vereins „Unsere Kurve“ ist eine gerne gehörte Stimme, wenn es darum geht, Fanbelange öffentlich zu artikulieren. „Viel mehr an Initiative wie im vergangenen Jahr ist von unserer Seite nicht möglich.“ Die Diskussionen seien doch viel weitergegangen. Die 33-Jährige hatte der DFL dringend empfohlen, die „Protokolle der einzelnen Sitzungen zu berücksichtigen“. Warum kommt so wenig darin vor? Diese Frage steht auch für die 33-Jährige rückblickend unbeantwortet im Raum. „Wir wollen den Fußball ja nicht zerstören, sondern zukunftsfähig aufstellen.“

Immerhin verkündete die DFL am Mittwoch, dass sich das Präsidium mit dem Ergebnisbericht befasst habe. Als erste Maßnahmen wurde ein interdisziplinärer Beirat gegründet und eine Arbeitsgruppe „in Bezug auf die wirtschaftliche Stabilität des Profifußballs“ beschlossen. Dazu ist eine Sondersitzung des DFL-Präsidiums geplant. Die in den Diskussionsrunden eingesetzte Diplompsychologin Heidi Möller glaubt an den Reformwillen ihres Auftraggebers.

„Die DFL möchte sich auf den Weg zur Transformation machen, davon bin ich fest überzeugt. Diesen ganzen komplizierten Prozess hätte man sich sonst sparen können“, sagte die Universitätsprofessorin der „FAZ“. Doch die Liga-Organisation bittet bei der Umsetzung um Geduld. Es gehe schließlich um eine Zielsetzung für das Jahr 2030. „Angesichts der Komplexität vieler Einzelaspekte kann die Umsetzung von Maßnahmen inmitten der größten Krise der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht von heute auf morgen geschehen, sondern nur schrittweise.“

Doch wie lange kann sich der deutsche Fußball wirklich Zeit lassen, will er nicht seine gesellschaftliche Akzeptanz verlieren? Für die engagierten Fanvertreter tickt die Uhr. Schließlich seien mit der Pandemie die Missstände wie unter einem Brennglas hervorgetreten, „wenn ein Drittel der deutschen Profiklubs von der Insolvenz bedroht war, weil ein Fünftel der TV-Gelder auszubleiben drohte“, betont Minden. Das engagierte Mitglied aus der Fanabteilung von Eintracht Frankfurt hat sich vor allem mit den wirtschaftlichen Fragestellungen auseinandergesetzt, die ja auch von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert fraglos als wichtigstes Problem identifiziert sind. Nachhaltiges Wirtschaften steht auch auf seiner Agenda ganz oben. Öffentlich forderte der Bundesliga-CEO die Klubs auf, endlich die Gehaltskosten zu drücken. Aber die Schere innerhalb der Liga spricht Seifert nur selten an.

Minden mahnt: „Wenn sich die Finanzkraft der Bundesligisten weiter so auseinander entwickelt, hat die Liga keine Zukunft. Dann wird die Übermacht des Geldes sowohl den sportlichen Wettbewerb als auch die Fußballkultur zersetzen.“ Die von der Uefa ausgeschütteten Champions-Gelder und Zuwendungen von Mutterkonzernen wie Bayer oder VW, Firmen wie Red Bull oder einem Geldgeber wie Dietmar Hopp würden für einen „unfairen, ungleichen Wettbewerb“ sorgen. Dazu komme noch der Monopolist FC Bayern. In dieser Übermacht stecke genügend Sprengkraft, „um das soziale und kulturelle Gut Fußball zu gefährden“, findet er.

Würden nach dieser Saison neben dem Immer-Meister Bayern auch RB Leipzig, VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen in die Champions League kommen, „ist das nicht nur mein Alptraum, sondern auch einer der Rechteinhaber.“ In umfangreichen Schriftsätzen haben die Fans ausgearbeitet, wie die Schere wenigstens ein bisschen geschlossen werden könne: Mit einem nationalen Financial Fairplay, das beispielsweise auf „marktübliche Zuwendungen der Sponsoren“ achtet oder bei Überschreiten einer bestimmten Gehaltsgrenze eine Art Luxussteuer vorsieht. Das würde auch nicht im Widerspruch zu DFL-Chef Seifert stehen, der jüngst zu finanziellen Regulierungen sagte: „Salopp gesagt, jemand zu enteignen, damit es dem anderen besser geht, kann nicht die Lösung sein.“

Minden glaubt allerdings: „Wer heute in der Bundesliga die 50+1-Regel einhält, bezieht daraus einen Wettbewerbsnachteil.“ Dies führe dazu, dass Vereine wie im Falle Hertha BSC durch die Millionenspritzen des Finanzjongleurs Lars Windhorst zu „Spekulationsobjekten“ verkommen, dann aber werde die Bundesliga „unterhaltsame Belanglosigkeit wie eine Netflix-Serie, die man sich ohne emotionale Bindung anschaut.“ Zwar ganz nett, aber nicht bewegend. „Der Kern des Fußballs ist ein anderer. Er ist sozialer Kitt der Gesellschaft.“

Minden nimmt nur das Beispiel FC Bayern mit der harschen Reaktion auf den verspäteten Abflug zur Klub-WM in Katar, um zu schlussfolgern: „Die Branche ignoriert, wie weit sie sich von den Menschen wegbewegt.“ Dass die Fernsehquoten derzeit kein sinkendes Interesse erkennen lassen, registriert auch er. „Die Frage ist doch, mit welcher Intensität an Emotionen wird geschaut.“ Vielleicht bei vielen gerade nur zur Ablenkung im langen Lockdown? Die TV-Resonanz dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, mahnt Minden, „dass die Bundesliga ohne Justierung der wirtschaftlichen Wettbewerbsbedingungen nicht mehr zukunftsfähig ist“. Natürlich würden sich die Stadien und Kneipen irgendwann wieder füllen, „aber wenn man glaubt, dass die Bundesliga einfach so aufblüht, dann lebt man in einer Fußball-Blase.“

Mitstreiterin Breit rät der Liga dringend, die Warnsignale nicht außer Acht zu lassen. Die Anhängerin des SC Freiburg kann nicht abschätzen, welche Protestform gewählt wird, wenn wieder Zuschauer in die Stadien dürfen. Doch die „Wir-sind-doch-gut-Haltung“ erwecke nach außen hin den Eindruck, dass ein bisschen Feintuning reicht. Von den großspurigen Ankündigungen vor knapp einem Jahr, mit der Corona-Krise mal Grundsätzliches zu hinterfragen, ist aus ihrer Sicht nicht viel geblieben.

So ähneln die angekündigten Maßnahmen dem Versuch, bei einem Auto mit drohendem Motorschaden nur die offensichtlichen Lackkratzer glattzupolieren. Diese oberflächliche Reparatur sei gefährlich: „Auf Dauer funktioniert der Profifußball nicht als Produkt. Innovation nur voranzutreiben, um den Profit zu maximieren, kann nicht gelingen.“

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