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Das Imperium schlägt zurück

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Von: Thomas Kilchenstein

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Das soll Thomas Müller sein (Mitte)? Sadio Mane (li.) und Leon Goretzka haben da gewisse Zweifel.
Das soll Thomas Müller sein (Mitte)? Sadio Mane (li.) und Leon Goretzka haben da gewisse Zweifel. © afp

Wie der FC Bayern ein Statement abgibt, Union Berlin eklig bleibt und Borussia Dortmund sich in sich selbst verheddert - da hilft auch Gouvernante Hummels nicht

Es war bestimmt Zufall, dass die Spielplangestalter an diesem Wochenende in den großen europäischen Ligen lauter Begegnungen mit Gipfelspiel-Charakter angesetzt haben, lauter Kicks mit viel Adrenalin und noch mehr emoción, Erster gegen Zweiter, oder Arrivierter gegen Aufmüpfiger. Oder war es doch kein Zufall, sondern Metaphysik, sollte es genau jetzt passieren, da etwa ein Drittel der Saison absolviert sind? In Bundesliga, Premier League, Ligue 1, La Liga? Da könnte ja nur der Heilige Infantino seine Finger im Spiel gehabt haben, nur für die Serie A hat er nur ein schnödes Turiner Stadtderby bereitgehalten, vermutlich hat der allmächtige Strippenzieher im fernen Doha was übersehen. Zufall also an diesem super Super-Fußballsonntag.

Ein bisschen hatte dieser Sonntag auch etwas von „Das Imperium schlägt zurück“. In Spanien holte sich Real Madrid mit einem fulminanten Toni Kroos beim 3:1 im Clasico gegen den FC Barcelona die Tabellenspitze zurück, an der sich vorher die Katalanen tummelten, in Paris düpierte die Firma Katar den Frechdachs aus dem Süden, Olympique Marseille, mit 1:0, Neymar persönlich rückte da wieder einiges zurecht. Und auf der Insel zeigte ein Schwabe endlich mal wieder Zähne. Gut, dafür flog Jürgen Klopp vom Platz, er weiß, dass sein Blecken allein ausreichen würde, und wenn er dann noch eine Schiedsrichterentscheidung kritisiert ... ist die Rote Karte nicht fern. Sein FC Liverpool, momentan ausgelaugt vom ständigen Gewinnen in den letzten Jahren, hat Manchester City die erste Niederlage (1:0) beigebracht, und Erling Haaland hat tatsächlich mitgespielt - ohne zu treffen. Dummerweise sind die Reds noch 14 (sic) Punkte hinter Tabellenführer Arsenal, was in etwa dem Abstand von der Erde zum Mond entspricht. Immerhin haben sie gezeigt, dass sie es können, wenn es darauf ankommt.

Union schier unbezwingbar

Und in der Bundesliga? Haben die angeblich kriselnden Bayern den feinen Kringeldrehern aus Freiburg locker gezeigt, wo der Barthel den Most holt, wobei der Barthel den Namen Eric Maxim Choupo-Moting trägt, vielen Jahren Robert Lewandowski die Schuhe binden durfte und jetzt einmal Mittelstürmer spielen. Das tat er überraschend gut, er schoss ein Tor, war mittendrin, und dürfte bestimmt an der Seite von Niclas Füllkrug zur WM in Katar mitfahren, wenn er nicht schon 68 Mal für Kamerun gespielt hätte. Das 5:0 gegen den vormaligen Tabellenzweiten aus dem Breisgau ist mal wieder das berühmte Statement, das die Münchner abgegeben haben, wenn es darauf ankommt. Es war wunderbar leicht herauskombiniert, so federleicht, dass man sich fragen könnte, wie es der SC überhaupt so weit nach oben geschafft hatte. Einen Teil der Antwort lieferte der Weise aus dem Schwarzwald: „Man hätte“, deckelte SC-Trainer Christian Streich sanft sein Team, „schon mal in einen Zweikampf gehen können.“ Das nicht zu tun und in Fröttmaning mitspielen zu wollen, ist meistens keine gute Idee.

Die Bayern, die bis auf Weiteres auf Leroy Sané (Muskelfaserriss) verzichten müssen, sind also zurück, fürs Erste zumindest. Und wie es so aussieht, könnte diese Saison einen Ticken spannender werden als zuletzt, und die Bayern werden trotzdem wieder Meister. Selbst wenn diese Aufmüpfigen aus Köpenick Respekt verdienen, vier Punkte Vorsprung auf den Dauersieger nach zehn Spieltagen ist grandios, vor allem mit dieser Spielanlage: Viel laufen, eklig sein, Räume verdichten, kaum Fehler machen, Mannschaftsbus vors Tor fahren, blitzschnell kontern und Fehler des Gegners, etwa des Torwarts, ausnutzen. Kann man so machen, funktioniert beim 1. FC Union ganz offensichtlich. Sechs Gegentore sind Bestwert in der Liga, dazu haben die Berliner bislang erst einmal verloren (0:2 gegen Eintracht Frankfurt).

Irgendwie sieht das im Osten Berlins nicht nach Zufall aus. Urs Fischer, mit Manager Oliver Ruhnert Architekt des Ganzen, hat einen eigenen Spielstil entwickelt und es geschafft, bis dato weitgehend unbekannte Spieler zu holen, die sofort funktionieren - dabei ist der personelle Aderlass von Union von Saison zu Saison groß. „Wir haben versucht, sie zu stressen“, umschreibt Fischer das Köpenicker Prinzip, so spielen sie gegen alle Teams, sie sind nervig und verdammt schwer zu knacken, eine Führung pflegen sie nicht mehr herzugeben, Ballbesitz ist dabei drittrangig. Beim 2:0-Sieg gegen Borussia Dortmund hatten sie 29 Prozent. Aber kann das für den großen Coup reichen? Zweifel sind angebracht, Fischer sagt, er wolle ganz gemütlich erst mal die 40 Punkte vollmachen. Dies nur am Rande: Union war früher, zu DDR-Zeiten in der Oberliga, niemals Tabellenführer.

Und Borussia Dortmund dürfte es so schnell auch nicht werden. Nach Hacke, Spitze, eins, zwei, drei - das der immer mehr zur Gouvernante mutierende Mats Hummels seinen Kollegen verboten hat – will dieser jetzt keine Aktionen mehr sehen, mit denen man „auf Social Media“ kommt. Dann schon lieber den gepflegten 20-Meter-Rückpass - da dürfte halt nur der Torwart nicht über den Ball treten. Der BVB steht sich selbst am meisten im Weg auf ihrer schwarz-gelben Achterbahnfahrt, mal kriegen sie drei Gegentore in fünf Minuten verpasst, mal schießen sie in allerletzter Sekunden den Ausgleich, dann werden sie bei Union Berlin nach allen Regeln der Kunst abgekocht. So wird es schwer, und die Mentalitätsdebatte geht los. Wöchentlich grüßt das Murmeltier.

Das soll ein Titelanwärter sein? Union vielleicht, BVB sicher nicht.
Das soll ein Titelanwärter sein? Union vielleicht, BVB sicher nicht. © AFP

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