1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Das große Fragezeichen

Erstellt:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Alle und alles im Blick: Bundestrainerin : Martina Voss-Tecklenburg.
Alle und alles im Blick: Bundestrainerin : Martina Voss-Tecklenburg. © dpa

Die gute Stimmung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft noch viele Unbekannte mitspielen. Nominierung wird verschoben.

Es herrschte erkennbar gute Laune, als die deutschen Fußballerinnen eine ihrer letzten Einheiten des zweiten EM-Trainingslagers absolvierten. Assistenztrainer Patrik Grolimund mit seinem schweizerischen Zungenschlag hatte sich bei strahlendem Sonnenschein in Herzogenaurach wieder einige sehr anspruchsvolle Übungen ausgedacht: drei Mannschaften, die den Ball entweder mit dem Fuß oder der Hand spielen; das alles auf engem Raum mit wechselnden Aufgaben. Klar, dass das irgendwann nach großem Kuddelmuddel aussah, woraufhin schallendes Gelächter über die weitläufige Anlage am Sitz des DFB-Ausrüsters dröhnte.

Wie im Taubenschlag ging es zuvor im Gebäude „Halftime“ beim obligatorischen Medientag zu, der ein gutes Bild von den hierarchischen Verhältnissen der deutschen Frauen-Nationalmannschaft für die EM in England (6. – 31. Juli) vermittelte. Die bald zum Champions-League-Sieger Olympique Lyon wechselnde Sara Däbritz und die demnächst in den USA spielende Almuth Schult waren in größeren Sitzecken platziert: Mittelfeldspielerin Däbritz, 27, rückt anstelle der an Corona erkrankten und daher auch auf dem offiziellen Mannschaftsbild fehlenden Kapitänin Alexandra Popp vorläufig zur Anführerin auf; Torhüterin Schult gilt trotz ihrer Rückversetzung ins zweite Glied als das Sprachrohr des deutschen Frauenfußballs – die 31-Jährige hat eben zu alles und allem eine Haltung.

Die Stimmung stimmt

Wer sich abseits dieser beiden gefragten Führungskräfte ein Stimmungs- und Meinungsbild einholte, stellte fest: Zwischenmenschlich scheint es auch vor diesem Turnier zu stimmen. Däbritz findet sogar, dass die Mischung aus „jungen Unbekümmerten und erfahrenen Spielerinnen“ jetzt perfekt passt. Die 27-Jährige hat in 85 Länderspielen mit der DFB-Auswahl Höhen und Tiefen erlebt, deshalb formuliert die Frankreich-Legionärin das Ziel etwas vorsichtiger als viele andere: „Wir wollen zu den sechs bis acht Mannschaften gehören, die sich den Traum vom Titel erfüllen können.“ Erfreut ist sie über die offene Kommunikation: „Es reden alle den ganzen Tag.“ Quasselstrippen wie Laura Freigang von Eintracht Frankfurt schaffen es nebenbei noch, selbstironische Kurzvideos über die Mitspielerinnen in den Sozialen Medien zu erstellen, die erstaunliche Abrufzahlen erreichen.

Es geht beim ersten Turnier nach drei Jahren nicht nur um ein besseres Abschneiden als bei der WM 2019 oder EM 2017 – die DFB-Direktion von Oliver Bierhoff wünscht sich jetzt ausdrücklich das Halbfinale – , sondern auch ein übergeordneter Kampf um Aufmerksamkeit spielt im Mutterland des Fußballs mit. Deshalb wird bald auf mehreren Sendern eine Frauenfußball-Doku ausgestrahlt, die sich dem Werdegang und der Leidenschaft von deutschen Nationalspielerinnen widmet, die nach einer emotionalen Kabinenansprache schon mal Tränen vergießen. Die Produktion ist als Serie angedacht – ein erfolgreiches EM-Kapitel käme da wie gerufen.

Doch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg leitet in der fränkischen Provinz nicht nur gut gelaunte, sondern auch einige angeschlagene Spielerinnen an. Neben dem nur über leichte Symptome klagenden Pechvogel Popp leiden Sydney Lohmann (FC Bayern), Tabea Waßmuth (VfL Wolfsburg) und Sjoeke Nüsken (Eintracht Frankfurt) noch an leichteren Blessuren.

Es macht kaum Sinn, bereits an diesem Samstag aus dem 28er-Kader das endgültige 23er-Aufgebot herauszufiltern. Wackelkandidatinnen wie Sophia Kleinherne (Eintracht Frankfurt) sehnen diese Entscheidung herbei: „Es lässt sich zwar niemand anmerken, aber in meinem Kopf ist das wie bei einigen anderen immer ein Thema.“ Doch den endgültigen Cut wird Voss-Tecklenburg wohl erst im letzten Trainingslager in Herzogenaurach (21. bis 29. Juni) vornehmen: „Wichtig ist, dass wir mit nicht zu vielen Fragezeichen zur EM gehen.“

Geheimtest gegen Jungs

Wenn die 54-Jährige ehrlich ist, schwebt ohnehin ein großes Fragezeichen über allem; vor allem, was die Leistungsstärke des achtfachen Europameisters in einem sich rasant verschärften europäischen Vergleich angeht. Nach dem Medientag und vor der Kaderreduzierung haben die DFB-Frauen am Freitag auf dem Adi-Dassler-Sportplatz einen Test gegen ein männliches Juniorenteam ausgetragen – wie üblich hinter verschlossenen Türen. Ansonsten gibt es nur ein einziges offizielles Länderspiel: Erst in Erfurt gegen die Schweiz am kommenden Freitag (17 Uhr/ ZDF) wird jene Elf öffentlich sichtbar, die im EM-Auftaktspiel gegen Dänemark (8. Juli) in Brentford funktionieren soll.

Danach wartet in London gegen Mitfavorit Spanien (12. Juli) ein weiteres Alles-oder-Nichts-Spiel auf ein deutsches Team, das seine einstige Vormachtstellung aber nicht erst in jüngerer Vergangenheit verspielt hat. Bei realistischer Betrachtung geht’s darum, vor dem letzten EM-Gruppenspiel gegen Finnland (16. Juli) alle Optionen aufs Viertelfinale zu besitzen, wo Gastgeber England der Gegner sein kann. Mindestens bis dahin sollte auch die gute Laune anhalten.

Auch interessant

Kommentare