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„Das enttäuscht mich doch sehr“

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Von: Jan Christian Müller

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Fan Bengt Kunkel erzählt Nancy Faeser von seinen Erfahrungen mit katarischen Sicherheitskräften.
Fan Bengt Kunkel erzählt Nancy Faeser von seinen Erfahrungen mit katarischen Sicherheitskräften. © Federico Gambarini/dpa

Ministerin Nancy Faeser und DFB-Chef Bernd Neuendorf sprechen in Doha mit einem Fan, der von der Polizei festgesetzt wurde.

Bengt Kunkel weiß, wie er sich schlau in Szene setzten kann. Der 23-Jährige mit dem seltenen Vornamen studiert Medien- und Kommunikationsforschung an der Sporthochschule in Köln. Er kennt also die Verhaltensweisen von Presse, Funk und Fernsehen. Er hat es dort sogar in die „Stabsstelle Akademische Planung und Steuerung, Presse und Kommunikation“ geschafft. Kunkel steht im Deutschland-Trikot, schwarz-rot-gold bemaltem Gesicht und einem Schweißband in Regenbogenfarben vor der deutschen Innenministerin und neben dem DFB-Präsidenten. Wenn Nancy Faeser und Bernd Neuendorf während der Weltmeisterschaft mit einem deutschen Fußballfan in Doha sprechen, der laut Selbstauskunft am Tag zuvor wegen des Tragens einer Regenbogenbinde von katarischen Sicherheitskräften festgesetzt worden ist, dann sind die Medien natürlich nicht weit. Kunkel darf Interview um Interview geben, er ist der Star an diesem Morgen an der deutschen Fan-Botschaft, die die Koordinationsstelle der Fanprojekte gemeinsam mit dem Deutschen Fußball-Bund eingerichtet hat.

Im Grunde sind es nur zwei Biertische nebeneinander und ein Sonnenschutz, platziert an einer belebten Straßenecke vor einem Café. Die Fan-Botschaft ist traditionell ein wichtiger Anlaufpunkt für deutsche Fans bei Welt- und Europameisterschaften. Auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft steht für Fragen bereit. Und an diesem ganz besonderen Morgen ist auch der Botschafter höchstselbst gekommen, mit Strohhut gegen die Sonne. Als die leibhaftige Faeser schon ein paar Minuten vor der angekündigten Uhrzeit auftaucht, geraten ihre Sicherheitsleute etwas in Unruhe. Die Kameraleute und Fotografen balgen um die besten Plätze, es wird gedrängelt und gedrückt, die Biertische der Fan-Botschaft drohen umzukippen.

Fußballfan Bengt Kunkel spricht dann bald Klartext mit der Politikerin und dem Verbandsfunktionär. Beide präsentieren sich sehr zugewandt, sie ganz in pink, er mit Joggingschuhen komplett in schwarz. Der Fan erklärt ihnen: „Ich bin beim Spiel Niederlande gegen Senegal von meinem Platz in die Katakomben des Stadions geführt worden. Dort hat die Polizei mir mitgeteilt, dass ich die Binde und das Schweißband abzugeben habe oder sie würden mich mitnehmen.“ Er habe die den Kataris missliebigen Utensilien dann lieber ausgehändigt. Er fragt Faeser: „Wo ist die Sicherheit, von der Sie nach Ihrem letzten Katar-Besuch gesprochen haben?“ Die SPD-Politikerin entgegnet, das, was Kunkel widerfahren sei, „ist nicht mein Verständnis der Sicherheitsgarantie, die mir der katarische Innenminister gegeben hat. Das enttäuscht mich doch sehr.“ Sie persönlich könne aber nur für die Sicherheit in Deutschland garantieren. „Ja“, sagt Fan Kunkel, „das verstehe ich, allerdings hat sich das vor einem Monat noch anders angehört.“

SCHENK: „DRAUFHAUEN VERHINDERT EINFLUSSNAHME“

Die frühere Sportfunktionärin Sylvia Schenk fordert eine „differenzierte Diskussion“ zum hart kritisierten WM-Gastgeberland Katar. „Es ist inzwischen eine völlig verkorkste Diskussion, die niemandem hilft“, sagte die Menschenrechtsanwältin. Was im Umgang mit Katar dringend gebraucht werde, sei eine nuancierte Debatte, in der die Fakten und die eigene Position benannt werden mit dem Ziel, etwas zum Besseren zu bewegen. Dies gelte auch für den Deutschen Fußball-Bund und andere deutsche Sportverbände. „Wenn wir nur draufhauen, vermindert sich auch die Möglichkeit der Einflussnahme“, sagte Schenk, die als Menschenrechts-Volunteer bei der WM in Katar sein wird. „Das muss auch irgendwann DFB-Präsident Bernd Neuendorf begreifen, so schön es sein mag, Frontalopposition zu machen. Es geht nicht um faule Kompromisse, aber um etwas zu erreichen, muss man Mehrheiten finden.“ Und wenn man sage, Fifa-Präsident Gianni Infantino gehe gar nicht, müsse man einen Gegenkandidaten aufstellen, „wenn auch nur, um mal einen Punkt zu setzen und dann in vier Jahren zu gewinnen“. dpa

Es sind komplizierte Zeiten für Fans, Politikerinnen und DFB-Präsidenten. Bernd Neuendorf verspricht Kunkel, dass der Verband seinen Fall bei der Fifa vortragen wird. Er habe gerade eine Schaltkonferenz mit den befreundeten europäischen Verbänden abgehalten, es hätten weitere Fans in den ersten WM-Tagen unangenehme Erfahrungen mit katarischen Sicherheitskräften gemacht. „Die tragen wir zusammen und melden sie der Fifa.“ Man messe die Verantwortlichen dort „an ihren eigenen Worten“. Es sei versprochen worden, dass niemand Repressalien fürchten müsse.

Und dann hat der Verbandschef noch eine Neuigkeit zu vermelden. Der DFB habe die Fifa angeschrieben und eine schriftliche Stellungnahme nach den möglichen Sanktionen für das Tragen einer „One Love“-Binde für den Kapitän erfragt. Die sei inzwischen schriftlich eingetroffen. Mit unangenehmen Nachrichten: Die Fifa behalte es sich tatsächlich vor, einen Mannschaftsführer, der die vom Weltverband verbotene Binde trage, vor der Disziplinarkommission anzuklagen. Dort könnten weitere Strafen über eine Gelbe Karte hinweg ausgesprochen werden. Faeser hatte den DFB tags zuvor in den Tagesthemen für seinen Umgang mit der Binde kritisiert, weil dieser sich nicht gegen die Anweisung der Fifa gewehrt hätte.

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