1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Das deutsche Team bei der Fußball-EM: eine Reise, ein Rausch - und die Bitte der Chefin

Erstellt:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Versteckte Tränen: Abwehrspielerin Kathrin Hendrich nach dem Abpfiff im Wembleystadion.
Versteckte Tränen: Abwehrspielerin Kathrin Hendrich nach dem Abpfiff im Wembleystadion. © dpa

Mit dem Titel der Vize-Europameisterinnen kann die Nationalmannschaft gut leben, wenn mehr bleibt als nur die Begeisterung über das Finale in Wembley.

Es ist ein Titel, an den sich der deutsche Frauenfußball erst noch gewöhnen muss. Vize-Europameister. Wer wie auf Knopfdruck zwischen 1989 und 2013 insgesamt acht Mal immer das Endspiel gewann, wenn Deutschland mitspielte, der muss sich erst einmal sammeln, wie es Martina Voss-Tecklenburg nach dem verloren EM-Finale gegen England (1:2 nach Verlängerung) tat. „Vize-Europameister hört sich eigentlich gut an – aber es tut auch ein bisschen weh.“ Und doch hat es ja keinen Unterschied mehr zu einer in der Vergangenheit gewonnenen Welt- und Europameisterschaft gemacht: Am Montag wurde das deutsche Frauen-Nationalteam auf dem Frankfurter Römer begeistert gefeiert. Am Tag zuvor hatten 17,9 Millionen Menschen an den TV-Geräten mitgefiebert, was allein die neuen Dimensionen verdeutlicht, in denen die Frauen jetzt spielen.

Der Empfang in der Heimat machte den Protagonistinnen endgültig klar, wie viele Herzen sie trotz eines zweiten Platzes erreicht haben. „Wir haben in unserer Blase ja nicht so viel mitbekommen“, sagte Voss-Tecklenburg. Die 54-Jährige ist überzeugt davon, dass die beste Zeit für ihr Ensemble erst noch kommt – und vielleicht ist es nicht verkehrt, aus dem unerfüllten Titeltraum noch einen Ansporn zu schöpfen. „Es hat nicht ganz gereicht, aber das wird uns dazu führen, den nächsten Schritt zu machen“, versicherte die Überzeugungstäterin vom Niederrhein. In nicht einmal einem Jahr findet die WM in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August 2023) statt. „Wir werden hoffentlich zur WM fahren als Mannschaft, die wieder begeistert, die mutig spielt.“ Wie bei ihrem ersten Turnier 2019 in Frankreich im Viertelfinale auszuscheiden, kommt nach diesem EM-Auftritt nicht infrage. Die Bundestrainerin soll bald einen langfristigen Vertrag beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) unterschreiben, der pro Spielerin jetzt 30.000 Euro Prämie für die Finalteilnahme überweist.

Ausgetretene Pfade verlassen

Deutscher Ärger über nicht gegebenen Strafstoß

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat nach dem verlorenen EM-Finale gegen England (1:2 nach Verlängerung) deutliche Kritik wegen eines nicht gegebenen Elfmeters geübt. Sie selbst hatte am Spielfeldrand in der 26. Minute zunächst auch nicht mitbekommen, dass der Ball in einer unübersichtlichen Situation kurz vor der Torlinie an den über Schulterhöhe gehaltenen Arm der englischen Kapitänin Leah Williamson gesprungen war. „Auf so einem Niveau darf das nicht passieren“, monierte Voss-Tecklenburg in der Pressekonferenz und forderte die Uefa auf, den Vorfall im Nachgang zu untersuchen. „Warum passiert so etwas? Warum schaut die Schiedsrichterin sich das nicht an? Das ist der Auftrag.“ Sie hätte gerne gesehen, „wenn wir in diesem Spiel vielleicht durch einen Elfmeter in Führung gehen“.

Joti Chatzialexiou , der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, ging noch weiter: „Die Szene erschüttert einen!“ Im Hintergrund stimmten in der Mixed Zone des Wembleystadion englischen Spielerinnen gerade ihr „Football’s Coming Home“-Gesänge an, als Chatzialexiou über eine für ihn „unverständliche“ Entscheidung sprach, „das macht es noch bitterer – wenn es einem so weggenommen wird, tut das weh“. Aus seiner Sicht gebe es bei den Schiedsrichterinnen generell „Optimierungsbedarf“, das gelte vor allem für das Zusammenspiel mit den Videoassistenten, die aus dem Männerfußball kamen. „Das war jetzt das dritte oder vierte Mal in dem Turnier, unabhängig von deutscher Beteiligung, dass nicht so eingegriffen wurde, wie wir es kennen.“

Schiedsrichterin Kateryna Monzul aus der Ukraine gehörte zu den schwächsten Protagonisten des Finals. Die 41-Jährige lag häufig in der Zweikampfbewertung falsch, zückte zu viele Gelbe Karte und konnte ihre Unsicherheit nie verbergen. Was als gute Geste der Uefa an das kriegsgeplagte Land gemeint war, erwies sich als schlecht für das stimmungsvollste Endspiel der EM-Geschichte. Ihre VAR-Assistenten waren zwei erfahrene Referees: Paolo Valeri (Italien) und Pol van Boekel (Niederlande).

Marina Hegering , war an der besagten Szene in der ersten Halbzeit beteiligt: „Ich habe das Handspiel nicht wahrgenommen“. Die später ausgewechselte Abwehrchefin hatte selbst Glück, dass ein mindestens grenzwertiges Einsteigen von ihr gegen Lucy Bronze ebenfalls nicht am Kontrollschirm überprüft wurde. Die 32-Jährige empfahl: „Wir brauchen uns darüber keine Gedanken mehr zu machen. Es ist so, wie es ist. Wir hatten noch lange genug Zeit, das Spiel für uns zu entscheiden.“ hel

Aber um Geld ging es gar nicht, als Voss-Tecklenburg über eine goldene Zukunft sprach. Ihr ist wichtig, dass diese zusammengewachsene Gemeinschaft weitermacht. Ihre hoch geschätzte Abwehrchefin Marina Hegering versicherte als mit 32 Jahren älteste Akteurin sofort, dass sie weiterspielt. Wobei die ersten Länderspiele nach der Frauen-EM 2022, die letzten WM-Qualifikationsspiele in Bulgarien (3. September) und der Türkei (6. September), stimmungstechnisch einen Rückfall in die Steinzeit bedeuten: Statt 87.192 Fans wie in Wembley verlieren sich sehr wahrscheinlich wieder nur wenige Hundert Fans in einem Provinzstadion. Im Herbst hat der DFB immerhin ein Highlight-Länderspiel gegen Frankreich geplant – zuletzt wurde mit den TV-Anstalten um die Anstoßzeit gerungen. Die Neuauflage des EM-Halbfinales im Nachmittagsprogramm zu verstecken, wäre das falsche Signal. Wenn nicht jetzt, wann dann – um im „MVT“-Sprachgebrauch zu bleiben – müssen ausgetretene Pfade verlassen werden.

Nachhaltiges Interesse wünscht sich auch Kapitänin Alexandra Popp, die beim Aufwärmen merkte, dass sie wegen einer Zerrung am hinteren Oberschenkel „keinen Schuss abgeben konnte, der fester als ein Rückpass war“ – und deshalb wohl oder übel fürs Finale passen musste: „Uns allen ist klar, dass wir einiges bewegt haben.“ Da gelte es, weiterzumachen. Ihre Ersatzkapitänin Svenja Huth hofft, „dass das nur der Anfang war von dem Hype in Deutschland. Wir wollen die Zuschauer nachhaltig binden: Der Markt ist vorhanden, aber wir müssen ihn natürlich auch bespielen.“

Für den finalen Schritt auf den Thron braucht es noch eine Prise mehr Power. Hinten muss besser geklärt werden als Kathrin Hendrich beim 1:2 und vorne braucht es entschlossene Alternativen, wie sie der neue Europameister England mit seinen Torschützinnen Ella Toone und Chloe Kelly auf den heiligen Rasen warf. Auf deutscher Seite blieb die Hereinnahme der ja eigentlich zur Rechtsverteidigerin umgeschulten Nicole Anyomi als Außenstürmerin diskutabel. Warum kam mit Laura Freigang nicht eine klassische Torjägerin, wo doch Popp und Klara Bühl fehlten und Lea Schüller nach ihrer Corona-Erkrankung ohne Wirkung blieb? Voss-Tecklenburg wollte auf den verpufften Effekt ihrer Einwechselspielerinnen indes nicht eingehen. Noch ist niemand perfekt – auch die Bundestrainerin nicht.

Nach der Siegerzeremonie, bei der die extrem enttäuschte, weil im Finale nicht so wirkungsvolle Lena Oberdorf den Preis als beste Nachwuchsspielerin erhielt (die eigentlich auch Deutschlands Fußballerin des Jahres hätte werden müssen), hatten Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Innenministerin Nancy Faeser den Weg in die deutsche Kabine gefunden. Der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou stellte das Versprechen des Kanzlers heraus, „dass er den Frauenfußball auch in Zukunft so unterstützen möchte, damit wir das Turnier nachhaltig mit nach Deutschland nehmen können.“ Da hörte sich einer so an, als würde er die hohe Politik ansonsten sehr zeitnah daran erinnern, den (Frauen-)Sport in Deutschland endlich mehr wertzuschätzen.

In diesem Duktus verabschiedete sich auch Voss-Tecklenburg aus London, die als eine der überzeugendsten Botschafterinnen der EM von einer Reise sprach, die sich wie ein Rausch anfühlte. Ihre Bitte: „Es wäre wirklich schade, wenn diese Reise nicht auch dazu führt, dass viele andere mitgenommen werden, dass man den Weg in der Gesellschaft findet, Frauen als starke Personen anzuerkennen. Wir haben ein Statement gesetzt.“ Ein besseres Schlusswort hätte es nicht geben können. Für einen Vize-Europameister, der auch ohne Trophäe in England ganz viel gewonnen hat.

Auch interessant

Kommentare