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Der „Bomber der Nation“ in Aktion: Gerd Müller (links) überwindet den Niederländer Ruud Krol zum Siegtreffer im WM-Finale 1974.
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Der „Bomber der Nation“ in Aktion: Gerd Müller (links) überwindet den Niederländer Ruud Krol zum Siegtreffer im WM-Finale 1974.

Zum Tod von Gerd Müller

Das Bumm verklingt

  • Günter Klein
    VonGünter Klein
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Er war eine der prägendsten Figuren des deutschen Fußballs und der vielleicht wichtigste Spieler in der Geschichte des FC Bayer München. Jetzt ist Gerd Müller mit 75 gestorben. Nachruf auf eine Legende.

Heute steht die Welt des FC Bayern still“, lautete die Meldung am Sonntag um 13.25 Uhr. Der berühmteste Fußballverein Deutschlands musste etwas mitteilen, worauf er sich hatte vorbereiten können: den Tod von Gerd Müller, dem wichtigsten Spieler seiner Geschichte, dem beliebtesten, dem verehrtesten. Als der Mann, den man den „Bomber der Nation“ nannte, am 3. November vorigen Jahres 75 wurde, konnte er selbst das schon gar nicht mehr realisieren. Er lebte im Pflegeheim, lange schon, seine Frau Uschi erzählte, er schlafe friedlich seinem Tod entgegen.

Wie rund um seinen 75. Geburtstag wird man sich nun noch einmal all diese liebenswürdigen Geschichten von Gerd Müller erzählen, der ja nicht nur ein großartiger Fußballer war, sondern auch ein Typ, an dem sich alle wärmen konnten. Eine Anekdote, die viel aussagt über ihn, stammt aus den später 60er-Jahren, als dieser eigentümliche Stürmer ein aufstrebender Spieler im deutschen Fußball war und in der Nationalmannschaft seine ersten Tore machte. Die Kollegen beim FC Bayern wollten schön einen draufmachen, sich ins Nachtleben der Stadt mit all seinen Facetten stürzen, und sie fragten den jungen Gerd Müller, ob er mitgehe.

Er lehnte höflich ab und begründete es auch noch – in seiner Mundart, die ihm aus der Jugend in Nördlingen, im Ries, geblieben war: „D’Muaddr hot an Kartoffelsalat gmacht.“ Und über den ging nichts. Hausmannskost und Hausmannsdasein gaben ihm die Kraft für eine der größten Karrieren im Fußball.

Gerd Müller war der wichtigste Mann in der Vereinsgeschichte des FC Bayern. Das hat Uli Hoeneß immer wieder betont, der ja selbst die zentrale Figur des Klubs ist für viele Anhänger, weil er erfolgreich in ihm spielte und ihn als Manager weiter formte. Auch Beckenbauer, der als Libero, Aushilfstrainer und Präsident strahlte, sei, so findet es Hoeneß, an Müller nicht rangekommen. „Ohne die Tore vom Gerd wäre der FC Bayern nicht der geworden, der er heute ist.“ Er beteuerte es mehr als einmal.

Die Arena, der Ruhm, die Markenkraft des FC Bayern – Müller schuf all das mit, weil er im Bayern-Spiel der 70er-Jahre die letzte Instanz war. Der Mann, der abschloss. „Dann macht es bumm, ja und dann kracht’s“, sagte, nein, sang er. Er hat auch mal eine Platte aufgenommen.

40 Tore aus der Bundesligasaison 1971/72 wurden zum Wert, der unerreichbar schien – und doch zerstob wie einst der Weitsprung-Jahrhundertrekord (8,90 Meter) von Bob Beamon. Robert Lewandowski erzielte in der vergangenen Saison 41 Tore, doch es war nicht so, dass das als Sturz der Vereinslegende Müller empfunden wurde. Lewandowski, der im selben Klub spielt wie einst Müller und dem Vorgänger nie persönlich begegnete, war feinfühlig genug, den Gerd mit einem T-Shirt als den Größten aller Zeiten zu würdigen. Ohnehin lassen sich Vergleiche über Generationen nicht seriös ziehen.

Andere Zeiten, anderes Spiel, auch wenn es immer Fußball hieß und darum ging, einen Ball über die Linie zu bringen. Gerd Müller hat, als es ihm gesundheitlich noch gut ging, um seinen 60. Geburtstag 2005 herum, darauf hingewiesen, dass er sich zu seiner aktiven Zeit mit knorrigen Manndeckern habe herumschlagen müssen, mit Spielern, die die Mentalität von Kettenhunden hatten, die „reinwichsten wie der Berti Vogts. Heute spielt man Raumdeckung. Da hätte ich 60 Tore in der Saison geschossen.“

Das ist natürlich hypothetisch, aber gewiss ist: Müller war ein einzigartiger Spielertyp. Klein und dennoch ein Kopfballmonster. Dicklich (sein erster Trainer bei Bayern, der Jugoslawe Tschik Cajkovski, nannte ihn „kleines dickes Müller“), aber ungemein wendig und vor allem mit einem Torinstinkt ausgestattet, den es in Deutschland eben kein zweites Mal gab. Der Ball konnte schon weggesprungen und verloren sein – wie jener, den er doch noch zum 2:1-Siegtreffer im Münchner WM-Endspiel von 1974 gegen die Niederlande verwertete. Er erzielte Tore auch im Liegen und Sitzen, dann war auch wieder ein Mordsschuss von außerhalb des Sechzehners dabei.

Die Quoten, die er schaffte: 68 Tore in 62 Länderspielen, 365 Bundesligatore in 427 Spielen. Ein Trainer durfte ihn nie auswechseln, auch wenn Gerd Müller 89 Minuten unsichtbar geblieben war. Es gab immer noch die 90. Minute. Erst der kompromisslose Ungar Pal Csernai hat sich mit Müller angelegt, ihn 1979 einfach ausgewechselt. Gerd Müller verstand: Er war 33, kein Nationalspieler mehr (am Tag nach dem WM-Gewinn von 1974 war er zurückgetreten, weil die Spielerfrauen nicht zum Bankett eingelassen wurden), es war Zeit zu gehen, der Jahrhundertspieler wechselte zu den Fort Lauderdale Strikers nach Florida. Weit weg von Mutters Kartoffelsalat.

Er spielte noch ein wenig Fußball, er entdeckte den Sport Racquetball, „eine Art Squash“, wie er es beschrieb, er eröffnete ein Steakhouse, wofür ihm aber das geschäftliche Geschick fehlte und er in Amerika als Soccerplayer auch zu unbekannt war, um mehr Kundschaft anzulocken als ein paar versprengte deutsche Touristen. Gerd Müller ging pleite, er trank. Er war ein vergessener Held.

Es zählt zu den Verdiensten von Uli Hoeneß, dass er dem still verzweifelten Gerd Müller auf die Beine half. Er schickte ihn in Therapie, er gab ihm eine Anstellung beim FC Bayern. Co-Trainer bei der zweiten Mannschaft, ein Lebensinhalt, ohne dass Verantwortung Müller erdrückte. Er instruierte die Stürmer, das ging ihm leicht von der Hand, Thomas Müller wurde sein Schützling, beide fanden dann auch in Werbespots zusammen.

Seinen Job an der Säbener Straße erledigte Gerd Müller gewissenhaft. Er war immer schon vor den anderen da, er blieb dann noch eine Weile im Auto sitzen und las Zeitung. Und wenn sie auf der Geschäftsstelle jemanden brauchten, der ein paar Kartons trägt, hat er auch das gemacht. Charakterfrage.

In die Öffentlichkeit hat es ihn nicht gezogen, doch Gerd Müller hat erledigt, worum der Verein ihn bat. Zum Beispiel, auf Champions-League-Reisen dabei zu sein, als eine Art Erlebnisfaktor für die Sponsoren. Oder wenn der DFB rief: Für den reiste er zur WM 2010 nach Südafrika, es ging um die Vorstellung eines Balls für die Bundesliga. Er hat’s in seiner Gutmütigkeit halt gemacht. Aber man konnte damals bereits merken: Alleine fand er sich schwer zurecht. Gerd Müller hatte begonnen, zu vergessen, was vor kurzem war. In einem Trainingslager mit den Bayern-Amateuren war er stundenlang verschollen, er fand das Mannschaftshotel nicht wieder. Gerd Müller wurde dement, Hoeneß und der FC Bayern mussten einen Weg finden, ihm einen Lebensabend mit Unterstützung und Ruhe zu ermöglichen. Unter einem Pseudonym bekam Müller einen Platz in einem Pflegeheim; die Presse wurde eingeweiht und gebeten, in der Sache Müller keinen Wirbel zu veranstalten. Kurz vor dem 70.Geburtstag seines Vereinsidols ließ der FC Bayern dann verlautbaren, wie es um Gerd Müller steht.

Seine Frau Uschi hatte in den vergangenen Jahren alles gesammelt und geordnet, was zu Gerds Karriere und Leben gehörte: Es soll nichts vergessen werden. Das wird es aber auch nicht. Gerd hat es so oft „müllern lassen“, dass er seinen Platz in der Geschichte der Bundesrepublik sicher hat. Über seinen Tod hinaus. Für immer.

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