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Gastarbeiter über Zustände in Katar: „Was passiert, wenn die Show weiterzieht?“

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Von: Günter Klein

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Kurze Pause, aber ja nicht zu lang: ein Arbeiter vor der Skyline Dohas. imago images
Kurze Pause, aber ja nicht zu lang: ein Arbeiter vor der Skyline Dohas. © Imago/Agencia EFE

Ein Arbeiter in Katar spricht über die Bedingungen vor der WM – und die Befürchtung, wie es weitergeht, wenn die Welt nicht mehr auf das Gastgeberland schaut.

Über die Umstände dieses Gesprächs soll nicht näher geschrieben werden, und der Name des Interviewten muss ein anderer sein. Tenzin nennen wir den Mann, der schon lange als Wanderarbeiter in Katar tätig ist. Er sagt: „Die Situation ist gerade schwierig. Wir werden überwacht, seit Reporter aus Nepal und Großbritannien bei uns waren. Man will nicht, dass wir Journalisten treffen.“

Tenzin, gerade läuft die Fußball-Weltmeisterschaft auf Hochtouren. Verzeihen Sie die Frage, denn sie könnte zynisch wirken: Verfolgen Sie das – oder wenden Sie sich ab, weil die Vorbereitung dieses Ereignisses viele Opfer gefordert hat?

Fußball ist eines der besten Spiele der Welt, wir würden die Spiele anschauen, wenn wir zu Hause wären. Und viele von uns tun das hier. Einige meiner Landsleute sind sogar bei Spielen gewesen.

Sie auch?

Ich habe versucht, ein Ticket zu kaufen, aber bin gescheitert, wegen der vielen Anfragen.

Erzählen Sie uns ein bisschen von sich.

Ich bin 2003 nach Katar gekommen, 2006 nach Abu Dhabi gewechselt und 2008 zurückgekehrt. Seit 2013 bin ich dauerhaft in Katar.

Was hat sich geändert?

Schon einiges. Wenn ich zu meiner Anfangszeit am Freitag, das ist der Feiertag hier, in eine Mall gehen wollte, wurde mir als „migrant worker“ der Zugang verwehrt. Da stand der Sicherheitsdienst und sagte: „Heute nur für Familien.“ Das betraf auch andere Ausländer. 2010 hat man uns erlaubt, freitags zur Mall zu gehen.

Weil da Katars WM-Bewerbung auf Hochtouren lief?

Möglich. Nach und nach gab es Verbesserungen. 2017 wurden auch die Visaregeln geändert. Bis dahin galt: Wenn man in Katar gearbeitet hatte und etwa nach Abu Dhabi ging, war man für zwei Jahre gesperrt und durfte nicht mehr rein. Und das Kafala-System, von dem Sie sicher gehört haben …

… ein großes Thema auch in Deutschland, ja …

… es wurde offiziell abgeschafft. Für 95 Prozent ist das eine Verbesserung, man kann ohne Erlaubnis ausreisen. Ich reise einmal im Jahr nach Nepal zu meiner Familie. Ich habe eine Tochter und einen Sohn, und meine Firma bezahlt mir den Flug.

Die FR schaut nicht nur sportlich, sondern auch politisch auf Katar.
Die FR schaut nicht nur sportlich, sondern auch politisch auf Katar. © FR

In welchen Bereichen arbeiten Sie?

Ich fing im Öl- und Gassektor an, die Arbeitsbedingungen waren hochgefährlich. Aber auch im Bau, vor allem bei Hochhäusern, gab es nur unzureichende Sicherung. Bis 2010 hat sich niemand um die Arbeiter geschert. Mit den Jahren hat sich das zum Besseren gewendet, mit klareren Sicherheitsvorgaben, die Vertragsfirmen sind einfach dazu verpflichtet, dafür zu sorgen. Das ist auch ein Gewinn für die Firmen. Jetzt arbeite ich in einer Baufirma, wir haben ein Projekt in Lusail, wo das größte WM-Stadion steht. Das Lusail Iconic, in das fast 89.000 Personen passen. Es wird nach der WM zurückgebaut.

Ist das nicht skurril? Menschen mussten dafür ihr Leben lassen, und dann verschwindet dieses Stadion nach ein bisschen Show.

Wir finden das nicht schön, dass es so ist. Aber da der Platz in Lusail beschränkt ist, gibt es Pläne für eine andere Nutzung des Areals.

Stimmt das Gerücht, Katar habe viele Gastarbeiter für die Zeit der WM außer Landes gebracht, um das Bild der Veranstaltung nicht zu trüben?

Davon habe ich nichts gehört. Und auch nicht den Eindruck, dass es so wäre.

Was haben Sie verdient?

Zunächst war es so: Ich als Nepalese bekam 800 Rial (210 Euro, d. Red.), der Inder 900, der Pakistani 1000, der Filippino 1200 – für die gleiche Arbeit. Aufgrund der Einwirkung der internationalen Gewerkschaften wurde ein Mindestlohn von 1000 Rial festgelegt. Dazu muss der Arbeitgeber Unterkunft und Verpflegung stellen oder, wenn man das selbst übernimmt, 500 und 300 Rial zahlen. Man könnte auf 1800 Rial kommen.

Wie ist es bei Ihnen?

Ich lebe in einer Unterkunft der Firma, für die ich arbeite. Wir waren auch schon zu zehnt in einem Zimmer, jetzt zu zweit. Früher erfolgte die Bezahlung ausschließlich in bar, nun dürfen wir Bankkonten haben. Die ILO hat uns sehr geholfen in dieser Frage. Trotz der Fortschritte: Es bleibt schwer, den Arbeitgeber zu wechseln; da weicht die Realität von dem ab, was auf dem Papier steht.

Wie sind denn Ihre Arbeitszeiten?

Sechs Tage die Woche neun Stunden. Sie machen das fast zwanzig Jahre.

Spüren Sie das?

Ja, aber jetzt ist es vom Wetter her angenehm zu arbeiten. Sechs Monate komme ich gut klar, doch vier Monate ist es höllisch, wir haben dann Temperaturen bis zu 51, 52 Grad. Die Hitze ist sehr bedrohlich, die häufigste Ursache von Todesfällen.

Interessant ist ja: Was wird nach der WM geschehen?

Das besorgt uns. Was, wenn die Fifa nicht mehr auf Katar schaut, weil die Show weiterzieht? Wichtig für uns waren die Baustelleninspektionen durch Gewerkschaften. Die letzte war im November, kurz vor und wegen der WM. Die nächste ist im Juni, Juli 2023. Werden wir unsere Gehälter bekommen, oder geht in Katar alles zurück in eine Zeit wie vor 2006 oder 2010?

Haben Sie die Aktion der deutschen Mannschaft mitbekommen, deren Spieler sich als Zeichen des „One Love“-Armbindenverbots die Hand vor den Mund gehalten haben?

Ich fand es eine großartige Geste. Sie gilt der LGBTQI-Bewegung und uns Arbeitern. Es ist ein Aufruf zur Menschlichkeit und dazu, alle zu respektieren. Deutschland hat sehr viel getan, um die Situation von uns Wanderarbeitern zu verbessern. Dafür möchte ich jedem danken. (Günter Klein)

Ein Iraner feierte das Ausscheiden der iranischen Nationalmannschaft bei der WM in Katar und wurde von der Polizei erschossen.

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