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Das Beispiel Hitzlsperger

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Von: Jan Christian Müller

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Neuer Anlauf in Lissabon: Julian Draxler.
Neuer Anlauf in Lissabon: Julian Draxler. © AFP

Timo Werner, Thilo Kehrer, Julian Weigl und Julian Draxler haben in aller Eile noch den Klub gewechselt, um sich für die WM zu empfehlen. Kann das klappen? Ein Kommentar.

Es gibt eine schmerzvolle Erinnerung von Thomas Hitzlsperger, damals, zum Jahreswechsel 2009/2010. Der Mittelfeldspieler hatte unter dem neuen Trainer Christian Gross keine Perspektive mehr im Mittelfeld des VfB Stuttgart erkennen können. „Hitz, the Hammer“, im Meisterjahr 2007 noch gefeierter Held beim VFB und bei der Europameisterschaft 2008 Stammkraft beim Finalteilnehmer Deutschland, fühlte sich aufs Abstellgleis geschoben. Also wechselte er in aller Eile in letzter Minute im Januar 2010 zu Lazio Rom. Er wollte seine Chance auf eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2010 wahren.

Der Schuss ging nach hinten los. Kaum war Hitzlsperger in Rom angekommen, wurde der Trainer, der ihn geholt hatte, schon rausgeworfen. Der neue Lazio-Chefcoach konnte nicht viel mit dem Deutschen anfangen. Einmal wurde Hitzlsperger eingewechselt und bald darauf wieder ausgewechselt. Der Tiefpunkt. Er schaffte es im besten Fußballalter von 28 Jahren nicht mehr, auf den WM-Zug aufzuspringen.

Vermutlich kennen Timo Werner, Thilo Kehrer, Julian Weigl und Julian Draxler die frustrierendste Episode aus Thomas Hitzlspergers Profikarriere nicht, ohnehin sollten sie sich nicht davon abschrecken lassen. Was sie aber im Sommer 2022 mit dem Ex-Nationalspieler im Winter 2010 verbindet: Sie waren in ihren bisherigen Klubs nicht mehr wohlgelitten, spielten am Ende noch nicht mal mehr sporadisch und sind deshalb allesamt das kalkulierte Risiko eingegangen, mit einem Wechsel ihre Nominierung für die Winter-WM in Katar nicht noch mehr zu gefährden (Werner, Kehrer) oder aus relativ aussichtsloser Situation noch zu erkämpfen (Weigl, Draxler).

Draxler darf bei seinem Wechsel zu Trainer Roger Schmidt bei Benfica Lissabon auf den Götze-Effekt hoffen. Der aus dem Fokus der Nationalmannschaft geratene Mario Götze schaffte es unter Schmidt beim PSV Eindhoven, sich wieder so sehr aufzupeppeln, dass er sich inzwischen zumindest wieder im Blickfeld von Bundestrainer Hansi Flick befindet.

Flick hatte zuletzt sehr deutlich gemacht, was er im November und Dezember erwartet: „Wir brauchen Spieler, die im Rhythmus sind. Gerade für Katar ist entscheidend, dass wir Spieler mit vielen Minuten haben. Wir haben überhaupt keine Zeit, irgendwas nachzubessern. Wenn da konditionelle Defizite sind, ist es unmöglich, im Verlauf eines Turniers noch mal dran zu arbeiten.“

Das hört sich verdächtig nach einer realistischen Einschätzung an, weshalb auch Charakterkopf Robin Gosens gerne von Inter Mailand zu Bayer Leverkusen gewechselt wäre. Der Linksverteidiger ist bei Inter nur Ergänzungsspieler und hat zudem seinen Platz links im Nationalteam an David Raum verloren. Allein: Der Wechsel scheiterte, weil die Mailänder 30 Millionen Euro Ablöse verlangten. Hitzlsperger hat übrigens vor zwölf Jahren 550 000 Euro gekostet.

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