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Darmstadt 98 zwischen Stolz und Tal der Tränen

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Von: Daniel Schmitt

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Der Dank an die Fans: Darmstadts Kapitän Fabian Holland nach dem Spiel.
Der Dank an die Fans: Darmstadts Kapitän Fabian Holland nach dem Spiel. © dpa

Auch ein überzeugender 3:0-Sieg gegen den SC Paderborn reicht den Lilien nicht, weil der Hamburger SV sein Spiel noch dreht.

Um 17.06 Uhr am Sonntagnachmittag war es plötzlich ganz still. Im Fußballstadion zu Darmstadt schwiegen bald 14 000 Menschen zeitgleich, nicht sonderlich lange, nein, vielleicht 30 Sekunden, höchstens eine Minute, doch die Fans des südhessischen Zweitligisten mussten für diesen kurzen Moment schlicht das verarbeiten, was sie mehrheitlich gar nicht sehen konnten - mit Ausnahme einiger (Un)glücklicher samt eines an Datenvolumen reichen Mobilfunkvertrages.

Der Hamburger 2:1-Führungstreffer in Rostock jedenfalls war just gefallen und schwappte ähnlich rasch durchs Bölle wie es wenige Sekunden zuvor noch die gute Laune der Darmstädter Anhängerschaft getan hatte. Sie ahnten es jetzt, die treuen Lilien-Fans an ihren Handys oder mit dem Radiokommentar auf den Ohren: Es wird nichts mehr, das war’s, der Traum vom Aufstieg in die Bundesliga ist geplatzt.

Genau eine halbe Stunde später, 17.26 Uhr, hatte sich das Befürchtete aus Darmstädter Sicht tatsächlich bewahrheitet, der eigene 3:0 (3:0)-Erfolg gegen den SC Paderborn war erst wenige Minuten erledigt (Doppelpack von Luca Pfeiffer, ein Tor von Tim Skarke) und im Grunde keiner Rede mehr wert, da mengten sich die Emotionen auf hessischer Seite zu einem kaum greifbaren Gemisch. Enttäuschung, Schmerz, Ärger, Stolz, Trotz, selbst Freude war dabei, alles irgendwie. Manch einer weinte, vor allem die Darmstädter Spieler auf dem Rasen, die meisten anderen Fans auf den Tribünen sangen gegen ihre mentale Überforderung an. Minutenlang ging das so, als habe die Darmstädter Mannschaft den vierten Bundesligaaufstieg in ihrer Geschichte doch noch gewuppt. „Danke“, schrie der Torwart Marcel Schuhen dann noch stehend vor der Südtribüne ins Mikrofon des Vorsängers, „wir sind einfach unglaublich dankbar für eure Unterstützung. Wir haben unser Herz auf dem Platz gelassen. Solange wir dieses Trikot tragen, wird das immer so sein. Wir stehen auch jetzt wieder auf.“

Selbst der Schiri tröstet

Es machte sich in diesen Minuten ein Potpourri an speziellen Momente breit. Wie der Darmstädter Trainer Torsten Lieberknecht alleine auf die Ehrenrunde schritt, sich dabei ständig umdrehte und auf seine an der Mittellinie verharrenden Spieler zeigte. Wie der Stürmer Phillip Tietz noch hinein in den langgezogenen Abpfiff auf den Boden plumpste und die Tränen über die Wangen plätschern ließ. Wie der Schiedsrichter Deniz Aytekin gleich drei, vier Darmstädter in die Arme nahm und sie tröstete. Wie der 98-Präsident Rüdiger Fritsch mit stolzgeschwellter Brust den Moment der Niederlage, das war der vierte Platz an diesem Tage nun mal, wortreich zu einem positiven verwandelte. Auch wenn am Ende der „Porzellanplatz“ übrig bleibe, begann Fritsch, „die Mannschaft hat sich wahnsinnig gut präsentiert. Jetzt können wir fünf Minuten traurig sein, dann können wir viel Kraft für die neue Saison rausziehen.“ Er verspüre Stolz, denn man müsse ja auch bedenken: „Sind Schalke, Werder und der HSV wirklich Zweitligisten? Und hinter diesen Mannschaften kommt Darmstadt 98, mit kleinsten Mitteln und ohne Millionenschulden oder Wette auf die Zukunft. Da können wir mächtig stolz drauf sein.“ In der Tat.

Die Lilien beendeten die Saison mit 60 Punkten, haben damit sogar die Ausbeute der Aufstiegsspielzeit 2014/15 mit damals 59 Zähler übertroffen. Sie standen an insgesamt 16 Spieltagen auf einem der ersten drei Plätze, waren die von Coach Lieberknecht oft zitierte „Klette“ für die großen Drei der Liga, über einige Phasen der Runde zeigten sie gar besseren Fußball als die nun wieder erstklassige Konkurrenz. „Die Tränen gehören dazu, das Herz darf auch mal gebrochen sein“, so Torsten Lieberknecht, der nicht Torsten Lieberknecht wäre, würde er nicht den Blick nach vorne richten. Seine Devise: „Wunden lecken und wieder aufstehen und darauf freuen, was da noch kommt.“ Die sechste Saison in Folge in der deutschen Zweitklassigkeit. Für einen Klub wie den SV Darmstadt 98 ein achtbarer Erfolg – auch an diesem Tag der Tränen.

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