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Darmstadt 98: Sicheres Balancieren auf dem schmalen Grat

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Von: Daniel Schmitt

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Eingewechselt, Siegtor erzielt, verletzt wieder raus: Aaron Seydel (re.) mit einem speziellen Arbeitstag.
Eingewechselt, Siegtor erzielt, verletzt wieder raus: Aaron Seydel (re.) mit einem speziellen Arbeitstag. © dpa

Darmstadt 98 sorgt für eine Pokal-Überraschung, die für einige gar keine allzu große Überraschung ist. Das Team von Torsten Lieberknecht spielt erstligareif, doch der Trainer will davon lieber nichts wissen

Daniel Farke winkte ab. Nein, nein, bedeutete der Trainer von Borussia Mönchengladbach während der Pressekonferenz im Anschluss an die 1:2-Niederlage seiner Erstligafußballer vom Niederrhein beim SV Darmstadt 98, dieses Zweitrunden-Aus im DFB-Pokal sei nun wirklich „keine Blamage“, obwohl da auf der anderen Seite ein Zweitligist stand. Es sei weit, sogar sehr weit davon entfernt. Stattdessen: „Einfach ein grandioser Pokalsieg für Darmstadt.“

Farke wirkte nicht sonderlich erbost ob der durchwachsenen Leistungen seiner Spieler, lobte sie in Teilen gar für ihren Eifer, obwohl die Borussia am Böllenfalltor im Grunde ihre einzige Titelchance verstreichen ließ. Für Farke aber, das spürt man, kam die Pleite nicht überraschend. Denn: „Das war ein Duell auf Erstliganiveau, da war bei Darmstadt kein Unterschied zu einem Bundesligisten im unteren Tabellendrittel zu erkennen - im Gegenteil. Sie haben sogar das Momentum auf ihrer Seite.“

In der Tat spielt der Sportverein 1898 in diesen Tagen mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen Fußball. Die Darmstädter sind seit zwölf Pflichtpartien ungeschlagen, die letzte Niederlage kassierten sie am ersten Zweitligaspieltag in Regensburg, 16. Juli, drei Monate her. Seitdem läuft den Südhessen so ziemlich alles rein, was reinlaufen kann. Im Pokal stehen sie nach dem Sensationscoup gegen Gladbach im Achtelfinale, die Ligatabelle führen sie an, zogen vergangenes Wochenende am Hamburger SV vorbei, haben schon sieben Punkte Vorsprung auf Rang vier. Der Aufstieg scheint nach einem absolvierten Saisondrittel möglich, wenngleich er noch eine lange Strecke entfernt ist. Vor allem in den Augen von Torsten Lieberknecht.

Der Lilien-Trainer, der die Mannschaft in seiner zweiten Saison besser als in der ersten gemacht hat - und bereits vergangene Runde reichte es zu Rang vier -, hält von allzu ausufernder Begeisterung nicht viel. Er flüchtet sich seit Wochen ins Understatement. Als Farke über die „tolle Leistung“ der Lilien minutenlang referierte, schaute Lieberknecht auf dem Podium mit leerem Blick in die Ferne. Keine Regung, kein Lächeln, „ich bin relativ nüchtern“. Bereits am Freitag (18.30 Uhr/Sky) stünde schließlich das nächste wichtige Spiel an, daheim gegen Holstein Kiel, das sei sehr wenig Zeit zur Erholung, um von den ganzen Verletzten gar nicht erst zu reden. Jüngst kamen Verteidiger Christoph Zimmermann und Pokalheld Aaron Seydel, der eingewechselt wurde, zum 2:1 traf und dann mit einer Oberschenkelblessur gleich wieder das Feld verließ, dazu. Die Mannschaft habe einfach „viele Körner gelassen“. Also, so der Trainer abschließend: „Das ist ein schmaler Grat.“

Torsten Lieberknecht bewegt sich seit seiner Ankunft in Darmstadt vor eineinhalb Jahren auf diesem schmalen Grat jedoch wie ein geübter Turner. Erhaben, souverän, standhaft, mögliche Gefahren locker ausbalancierend. Ein entscheidendes Schlagwort in diesem Zusammenhang: Vertrauen.

In Darmstadt scheint zusammengefunden zu haben, was zusammengehört: Ein authentischer Trainer mit einer Mannschaft, die dessen Ideen vom Fußball folgt. Eine Mannschaft, deren Führungsspieler auf Augenhöhe mit dem Coach interagieren und ihre Eindrücke offen und ehrlich einfließen lassen in die Beurteilung der Lage. Dazu ein Umfeld, das genießt, geerdet wirkt, nicht abhebt.

Es ist ja nicht so, dass es unter den Lieberknecht-Vorgängern Markus Anfang und Dimitrios Grammozis mies gelaufen wäre für die Lilien, auch damals spielten sie bereits ordentlich mit in Liga zwei. Nie aber vermochten jene Fußballlehrer ein derartig festes Band zwischen Team, Fans, Verantwortlichen zu knüpfen, wie es Lieberknecht gelingt. Nicht umsonst hat er seinen Vertrag bis 2025 verlängert, nicht umsonst hofft Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch auf eine Lieberknecht-Epoche in Darmstadt. „Man spürt gegenseitig Feuer und Flamme“, so der Coach. Darmstadt 98 brennt für eine gemeinsame Sache, den gemeinsamen Erfolg.

Und Lieberknecht hat dann auch eine Mannschaft geformt, die nicht nur kämpfen und beißen kann, sondern auch guten Fußball spielt. Gegen Gladbach bewegte sich die Mannschaft auch spielerisch auf Augenhöhe, in der zweiten Liga ist sie vielen Gegner entsprechend überlegen. Gewiss müssten sich die Lilien - zumindest die aktuellen Formkurven als Maßstab - gegen Erstligisten wie Bochum oder Schalke nicht verstecken.

Es sind nicht die ein, zwei Spieler, die regelmäßig den Unterschied machen, sondern eine Reihe unterschiedlichster Männer. Im Tor hat Marcel Schuhen eine überdurchschnittliche Form seit Monaten konserviert, auch gegen die Gladbacher hielt er den Sieg kurz vor Schluss mit einer Wahnsinnsparade fest. In der Abwehr verfügt Patric Pfeifer über Bundesligareife, ist zudem Kapitän Fabian Holland als Linksverteidiger die personifizierte Konstante. Sein Gegenpart auf der anderen Seite, Matthias Bader, hat sich en passant zum besten Rechtsverteidiger der zweiten Liga gemacht. Im Mittelfeld verfügen Leute wie Tobias Kempe oder Marvin Mehlem über fußballerische Klasse, vorne Phillip Tietz über Abschlussqualität und Braydon Manu über eine die Gegner verrückt-machende Wildheit.

Der begeisternde Pokalerfolg gegen Gladbach, ausgestrahlt in der ARD, machte einer breiten Masse nur jenen Eindruck offensichtlich, der sich regelmäßigen Darmstadt-Beobachter:innen bereits länger aufdrängt: Der SV 98 ist auf einem sehr guten Weg, der bei aller nötigen Vorsicht aufgrund der immer noch frühen Saisonphase durchaus in die Bundesliga führen kann. Am besten einfach mal bei Daniel Farke nachfragen.

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