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Gewollter "Anti-Star" des deutschen Fußballs: Julian Brandt.

Julian Brandt

"Dann würde unsere Mama böse werden"

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Jung-Nationalspieler Julian Brandt über Familie, Lausbubenstreiche, Freestyle-Fußball, Tattoos ? und wie seine Freunde auf ihn aufpassen.

Herr Brandt, Sie haben bestimmt mächtig Ärger mit Antonio Rüdiger bekommen, weil Sie neulich berichtet haben, der würde unbedingt mal Riesenrad fahren wollen. Will er aber gar nicht. Er traut sich nämlich nicht.
Toni versteht den Spaß. Der ist nicht beleidigt (lacht).

Aha, das Ganze war ein Lausbubenstreich. Gibt es so was tatsächlich noch im Profifußball?
Na klar. Die müssen sich nur im Rahmen halten.

Sie sind gerade mal 21 Jahre alt. Der Öffentlichkeit gegenüber geben sich viele Nationalspieler so reif und reserviert. Ist das nur eine Fassade und in der Mannschaft geht es eigentlich viel unbeschwerter zu?
Bei uns herrscht tatsächlich ein lockeres Klima, die Truppe ist sehr entspannt. Und klar, bei einer Pressekonferenz und hier im Interview ist man ein bisschen vorsichtiger in seiner Wortwahl. Aber ich verbiege mich deshalb nicht, und die anderen sind ganz bestimmt auch keine verklemmten Typen.

Gehören Sie zu denjenigen, die hier bei fast jedem Spaß vorn dabei sind?
Also, ich bin jetzt nicht unbedingt der Klassenclown, der die anderen ständig bei Laune halten will. Aber für viele Witze bin ich zu haben. Und ich kann über mich selber lachen. Es bringt ja auch nichts, immer nur fokussiert mit einem Tunnelblick durch die Welt zu laufen. Spaß und Freude und ab und zu mal ein Lausbubenstreich sind für ein Team schon wichtig.

Teammanager Oliver Bierhoff hat neulich kritisch angemerkt, womöglich würden in den Nachwuchsleistungszentren zu viele ähnliche Typen entwickelt und zu wenige Freiräume für Individualität gelassen. Hat er recht?
Vor allem finde ich, dass die Nachwuchsleistungszentren super Arbeit leisten. Schauen Sie, wer da alles nachkommt. Man sieht es ja hier beim Confederations Cup. Das ist Wahnsinn. Der DFB muss sich um die Zukunft keine Sorgen machen, weil wir super viele richtig gute Talente haben. 

Also ist alles gut?
Es stimmt sicher, dass in Deutschland vor allem sehr diszipliniert ausgebildet wird. Es gibt eine Menge Regeln, an die sich die Spieler zu halten haben. Das jogo bonito wie in Brasilien ist bei uns nicht ganz so gefragt. Freigeister haben es mit Freestyle-Fußball in Deutschland deshalb ein bisschen schwerer, aber ich finde, es gibt dennoch genügend Raum, sich individuell zu entwickeln.

Sie selbst sind erst nach Ihrem ersten Tor für die U15-Nationalmannschaft vom FC Oberneuland in Bremen in ein Nachwuchsleistungszentrum gewechselt, nachdem Sie lange in Ihrem Jugendverein FC Borgfeld kickten. Der Wechsel zum VfL Wolfsburg kam verhältnismäßig spät in Zeiten, in denen Talente schon mit zehn oder elf Jahren abgeworben werden.
Für mich war das genau der richtige Weg. Ich hatte relativ früh Kontakt zu Werder Bremen. Es liegt ja eigentlich auf der Hand, dass man zum wichtigsten Verein vor Ort wechselt. Aber wir hatten in Borgfeld und Oberneuland jeweils Spitzenteams zusammen. Ich habe deshalb lieber mit meinen Freunden gespielt. Wir hatten eine Menge Spaß, das stand klar im Vordergrund. 

Können Sie nachvollziehen, dass sie sich bei Werder Bremen mit jedem Länderspiel von Ihnen immer tiefer in den Hintern beißen, weil ihnen da ein Toptalent komplett durch die Lappen gegangen ist?
Na klar. Wenn man einen Spieler hat, der vor Ort wohnt, glaubt man sich halt sehr sicher, ganz egal bei welchem Bundesligisten, dass dieser Junge dann auch eines Tages kommt. Entsprechend enttäuscht ist man, wenn dieser Junge dann aus der Stadt rausgeht und sich was anderes sucht.

Sie haben zwei jüngere Brüder. Der Jüngste ist 14 Jahre alt, gilt als hoffnungsvolles Talent und spielte bislang noch beim FC Borgfeld. Wie gut ist er?
Jascha hat jetzt mit der Bremer Landesauswahl beim Sichtungsturnier in Dortmund mitgespielt, wo alle Bundesländer gegeneinander spielen. Er ist ein guter Spieler, aber in unserer Familie gibt es klare Prioritäten: Er soll Freude am Sport haben. Und ob es dann zu mehr reicht und ob er das überhaupt machen will, ergibt sich später. Er braucht keinen Druck.

Der mittlere Bruder ist gerade 17. Spielt er gar nicht Fußball?
Jannis hat auch gespielt, er macht gerade sein Fachabitur in Fotografie und Mediengestaltung. Ich finde es gut, dass er einen ganz anderen Weg geht. Das macht unsere Familie vielfältiger. Da gibt es dann ein paar Themen mehr. Wenn es immer nur um Fußball ginge, würde unsere Mama auch böse werden.

Und doch sind Sie unbestritten der Star der Familie?
Intern überhaupt nicht. Wir haben in unserer Familie keine Hierarchie unter uns Söhnen. Und ganz ehrlich: Wenn ich nach Hause komme, bin ich auch mal froh, dass Fußball nicht das bestimmende Thema ist. Da kann ich den Kopf abschalten, und dann sind andere Themen dran.

Und mit den alten Kumpels ziehen Sie auch manchmal noch los?
Ja, und da ist es nicht anders als zu Hause. Da reden wir bestimmt nicht nur über Fußball. 

Aber es ist ja schon etwas anderes, mit Ihnen in der Stadt unterwegs zu sein als ohne Sie?
Es für meine Freunde natürlich anfangs ungewohnt gewesen, wenn ich zwischendurch mal im Café ein Autogramm geben musste. Aber daran haben sie sich inzwischen gewöhnt. Und wenn sie Anzeichen erkennen würden, dass bei mir irgendwas schiefläuft, dann würden die schon Alarm schlagen. Die passen gut auf mich auf. 

Weil sie wissen, dass Sie als Profi oft in einer riesigen Blase unterwegs sind und da auch wieder raus müssen?
Es ist natürlich eine andere Welt, hier ein Foto, da ein Selfie, dort wird man erkannt. Meine Freunde wissen dadurch auch, dass ich nicht überall einfach so hin kann, und wenn doch, dass ich mich dann anders verhalten muss.

Also Sie können sich in einem Club mit den Kumpels nicht mal eben so volllaufen lassen?
So was mach ich natürlich nicht. Das geht nicht als Fußballprofi.

Sie gehörten im vergangenen Jahr zum erweiterten Kader bei der EM. Da waren noch alle Stars beisammen. Was ist jetzt beim Confed-Cup anders?
Wir haben viele sehr hungrige Spieler dabei, die sich nun nicht hinter den Etablierten anstellen müssen, sondern sich in den Vordergrund spielen können. Jeder will hier alles raushauen. Denn es ist eine Superchance mit Blick auf die WM nächstes Jahr. Als ich angerufen worden bin, habe ich mich tierisch gefreut. Und ich finde, diejenigen, die jetzt nicht dabei sind, haben sich ihre Pause nach all den Jahren, die sie sehr erfolgreich dabei waren, definitiv verdient.

Der Kölner „Express“ hat Sie kürzlich als „Anti-Star“ der Branche beschrieben. Ein Jungprofi ohne Tattoos und fettes Auto, der Vater als Berater. 
Viele Sachen laufen bei mir gewollt anders. Ich bin auch ein Autofan und kenne mich da ganz gut aus, und man sollte sich im Leben auch mal etwas gönnen. Wir haben ja das Privileg, dass wir uns finanziell ein dickes Auto leisten können. Wenn das jemand tut, ist das völlig okay. Ich bewerte das nicht negativ. Mir ist aber die Außendarstellung auch wichtig. Ich will nicht protzen. Und ich will mich aufs Wesentliche konzentrieren: Das ist der Fußball. 

Da würden auch Tattoos nur ablenken vom Wesentlichen?
Wenn ich mir Tattoos stechen lassen würde, würde meine Mama mich wahrscheinlich umbringen (lacht). 

Wie läuft der Kontakt nach Hause, während Sie hier in Russland sind?
Gar nicht so intensiv. Meine Eltern wissen: Wenn ich mich nicht melde, geht es mir gut. Dann melden sie sich auch nicht ständig. Die müssen sich derzeit bestimmt keine Sorgen um mich machen. 

Was fehlt Ihnen sportlich noch?
Ich bin mir selber gegenüber sehr kritisch. Ich finde, dass ich mehr Tore schießen könnte. 

Bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr haben Sie immerhin neun von 22 Toren vorbereitet.
Ja, aber ich habe noch nicht mal beim 10:0 gegen die Fidschis getroffen. Das hat mich schon geärgert. Das muss ich auf jeden Fall verbessern.

Hier beim Confederations Cup ist Miroslav Klose als Co-Trainer dabei. Hilft er Ihnen?
Er kann mir auf alle Fälle gute Tipps geben, was mein Verhalten in der Box angeht, und hat das auch schon getan. Ich hoffe, dass das in der kommenden Saison Früchte trägt. Wir sind im stetigen Austausch. Wenn einer weiß, wie man Tore macht, dann er. Er hat mir Ratschläge gegeben, die entscheidend sein können, um den einen richtigen Schritt vorm Torerfolg zu machen. 

Zum Beispiel?
Zum Beispiel, dass ich nicht einfach in die Mitte laufe, wenn sich einer unserer Spieler außen durchsetzt. Sondern, dass ich dem Mitspieler zeige, wo der Ball hinkommen soll. Das sind elementare Dinge, an die ich in meiner ja noch recht kurzen Profikarriere gar nicht so gedacht habe. Bei mir war es bisher, zugespitzt formuliert, eher so: Wenn der Ball über außen durchkommt, laufe ich in der Mitte mal irgendwo hin und schaue, ob der Ball vielleicht zu mir kommt. 

Neulich stand in der Zeitung, Sie könnten aus 50 Angeboten auswählen. Ihr Vertrag in Leverkusen läuft noch ein Jahr. Was tun Sie? Ist Bayer Leverkusen ohne Champions League nicht zu klein für Sie geworden?
Ich finde, Bayer Leverkusen ist ein großer Verein. Dort wurde in den vergangenen Jahren bemerkenswert gute Arbeit geleistet. Entsprechend schätze ich diesen Verein sehr. Dass die letzte Saison nicht gut gelaufen ist und wir weder die Champions League noch die Europa League erreicht haben, lag ja auch mit in meiner Verantwortung. Deshalb fände ich es ein falsches Zeichen, jetzt einfach wegzulaufen. Ich will kommende Saison dafür sorgen, dass wir wieder dahin kommen, wo Bayer Leverkusen hingehört: unter die besten Sechs. 

Interview: Jan Christian Müller

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