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Gemischte Gefühle: Joachim Löw. 

Interview mit Joachim Löw

„Dann steht das ganze Land hinter der Mannschaft“

Der Bundestrainer über Wünsche für das EM-Jahr 2020, die verletzten Spieler Sané, Süle und die Notfalloption Hummels.

Herr Löw, die Fußball-Europameisterschaft hat mit der Auslosung der Vorrundengruppen ein Gesicht bekommen, wie Sie es selbst ausdrückten. Frankreich und Portugal heißen die großen deutschen Gegner. Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem Turnier im kommenden Jahr entgegen?

Eine solche Auslosung habe ich nicht unbedingt erwartet. Denn es ist schon ungewöhnlich, mit Frankreich und Portugal den jeweils amtierenden Weltmeister und Europameister zugelost zu bekommen, obwohl man die Qualifikation als Gruppenerster absolviert hat. Aber ich verspüre auch in mir eine große Vorfreude, denn das sind natürlich Partien, auf die sich jeder freut, die Spannung versprechen. Das sind Fußball-Highlights. Die Fans freuen sich auf so eine Gruppe.

Bei den letzten Länderspielen im November gegen Weißrussland und Nordirland wurde noch über viele leere Plätze in den Stadien in Mönchengladbach und Frankfurt diskutiert und über ein schwindendes Interesse der Fans an der Nationalmannschaft. Das scheint jetzt, da es 2020 drei tolle EM-Gruppenspiele der DFB-Auswahl in München geben wird, wie weggeblasen. Überrascht Sie das?

Nein, das überrascht mich nicht. Solche Wellentäler bei der Nationalmannschaft habe ich immer wieder erlebt. Nach den Turnieren ist es manchmal zäh, gerade wenn man in der Qualifikation auch gegen vermeintlich kleinere Nationen spielt. Die Nationalmannschaft hat während eines Jahres auch Testspiele, bei denen man als Zuschauer nicht mit der Spannung ins Stadion geht, wie wenn Bayern München gegen Borussia Dortmund spielt oder Deutschland ein entscheidendes Spiel gegen Holland bestreitet. Es schwankt. Aber vor und während eines Turniers erlebe ich jedes Mal, dass sich die Spannung steigert. Dann steht das ganze Land hinter der Nationalmannschaft. Ich denke, das wird im nächsten Jahr auch wieder so sein, zumal Deutschland ja mit dem Spielort München auch Gastgeber dieses Turniers ist.

Der EM-Auftakt gegen Frankreich und Portugal mutet nicht wie Gruppenspiele an, sondern gleich wie K.o.-Partien. Verändert das Ihre Herangehensweise an das Turnier und die Art der Vorbereitung?

Nein, vor dem ersten Turnierspiel ist die Spannung in der Mannschaft immer groß, egal, gegen wen wir spielen. Wo stehen wir? Wie starten wir?

Die drei Gruppenspiele finden in München statt. Könnte das helfen?

Wir spielen im eigenen Land, da hoffen wir natürlich auf die Unterstützung durch unser Heim-Publikum. Natürlich gibt es eine hohe Erwartungshaltung, aber ich wünsche den Spielern, dass sie solche Begegnungen auch genießen können. Sie sollen mutig und unbekümmert ins Turnier gehen. Das ist eine große Herausforderung für unsere junge Mannschaft, da warten riesige Aufgaben auf sie. Natürlich will man immer mit einem Sieg starten. Das gibt Rückenwind für den weiteren Turnierverlauf. Wenn man das erste Spiel verliert, wie wir es bei der WM in Russland gegen Mexiko erlebt haben, dann weiß jeder, unter welchen Druck man gerät.

Sie haben 2018 angesprochen. Da dachte jeder, dass die Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea für Deutschland als Weltmeister ein Selbstläufer sein müsste. Sehen Sie die starke EM-Gruppe jetzt eher als Chance? Oder fürchten Sie ein weiteres frühes Turnier-Aus?

An Letzteres denke ich im Moment überhaupt nicht. 2018 ist abgehakt. Wir waren lange in der Weltspitze. Jetzt haben wir einen Umbruch vollzogen und trotzdem am Ende eine souveräne Qualifikation gespielt. Ich freue mich über dieses Jahr, weil es einige Spieler gab, die eine Chance erhalten haben und auf sich aufmerksam gemacht haben.

Zum Beispiel?

Durch viele Verletzungen rückten junge Spieler nach wie die beiden Freiburger Robin Koch und Luca Waldschmidt, wie Nadiem Amiri aus Leverkusen oder der Schalker Suat Serdar und Niklas Stark von Hertha. Wir hatten sozusagen einen Umbruch im Umbruch, aber es hätte uns auch gut getan, wenn wir uns mit dem Kern hätten einspielen können. Da fehlt uns etwas. Vor allem Konstanz und Kontinuität. Beides ist enorm wichtig, um letztlich eingespielt zu sein. Das müssen wir nun im nächsten Jahr schaffen. Da sind andere Nationen schon weiter als wir.

Was steht auf Ihrem Wunschzettel für das EM-Jahr?

Ich wünsche mir, dass zu den Länderspielen im März alle Spieler gesund sind, die die Qualität haben, um bei einer EM für Deutschland zu spielen. Ich wünsche mir, dass sie einen guten Spielrhythmus haben. Und vor allem wünsche ich mir, dass es keine weiteren Verletzungen gibt. Bei den zwei Länderspielen im März gegen Spanien und Italien und dann mit Beginn des Trainingslagers vor der EM müssen wir die Zeit nutzen, um uns zu finden und Automatismen einzuschleifen.

Setzen Sie bei Leroy Sané und Niklas Süle nach den schweren Knieverletzungen eine Deadline für eine EM-Teilnahme?

Nein. Bei so schweren Verletzungen bin ich sehr zurückhaltend. Da lasse ich alles offen. Manche Spieler verkraften so etwas gut und sind nach sechs, sieben Monaten wieder voll belastbar. Aber ein Turnier bringt viele Hürden mit sich. Es kann lang und schwierig werden. Man muss sehen, wie die Spieler nach der Verletzung in den Rhythmus kommen. Wer so eine schwere Verletzung hatte, muss das nicht nur physisch, sondern auch mental gut verarbeiten. Da muss man jedem Einzelnen die nötige Zeit geben.

Gerade nach der Verletzung von Niklas Süle wird immer wieder über ein Comeback von Mats Hummels gesprochen. Er könnte mit seiner Erfahrung gegen Frankreich oder Portugal in der Innenverteidigung sicher wertvoll sein. Andererseits sind diese Gegner mit schnellen Stürmern besetzt. Könnte Sie Hummels‘ Tempodefizit darin bestärken, ihn nicht zurückzuholen?

Wir müssen das nicht heute entscheiden und werden die Situation genau beobachten. Tony Rüdiger kommt bald zurück. Und bei ihm hoffe ich, dass er jetzt mal von Verletzungen verschont bleibt. Bei Niklas Süle müssen wir abwarten. Wir haben aber noch ein paar andere gute, junge Innenverteidiger. Wir schauen uns genau an, wie die Situation im März und dann vor dem Trainingslager im Mai ist. Dann werden wir unsere Entscheidungen treffen.

Welche Kriterien sind entscheidend?

Es geht immer um den Erfolg. Was ist das Beste für die Mannschaft? Wer kann uns entscheidend helfen? Wir haben aber auch gesagt, dass wir mit dem eingeleiteten Umbruch den jungen Spielern Raum und Vertrauen geben. Von diesem Weg sind wir nach wie vor überzeugt. Davon haben vor Jahren doch genau auch die Spieler profitiert, die dann in Rio Leistungsträger waren und den Titel geholt haben. Auch sie haben Zeit gebraucht, sich zu entwickeln. Auch sie mussten sich erst auf das höchste Level entwickeln. Ich kann als Trainer doch keine Erfahrung einfordern, wenn ich sie die Spieler nicht selbst machen lasse. Ein gutes Beispiel ist Matthias Ginter, er hat sich sehr gut entwickelt. Wir haben also gute Optionen, auch in der Abwehr.

Wie sehr wurmt es Sie, gerade nach dem EM-Hammerlos, dass Sie erst Ende März wieder mit der Mannschaft als Trainer arbeiten können?

Das Problem habe ich jedes Jahr als Bundestrainer. In der zweiten Jahreshälfte, im September, Oktober und November, haben wir immer sechs Länderspiele. Und bei jedem der Lehrgänge merke ich, dass unsere wenigen Trainingseinheiten und Treffen Früchte tragen. Im Oktober und November hat sich jede Mannschaft gefunden, gefangen, stabilisiert und gute Leistungen gebracht. Das haben wir nun wieder beim Spiel gegen Nordirland erlebt. Es wäre für mich als Trainer natürlich wünschenswert, wenn wir im Vierwochen-Rhythmus weiterspielen würden, also im Januar und Februar jeweils zwei Länderspiele hätten. Die lange Winterpause bedeutet für mich einen Schritt zurück. Wir müssen uns im März wieder neu sortieren, neu beginnen. Aber das gehört dazu, das gilt ja auch für die anderen Nationen.

Interview: Klaus Bergmann/dpa

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