Ob es zumindest Spiele ohne Zuschauer im Stadion geben wird, ist weiterhin offen: Fan des Clubs Borussia Mönchengladbach im März.
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Ob es zumindest Spiele ohne Zuschauer im Stadion geben wird, ist weiterhin offen: Fan des Clubs Borussia Mönchengladbach im März.

Geisterspiele

Fußball-Bundesliga dringt auf Geisterspiele – Keine klare Entscheidung 

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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  • Frank Hellmann
    Frank Hellmann
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Die Fußball-Bundesliga dringt auf Geisterspiele und kickt jetzt den Ball zurück ins Feld der Politik. Doch die ist uneins.

Karl Lauterbach ist gerade der unbeliebteste Mann der Fußball-Lobby. Denn der SPD-Gesundheitsexperte leistet argumentativen heftigen Widerstand gegen die auch am Donnerstag in der virtuellen Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vorangetriebenen zeitnahen Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Fußball-Bundesliga. Lauterbach kritisierte das den 36 Klubs vorgestellte medizinische Konzept mit lediglich einem Test pro Spieler, immer am Tag vor den noch neun auszutragenden Spieltagen, im „Spiegel“ vehement: „Mit einem Test in der Woche vor einem Spiel kann ich keinerlei Aussage treffen, ob die Leute, die spielen, infiziert sind. Da kann man lediglich hoffen, dass niemand infiziert ist.“

Fußball-Bundesliga dringt auf Geisterspiele – Keine klare Entscheidung 

Der Fachmann wies auf ein Zeitfenster von mehreren Tagen hin, in dem jemand nach bisherigen Feldstudien bereits infiziert und damit hochansteckend sei, ohne dass Betroffene Symptome und die nötige Virenlast hätte, damit der Test auch anschlage. Barbara Gärtner, als Professorin für Infektionsmedizin Mitglied der medizinischen Task Force der DFL, widersprach in einer Video-Pressekonferenz. Bei einem Abstrich-Test einen Tag vor einem Spiel sei nahezu auszuschließen, dass ein Spieler tags darauf derart viele Viren in sich trage, um andere anstecken zu können,

Auf allen Kanälen: Krisenmanager Christian Seifert.

DFL-Chef Christian Seifert betonte bei dem virtuellen Pressegespräch, dass es „nicht in unserer Hand liegt, den Termin zu bestimmen“, wann wieder gespielt werden dürfe. „Wenn das Signal aus der Politik kommt, kann sie sich auf dieses Konzept verlassen. Das ist aber nicht mehr unsere Entscheidung.“ Die DFL will keinesfalls als Institution wahrgenommen werden, die sich rücksichtslos nach vorne drängelt. Der Ball wurde aus der DFL-Zentrale aus Frankfurt an die Regierenden weitergeleitet. Die Ministerpräsidenten müssen in sicher nicht ganz einfachen Absprachen gemeinsam mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), dem Robert-Koch-Institut und den örtlichen Behörden entscheiden, wann es Zeit ist, dem deutschen Volkssport Nummer eins die Rückkehr in weitgehend leeren Stadion zu erlauben.

Die DFL rechnet offenbar nicht mit einem Restart vor dem 16. Mai. Es gebe mehrere Spielplanoptionen, sagte Seifert. Man sei in Deutschland ein gutes Stück weiter als etwa in England, Italien und Spanien. „Wenn wir spielen dürfen, liegt das nicht daran, dass wir als Bundesliga so toll sind, sondern an der medizinischen Infrastruktur in Deutschland.“ Aus der ganzen Welt gäbe es Nachfragen zum deutschen Konzept des Wiedereinstiegs in die Fußballsaison. „Da sind andere Ligen noch Lichtjahre entfernt.“

Fast einmalig dürfte auch sein, dass die Medienpartner hierzulande, bis auf eine Ausnahme, bereit sind, Vorauszahlungen zu leisten, damit die Liquidität bis zum 30. Juni bei allen Klubs gesichert ist. Seifert sagte, es sei nicht, wie vielfach vermutet, der Streamingdienst Dazn, mit dem keine Vereinbarung zustande gekommen ist. Sollte allerdings die Saison abgebrochen werden, würden Rückzahlungsmechanismen greifen, „die später zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten führen“. Zu Geisterspielen gebe es keine Alternative: „Wenn man dieses Konzept ablehnt, dann ist klar, dass man wahrscheinlich auch in einigen Monaten nicht spielen kann. Dann wäre die Bundesliga ein Kollateralschaden der Coronakrise.“

Der bayerische Ministerpräsidenten Markus Söder äußert sich inzwischen hörbar zurückhaltender als noch zu Wochenbeginn: Das „nachdenkliche“ DFL-Konzept für den Neustart, stehe „unter Bewährung“, die Lage müsse dann „von Spieltag zu Spieltag“ beobachtet werden, sagte er am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Das Robert Koch-Institut (RKI) müsse „sein grünes Licht“ für den Neustart geben. RKI-Vizepräsident Lars Schaade hatte sich zuvor aber skeptisch zu den Plänen geäußert, die Fußballprofis ständig auf das Coronavirus testen zu lassen.

Fußball-Liga: Einen Kompromiss finden 

Seifert verteidigte das Ansinnen für einen Saisonabschluss „möglichst bis zum 30. Juni“. Wie jedes Unternehmen möchte und müsse eben auch der Profifußball ins Berufsleben zurückkehren. Der 50-Jährige äußerte in diesem Zusammenhang, dass ihn manche öffentliche Missgunst überrascht habe, er warb um „Augenmaß“ der Kritiker, räumte aber auch ein, dass in absehbarer Zeit manche Entwicklung kritisch diskutiert werden müsse.

Tim Meyer trat an Seiferts Seite erstmals öffentlich als Vorsitzender der medizinischen Task Force auf und sagte:. „Wir müssen den Kompromiss zwischen maximaler Sicherheit und vertretbarem Risiko finden.“ Seifert negierte nicht, dass der Umgang mit positiven Coronafällen zur Schlüsselstelle werde. Natürlich, erklärte die zugeschaltete Medizinerin Gärtner, sei ein positiver Test ein meldepflichtiges Ereignis, wobei aber das Gesundheitsamt die Entscheidung über eine Quarantäne treffe. Möglich sei es, so Professor Meyer, dass sogar eine ganze Mannschaft in zweiwöchige Quarantäne gehen und die Spiele dennoch nachholen könne.

Hauptkritiker des Profifußballs: Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD.

Zumal, so Seifert, auch ein Saisonabschluss im Juli nicht undenkbar sei. „Das haben wir mit unseren Medienpartner besprochen.“ Dass bei einem positiven Coronafall aber nicht automatisch ganze Kader samt Gegnern in Quarantäne gehen müssten, erklärte Mediziner Meyer damit, dass laut Robert-Koch-Institut nur Betroffene diese Folgen zu tragen hätten, die mindestens 15 Minuten direkten Kontakt mit einem Erkrankten gehabt hätten oder direkt respiratorischen Sekreten ausgesetzt worden seien. Stellt sich die durchaus bedeutende Frage, ob diese Voraussetzungen im Trainings- und Spielbetrieb nicht erfüllt sein könnten, trotz frischer Luft?

Meyer rechnete zudem vor, dass es bislang in beiden Lizenzligen 14 Corona-Fällen gegeben habe, „von denen alle wieder genesen sind“. Das fast 50-seitige Konzeptpapier soll weitere Ansteckungen verhindern. Maximal 213 Personen dürfen sich bei Erstligaspielen im Stadion inklusive Tribünenbereich aufhalten. Kein Problem sollen die rund 20 000 erforderlichen Testungen sein: Verträge mit fünf Laboren sind abgeschlossen. Alle Labore hätten schriftlich versichert, dass die Kapazität ausreichend seien – der Profifußball würde nicht mehr als 0,4 Prozent der Testkapazitäten beanspruchen. Die Bundesliga wird zudem eine halbe Million Euro für weitere Testungen im Gesundheitswesen zur Verfügung stellen. Seifert versprach auch: „Wir werden von Tag zu Tag aufs Neue prüfen, was verantwortbar ist.“ Sollte sich die Lage verschlechtern, würde der „Profifußball selbstverständlich zurückstehen und aufhören zu spielen – die nationale Gesundheit hat immer Vorrang“.

Sorgen bereiten den DFL-Verantwortlichen mögliche Fan-Ansammlungen vor den Stadien. Seifert führte aus, dass es dadurch zu Spielabbrüchen kommen könnte und es denkbar sei, dass abgebrochene Spiele für den Gegner gewertet würden, der die Versammlung nicht zu verantworten habe. Was aber wäre, wenn Gruppierungen beider Mannschaften sich versammeln, blieb ungeklärt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) appellierte an Anhänger, sich nicht vor den Stadien zu versammeln. „Dies ist wegen der steigenden Ansteckungsgefahr nicht nur untersagt, sondern zugleich unverantwortlich“, sagte GdP-Vize Jörg Radek.

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