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Thomas Hitzlsperger über WM 2022: „One-Love“-Binde zwar Statement, aber keine Provokation

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Von: Frank Hellmann

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Hat sich einen kritischen Blick bewahrt: Thomas Hitzlsperger. Foto: Imago Images
Hat sich einen kritischen Blick bewahrt: Thomas Hitzlsperger. Foto: Imago Images © Imago/Jan Huebner

Thomas Hitzlsperger ist DFB-Botschafter und ARD-Experte. Er spricht über die Fehler im Vergabeprozess, das Sportswashing von Katar und warum er die WM nicht vor Ort verfolgt.

Sind Sie als DFB-Botschafter für Vielfalt und ARD-Experte eigentlich in Katar vor Ort?

Ich werde während der WM 2022 nicht dort sein, war aber die erste Oktober-Woche zum ersten Mal für fünf Tage in dem Land, als ich für die ARD-Dokumentation „Katar – warum nur?“ gearbeitet habe. Dass ich beim Turnier nicht in Doha bin, hat sendetechnische Gründe, weil ich im Studio sein werde, während Bastian Schweinsteiger vor Ort aus Katar berichtet.

Gerade Homosexuelle haben große Bedenken, diese WM zu besuchen. Die Debatten reißen nicht ab, weil Homosexualität laut Gesetz verboten ist und mit Gefängnisstrafe bestraft werden kann. Dazu hat der WM-Botschafter Khalid Salman Schwulsein als „damage mind“, also als einen geistigen Schaden bezeichnet. Teilen Sie die Bedenken der queeren Community, diese WM zu besuchen?

Die teile ich, obwohl es zwischenzeitlich mal eine Sicherheitsgarantie des Innenministers gab. Mir war deshalb wichtig, dorthin zu fahren. Denn auch, wenn man nur fünf Tage zu Besuch ist, kann man einen guten Eindruck bekommen, wie die Menschen dort ticken. Ich hatte persönlich zu keiner Zeit Angst, dass mir etwas passieren könnte. Aber ich mache mir auch nichts vor: Mir ist bewusst, dass die Menschenrechtslage nicht dieselbe ist wie bei uns – und dass Homosexuelle dort große Schwierigkeiten haben. Die Situation ist nicht gut, um es vorsichtig zu formulieren. Aber ich habe auch Stimmen gehört, die gesagt haben: Wenn hier zwei Männer Händchen halten, werden sie daran erinnert, dass dies in der Kultur nicht erwünscht ist, sie werden aber nicht sofort eingesperrt.

Thomas Hitzlsperger: Katar war 2010 gar nicht auf die WM 2022 vorbereitet

Kann die WM wirklich eine positive Entwicklung auf diesem Gebiet befördern?

Wir müssen uns ja zuerst fragen, warum wir über die Menschenrechtslage in Katar gerade so intensiv diskutieren, obwohl es doch viele Nationen gibt, in denen diese nicht eingehalten werden? Na ja, weil sich dieses Land dazu entschlossen hat, eine WM auszurichten. Aber als sie 2010 den Zuschlag bekommen haben, waren sie darauf gar nicht vorbereitet. Sie mussten binnen zwölf Jahren eine Stadt groß aufziehen und eine Menge Stadien bauen, um der Welt zu zeigen, dass sie es auch können. Damit haben sie sich zwangsläufig unter Druck gesetzt, den sie an die Arbeitsmigranten weitergegeben haben. So ist es zu vielen Menschenrechtsverletzungen und Todesopfern gekommen.

Wie viel Fußballfest wird Katar denn zulassen?

Sie werden sicher alles versuchen, tolle Bilder zu produzieren. Es wird alles auf Hochglanz poliert sein, weil dafür auch die finanziellen Mittel zur Verfügung haben. Katar hat sich für rund 200 Milliarden Euro das Recht gekauft, Bilder zu produzieren, die nicht die Lebenswirklichkeit widerspiegeln. Natürlich werden sie stolz sein, wenn sie das größte Sportereignis der Welt reibungslos ausrichten – da bin ich sehr gespannt, ob es ihnen gelingt.

Wie wichtig ist Protest auf dieser Bühne, den beispielsweise die Dänen mit ihrem schwarzen Trikot vortragen?

Für die Verantwortlichen in Katar ist es extrem unangenehm, dass gerade aus Europa so viel Kritik kommt. Ich hoffe nur, dass die unterdrückten und diskriminierten Menschen auch nach der WM noch Aufmerksamkeit erhalten werden. Nur zeigt die Vergangenheit im Fußball, dass das eigentlich nie passiert ist. Wir erleben im Vorfeld viele negativen Diskussionen, wo doch eine WM positive Emotionen erzeugen sollte. Das ist für alle eine Belastung und frustriert viele. Spaß macht das nicht.

„One-Love“-Binde bei WM 2022: „Ist zwar ein Statement, aber keine Provokation“

Die Kritik zielt sogar auf eine eigentlich gut gemeinte Aktion wie die „One-Love“-Binde von Nationalmannschaftkapitän Manuel Neuer, die vielen nicht weit genug geht. Ihnen auch nicht?

Ich verstehe den Gedanken: Man wollte sich unter den beteiligten Nationen auf eine gemeinsame Botschaft verständigen und nicht in einen Wettstreit treten, wer die aufmerksamerregendere Aktion für den Protest vorbringt. Dann wurde von den Niederländern diese Binde übernommen. Es handelt sich zwar um ein Statement, aber es ist keine Provokation wie eine Regenbogenbinde. Wir merken daran, wie politisch alles ist – und wie sehr das auch die Verbände nervt, die eigentlich was Gutes machen wollen. Das beschreibt die Schwierigkeit im Umgang mit dieser WM.

Das Spannungsfeld ist komplex. Einerseits wird Katar scharf wegen des Umgangs mit Homosexuellen kritisiert, andererseits hat sich in Deutschland nach Ihnen kein prominenter Fußballer zu seiner Homosexualität bekannt. Müssen wir also nicht die moralische Messlatte niedriger legen?

Wir können nicht DFL und DFB kritisieren, dass sich keiner outet. In beiden Institutionen wird viel unternommen, um die Kultur zu verändern. Es wird sich für Vielfalt und gegen Diskriminierung in einer Ausprägung eingesetzt, die ich vor Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Aber die Entscheidung treffen die einzelnen Menschen selbst. Das ist persönlich ein sehr großer Schritt, zu dem sich in Europas Topligen keiner durchringen konnte. Ich sage auch immer: Es ist für die Menschen nach wie vor auch abseits des Fußballs eine Schwierigkeit, weil man in anderen gesellschaftlichen Bereichen dafür kritisiert und diskriminiert wird.

Thomas Hitzlsperger zur WM-Vergabe: „Da sind Verbrecher dabei gewesen“

Aber warum sind die Frauen im Fußball da so viel weiter als die Männer?

Das kann ich nicht so gut erklären, ist aber sehr erfreulich, dass der Frauenfußball in diesem Bereich scheinbar keine Probleme hat. Dafür kämpft er mit ganz anderen Themen.

Schon bei der WM 2018 in Russland haben viele mit gemischten Gefühlen hingeschaut, nun fällt die positive Sichtweise noch schwerer. Wie kann verhindert werden, dass sich der Fußball nicht an den Meistbietenden verkauft?

Das hat er bereits. Damals war das Fifa-Exekutivkomitee mit einem sehr kleinen Kreis zuständig. Das System war so aufgebaut, dass man die betreffenden Herren mit ganz einfachen Mitteln überzeugen konnte, die Stimme einem Land zu geben, wo eine WM aus Sicht der Fußballfans nicht hingehört. Weil es für die Fifa-Exekutivmitglieder reizvoll war, durch finanzielle Zuwendungen ihre Lebenssituation zu verbessern. Das ist einfach so. Wenn wir auf das Foto mit den an der Abstimmung beteiligten Leuten schauen, dann müssen wir sagen: Da sind Verbrecher dabei gewesen!

Was folgt daraus?

Die Fifa muss die Vergaberichtlinien ändern und zwar so, dass Korruption ausgeschlossen werden kann.

Thomas Hitzlsperger: „Investitionen aus Katar besitzen alle einen geopolitischen Hintergrund“

Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien pumpen enormen Summe in den europäischen Klubfußball. Qatar Airways ist auch Sponsor des FC Bayern. Wie ist das zu bewerten?

Ich würde Katar beispielsweise gar nicht vorwerfen, dass sie Geld in den Fußball investieren, sondern es gibt immer eine andere Partei, die das Geld in Empfang nimmt. Bayern München hat bei der letzten Mitgliederversammlung die Erfahrung gemacht, dass die moralischen Ansprüche zu einem Rechtfertigungsdruck führen. Dann ist es natürlich für einen Klub anstrengend zu erklären, dass er von der katarischen Fluggesellschaft ca. 20 Millionen Euro bekommt. Wir sollten nur beachten, dass Investitionen aus Katar alle einen geopolitischen Hintergrund besitzen. Es ist Sportswashing.

Und in der Energiekrise steht auch der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck aus Deutschland beim Emir von Katar auf der Matte, weil er dessen Flüssiggas braucht. Den kompletten Cut mit dem Land will auch niemand.

Genau. Zudem betreiben viele deutsche Konzerne Geschäfte mit Katar. Dass auch der deutsche Wirtschaftsminister dorthin reist, verkompliziert die Diskussion über die Investitionen im Sport noch mehr. Deutsche Unternehmen müssen leider mit Staaten wie Katar oder Saudi-Arabien Wirtschaftsbeziehungen pflegen, denn sonst hat es negative Auswirkungen auf uns alle hierzulande. Eine Fußball-WM muss dagegen nicht in Katar ausgetragen werden. Davon hängt unser Wohl nicht ab. Letztlich ist es äußerst schwierig, den Gesamtzusammenhang so zu erfassen, dass man ohne Bedenken Entscheidungen treffen kann. Daher gibt es keine einfache Lösung, es wird ständige Diskussionen brauchen.

Thomas Hitzlsperger freut sich trotz aller Debatten auf die sportliche Seite der WM 2022

Wie kann man bei diesen Debatten überhaupt die WM genießen?

Aktuell fällt das nicht leicht. Aber ich freue mich auf den Wettbewerb, auf den Ländervergleich, auf den Turniermodus. Ich finde das viel spannender als den Vereinsfußball. Was macht Deutschland? Wie spielt Frankreich? Wie stark sind die Südamerikaner? Ich sehe keinen klaren Topfavoriten. Man kann sich immer noch keine Nationalmannschaft zusammenkaufen. Zumindest nicht im Fußball, im Handball hat das Katar ja schon gemacht (lacht).

Interview: Frank Hellmann

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