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„Da sehe ich viel Ungerechtigkeit“

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Von: Jan Christian Müller

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Jubelten öfter zusammen im Deutschland-Trikot: Marco Bode (links) und Oliver Bierhoff.
Jubelten öfter zusammen im Deutschland-Trikot: Marco Bode (links) und Oliver Bierhoff. © Imago/Baering

Ex-Nationalspieler Marco Bode findet, dass Oliver Bierhoff zum Sündenbock gemacht wird, und kritisiert die Rolle von DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Er spricht von einem unglücklichen WM-Ausscheiden der Nationalelf.

Herr Bode, Deutschland ist wieder früh raus aus der WM. Die Kritik an Bundestrainer Hansi Flick und besonders Manager Oliver Bierhoff ist berechtigt oder zu schroff?

Was mich wirklich sehr stört: diese Aufregung, die innerhalb von wenigen Minuten durch das Ausscheiden entsteht wie ein Automatismus. Man gewinnt den Eindruck: Es darf niemand in der allgemeinen Empörung über das frühe Scheitern jetzt etwas anderes sagen als: „So darf es nicht weitergehen. Jetzt müssen Köpfe rollen.“ Sonst wird man als ahnungslos hingestellt. Als jemand, der den Ernst der Lage nicht kapiert.

Ist die Lage nicht ernst?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sehe viele Dinge auch kritisch. Aber ich sehe auch ein gesellschaftliches Problem. Es geht um den Umgang mit Enttäuschung. Es gibt diesen Trend, dass es nicht reicht, enttäuscht zu sein. Man muss gleichzeitig auch wütend sein. Oliver Bierhoff hat deshalb im ARD-Interview pflichtgemäß gesagt, er sei wütend. Dabei sah er nur furchtbar enttäuscht aus.

Sky-Experte Dietmar Hamann fordert den Rauswurf von Hansi Flick. Er spricht von einem Debakel und nennt die Performance auf und abseits des Platzes „jämmerlich“.

Ich bin verwundert über derart pauschale Urteile in dieser Kürze. Und ich weiß gar nicht, was Didi da geritten hat. So kenne ich ihn gar nicht.

Nach dem Unentschieden gegen Spanien war die Expertenmeinung noch eine andere …

Ja, und was ist dann passiert? Es gab einen 4:2-Sieg über Costa Rica. Sicher: Es war ein wildes Spiel und keine wirklich gute Leistung. Aber nur weil Spanien gegen Japan verloren hat, reichte dieses 4:2 nicht. Danach ist die Welt dann medial auf den Kopf gestellt worden. Das ist typisch für den Fußball. Und es zeigt, wie weit er sich in der Spitze von der Realität entfernt hat.

Aber Personaldebatten sind in der aktuellen Situation doch geboten. Gerade nach dem „Weiter so“ 2018, das sich im Nachhinein als lähmend herausgestellt hat?

Absolut. Aber nicht so, wie es sich bisher in der öffentlichen Debatte zugetragen hat.

Der Präsident Bernd Neuendorf hat am Flughafen in Doha ein zweieinhalbminütiges Statement abgegeben. Er fordert von Bierhoff und Flick eine Aufarbeitung, Analyse und einen weiten Blick nach vorn. Quintessenz: „Flick und Bierhoff, ihr müsst liefern.“ Wenn so etwas ein Präsident eines Bundesligavereins öffentlich tun würde, könnten Trainer und Manager sich als entlassen betrachten. Wie bewerten Sie Neuendorfs Auftritt?

Inhaltlich klangen seine Worte vernünftig. Aber die Tonalität war: „Jetzt sollen die mir mal erklären, was sie da angestellt haben.“ Das ist ja nicht nur eine Botschaft nach außen, sondern auch nach innen. Damit hat er Druck auf Flick und Bierhoff ausgeübt. Den Duktus fand ich nicht gut.

Um der Öffentlichkeit zu gefallen?

Mir scheint jedenfalls, dass Neuendorf da getrieben wurde. Die „Bild“-Zeitung marschiert vorneweg. Und ich frage mich: Was wäre geschrieben worden, wenn Japan unentschieden gespielt hätte und Deutschland ins Achtelfinale eingezogen wäre?

Marco Bode. jcm
Marco Bode beim Video-Interview. © Jan Christian Müller

Zur Person

Marco Bode spielte 379-mal für Werder Bremen in der Bundesliga und 40-mal für Deutschland, zuletzt im WM-Finale 2002 gegen Brasilien. Danach beendete der inzwischen 53-Jährige seine aktive Karriere. Von 2014 bis 2021 war der gebürtige Harzer Aufsichtsratschef bei Werder Bremen. Jüngst hat er als Co-Autor das Buch „Tradition schießt keine Tore“ veröffentlicht. jcm

Thomas Müller sagte es vor dem Spiel: Die Geschichten werden hinterher geschrieben. Das Ergebnis spielt schon eine Rolle, Herr Bode. Die WM wird gerade ohne Deutschland fortgeführt, zum zweiten Mal in Folge in der K.-o.-Runde!

Natürlich spielt das Ergebnis eine Rolle. Und doch wage ich darauf zu verweisen, dass das Ausscheiden unglücklich zustande kam. Der Zufall spielte eine bedeutende Rolle. Und ein paar Millimeter an der Torauslinie beim Japan-Spiel. Übrigens auch im Erfolgsfall. Mit Pech hätte auch 2014 im Achtelfinale gegen Algerien Schluss sein können.

Sie und Oliver Bierhoff kennen sich seit der U21. Wie nehmen Sie ihn wahr?

Mir ist schon klar, dass den Leuten noch nie so richtig warm ums Herz wird, wenn Sie Oliver reden hören. Er wurde ja auch 1996, als wir gemeinsam bei der EM gespielt haben, als Schütze des „Golden Goal“ nie der große Volksheld wie etwa Rudi Völler oder Lothar Matthäus.

Wie haben Sie ihn als Mitspieler kennengelernt? Als guten Kameraden?

Wir sind immer gut miteinander klargekommen. Er ist ein vernünftiger Mensch, der innovativ denkt – und der jetzt zum Sündenbock gemacht wird. Das ist so nicht okay.

Das Fußballvolk hat sich festgelegt: Es will Bierhoff an der Management-Spitze der Nationalmannschaft nicht mehr sehen.

Diese Überdrüssigkeit scheint mir viel mit der fehlenden grundsätzlichen Sympathie für Oliver zu tun zu haben, mit seinem cleanen Erscheinungsbild und seinem gelegentlichen „Marketingsprech“. Die „Bild“-Zeitung verstärkt das noch.

Aber selbst die „Süddeutsche Zeitung“ und die „FAZ“ finden, die Ära Bierhoff müsse nun schleunigst zu Ende gehen.

Ich will hier auch gar nicht behaupten, dass das totaler Unfug ist. Natürlich kann man nicht außer Acht lassen, dass es jetzt drei Turniere nacheinander überhaupt nicht lief. Dafür trägt Oliver die sportliche Verantwortung. Aber ich frage mich schon: Durch was hat sich die Fußballwelt in Deutschland jetzt so sehr verändert? Durch einen 4:2-Sieg gegen Costa Rica und eine gleichzeitige Niederlage von Spanien? Das kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Da sehe ich viel Ungerechtigkeit und würde mir mehr Sachlichkeit wünschen.

Wie beurteilen Sie das sportpolitische Management des DFB?

Ich glaube, dass da einiges schiefgelaufen ist und dazu beigetragen hat, dass alle im Team nicht diese Freude entwickelt haben, die notwendig ist, um Höchstleistungen zu bringen. Ich hatte gerade bei Flick den Eindruck, dass er insgesamt sehr angefasst wirkte bei dieser WM und deshalb seine menschlichen Stärken nicht so zur Geltung gebracht hat. Das sah, von außen betrachtet, alles sehr verkrampft aus.

Schlechtes Management des Präsidenten mehr als von Oliver Bierhoff?

Auf jeden Fall hat man die Mannschaft von außen in etwas hineingedrängt, das offensichtlich die Mehrheit im Team überfordert hat.

Was soll die Konsequenz für die Zukunft sein?

Aus meiner Sicht wäre es ein Fehler, künftig mit der Haltung in die Zukunft zu gehen, Sport und Politik müssten völlig voneinander getrennt werden. Richtig wäre gewesen, es jedem Spieler selbst zu überlassen, ob er sich äußern möchte oder nicht. Stattdessen hat man mit der Binde versucht, eine gemeinsame Haltung in die Mannschaft hineinzutragen. Nachdem man das getan hatte, hätte man nicht nachgeben dürfen. Wer A sagt, muss auch B sagen, meistens jedenfalls! Dann hätte man es notfalls sogar alleine, auch ohne die anderen Nationen, durchziehen müssen.


Der Schuss ging tatsächlich nach hinten los gegen die gewiefte Fifa …

Ja, und ich habe nicht verstanden: Wieso kündigt man das großartig an? Warum geht Neuer nicht einfach mit einer Regenbogenbinde auf den Platz? Wenn ich protestieren will, frage ich doch vorher nicht die Instanz, die ich angehen will, um Erlaubnis!

Es kam dann die Aktion mit dem Mundzuhalten.

Ja, das war eine sehr subtile Botschaft. Derart subtil, dass sie viele nicht oder falsch verstanden haben. Viele Fans, mit denen ich gesprochen haben, waren ratlos. Das war zu sehr um die Ecke gedacht.

Aber wenn die Spieler nichts gemacht hätten, wären sie ebenso kritisiert worden, Herr Bode.

Fürchte ich auch. Die Mannschaft hatte irgendwann das Gefühl: Egal was sie tut, sie kann es sowieso niemandem recht machen. Die Erwartungshaltung für eine politische Botschaft der Mannschaft war in Deutschland hoch. Zu hoch. Thomas Hitzlsperger hat das jetzt wohltuend selbstkritisch eingeräumt.

Er sagte, er habe die Mannschaft zuvor ausdrücklich animiert, die WM als Plattform zu nutzen und für die Werte einzustehen. Das sei ein Fehler gewesen. Wörtlich sagte er: „Heute muss ich erkennen: Wir haben uns verrannt. Wir haben zu sehr gedacht, dass wir die Bühne nutzen müssen, um Menschen eine Stimme zu geben, die keine Stimme haben.“

Das fand ich eine bemerkenswerte Aussage des stärksten TV-Experten, den ich bei dieser WM erlebt habe.

Schauen wir auf den Fußball, den das DFB-Team geboten hat. Wie hat es Ihnen gefallen?

Es hat vor allem an gutem Defensivverhalten gemangelt. Beim Anlaufen, beim Pressing und auch im eigenen Sechzehner waren wir zu passiv, nicht aggressiv genug. Deshalb wurden auch viel zu viele Chancen zugelassen. Auf der anderen Seite fehlte Effektivität im Torabschluss – aber da war auch Pech im Spiel. Und erlauben Sie mir den Gedanken als Bremer: Vielleicht hätte Füllkrug konstant spielen sollen!

Wie haben Sie Flick erlebt?

Nicht so souverän, wie ich erwartet hatte. Kommunikation, Körpersprache und Charisma sind für einen Trainer auf diesem Niveau bei einem solch bedeutenden Turnier etwas sehr Wichtiges. Ich finde es aber mehr als unfair, jetzt zu unterstellen, er hätte mit den Bayern das Triple nur deshalb gewonnen, weil die Mannschaft so gut war und er es im Grunde laufen lassen konnte. Er konnte gar nicht so gut sein, wie er gemacht wurde. Und er ist jetzt auch nicht der Volldepp.

2024 steht die EM im eigenen Land vor der Tür. Was muss der DFB jetzt tun?

Er sollte fachlich diskutieren, ob es notwendig ist, mit einem neuen Bundestrainer und einem neuen Sportgeschäftsführer in Richtung EM zu gehen. Es gibt aus meiner Sicht sehr wohl Argumente, das mit Hansi Flick und auch mit Oliver Bierhoff zu tun. Es stellt sich aber die Frage, wie groß der Druck auf die Protagonisten wird und wie sie damit umgehen. Ich fürchte, dass dieser Druck auf Oliver Bierhoff enorm wird. Werden wir automatisch eine bessere EM spielen, wenn Oliver Bierhoff weg ist? Nein! Blödsinn!

Und wenn wir nicht fachlich diskutieren?

Dann schauen wir auch auf die Stimmung im Lande. Der Wind bläst gegen Bierhoff und wird vielleicht zum Sturm werden. Bei Flick sehe ich das nicht so extrem.

2004 hat Rudi Völler das Feld freiwillig geräumt. War das nicht der genau richtige Schritt?

Zumindest hat es den Weg für Jürgen Klinsmann frei gemacht, der uns bunte Bilder in den Kopf gesetzt hat, für eine Aufbruchstimmung sorgte und mutig Reformen antrieb. Es war der Job seines Lebens, das hat man gespürt: Projektmanager WM 2006. Aber wenn man Klinsmann dann später erlebt hat, ist ja kaum noch nachvollziehbar, was er damals ausgelöst hat in Deutschland. Auch an diesem Beispiel sehen wir, wie verrückt diese Fußballwelt ist.

Interview: Jan Christian Müller

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