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Superstar Cristiano Ronaldo setzt den Ton

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Von: Jan Christian Müller

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Die Weltkarte des großen Sports wird alsbald noch ein Stück mehr Richtung Persischen Golf verlagert. Die Verbände sind gefordert. Ein Kommentar.

Riad – Gerade kämpft Amnesty International wieder um Menschenleben in Saudi-Arabien. Dem Nigerianer Sulaimon Olufemi und dem Jordanier Hussein Abo al-Kheir drohen Hinrichtungen. Amnesty bittet darum, sich für die Männer und weitere Opfer einer Willkürjustiz einzusetzen. Etwa für Salma al-Schihab, die zu einer 34-jährigen Haftstrafe verurteilt wurde, weil sie auf Twitter Beiträge von Aktivistinnen geteilt hatte, die sich für Frauenrechte einsetzen. Für 20 Menschen, die binnen zwei Monaten wegen Drogendelikten hingerichtet worden sind, ist es schon zu spät, höflich formulierte Luftpostbriefe an seine Majestät King Salman bin Abdul Aziz Al Saud zu schicken und in Riad untertänigst um Gnade zu bitten.

Derlei Vorgänge – und der widerliche Mord am regimekritischen Journalisten Jamal Kashoggi im saudi-arabische Generalkonsulat in Istanbul vor vier Jahren – bilden das politische und atmosphärische Umfeld, in dem sich Cristiano Ronaldo nun in der sportlich lächerlichen Saudi Pro League bewegt. Der Megastar ist beileibe nicht der Erste, der dort nicht nur den Ball, sondern auch die Menschenrechte mit Füßen tritt. Die außergewöhnliche Prominenz des Portugiesen lenkt zum neuen Jahr im Handstreich das Spotlight der Weltöffentlichkeit weg von WM-Ausrichter Katar auf das mächtige, 200-fach größere Saudi-Arabien.

Cristiano Ronaldo
Steht vor einem Wechsel nach Saudi-Arabien: Cristiano Ronaldo. © Tom Weller/dpa

Ronaldo wechselt nach Saudi-Arabien: Mit offenen Armen empfangen

Die Win-Win-Situation ist schon nach wenigen Stunden sichtbar geworden. In der arabischen Welt wird Ronaldo mit offenen Armen empfangen, sein ohnehin prallgefülltes Konto wächst ab sofort pro Tag um umgerechnet rund eine halbe Million Euro. In den Sozialen Netzwerken Twitter und Instagram vervierfachte sich die Zahl der Follower des neuen Herzensklubs FC Al Nassr über Nacht im einstelligen Millionenbereich. Der Imagetransfer funktioniert prächtig.

Die Strategie Saudi-Arabiens ist offenkundig. Nach der Übernahme von Newcastle United, der Gründung einer vom saudi-arabischen Staatsfonds üppig gepamperten Golftour und der erfolgreichen Bewerbung um die Asiatischen Winterspiele 2029 wäre es wenig verwunderlich, sollten sich die Saudis auch bei den Olympischen Spielen und der Fußball-Weltmeisterschaft nicht hinten anstellen. An Geld und Großmannssucht fehlt es nicht: Um im Wüstenstaat Skifahren zu können, wird die futuristische Planstadt Neom am Roten Meer gerade für 500 Milliarden Dollar aufgemotzt.

Die Zukunft lässt Ronaldo links liegen: In Portugals junger, spielfreudiger Mannschaft wirkt der Solist wie aus der Zeit gefallen.

Weltfußballverband Fifa, Internationales Olympisches Komitee sowie nationale Verbände wie der Deutsche Fußball-Bund und der Deutsche Olympische Sport-Bund sollten sich nicht überrumpelt gebärden, wenn der Versuch unternommen wird, die Weltkarte des großen Sports alsbald noch ein Stück mehr Richtung Persischen Golf zu verlagern. Jeder Verband für sich sollte zeitig eine Strategie des Umgangs mit dieser Projektion entwickeln. Rote Linien einziehen, die nicht übertreten werden dürfen? Oder laufenlassen wie bisher in Russland, China, Katar? Cristiano Ronaldo jedenfalls hat seine Entscheidung getroffen. (Jan Christian Müller)

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