Corona-Krise im Fußball

Geisterspiele in der Bundesliga: Bloß keine schrillen Zwischentöne

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Die Deutsche Fußball-Liga wähnt sich auf einem guten Weg in den Geisterspielbetrieb - aber sie fürchtet auch, dass die öffentliche Meinung durch Äußerungen aus den Vereinen kippen könnte.

  • Wann wird die Fußball-Bundesliga fortgesetzt? 
  • Die DFL hofft auf baldige Geisterspiele
  • Äußerungen einiger Vereinsvertreter sorgen jedoch für Diskussionen

Die Fußball-Bundesliga sieht sich nach Informationen der Frankfurter Rundschau nicht unmittelbar davon betroffen, dass in Deutschland bis Ende August keine Großveranstaltungen stattfinden dürfen. Von dieser am Mittwochnachmittag bei einem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder getroffenen Entscheidung könnten sogenannte Geisterspiele ausgenommen bleiben. „Die Bundesliga war kein Thema. Sie wird im nächsten Schritt Thema sein. Ob Geisterspiele möglich sind, werden wir dann diskutieren“, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Abend. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat positive Botschaften aus den Bundesländern registriert. Tendenz: Wenn die DFL ein stimmiges Konzept vorlegt, könnte die Politik Spiele ohne Publikum schon weit vor September erlauben. Ob das aber schon im Mai der Fall sein wird, ist noch nicht konkret absehbar. Die ursprünglich erhoffte Wiederaufnahme des Spielbetriebs am ersten Mai-Wochenende dürfte aber nach Lage der Dinge unmöglich sein. 

Die DFL will vor der inzwischen auf den 23. April verschobenen Mitgliederversammlung verhindern, dass einzelne Bundesligavereine weiterhin öffentlich über mögliche Einstiegsszenarien spekulieren. Am Dienstag hat DFL-Chef Christian Seifert diesen eindringlichen Appell in seinem Rundschreiben an die 36 Lizenzklubs hinterlegt. Zudem erklärte der 50-Jährige in seiner Mail die Beweggründe für die Verlegung der virtuellen Zusammenkunft aller Vereine um eine knappe Woche. Man wolle zunächst in einer gewissen Ruhe die Entscheidungen von Bundes- und Landesregierungen für eine behutsame Wiederherstellung des öffentlichen Lebens erörtern. Auch sei die eingesetzte medizinische Taskforce noch nicht ganz so weit, um ein gesellschaftlich breit akzeptiertes Konzept zum Wiedereinstieg in die Saison gewährleisten zu können. Wenngleich sich - gut für die beiden Bundesligen und die durchzuführenden rund 20.000 Corona-Tests bis Saisonende - eine Entspannung des Engpasses auf dem Gebiet der Laborkapazitäten erkennen lässt. 

Bundesliga in der Corona-Krise: DFL sieht Geisterspiele auf gutem Weg

Was die öffentlichen Statements – zuletzt von Klaus Hofmann (FC Augsburg), Dirk Zingler (Union Berlin) und Martin Kind (Hannover 96) – betreffen, gehe es nicht darum, das Recht auf Meinungsäußerung einzuschränken, sagt ein Vereinsvertreter, „sondern darum, dass Vielstimmigkeit jetzt gerade keine Stärke ist, weil es das Ergebnis verkompliziert“. Der Aufsichtsratsvorsitzende der DFL GmbH, Peter Peters (Schalke 04), hatte ebenfalls explizit die Vereine der ersten Liga ermahnt, sich mit Statements künftig tunlichst zurückzuhalten. 

An die Klubs der zweiten Liga erging bereits am Karfreitag ein PDF-Dokument mit ähnlichem Wortlaut vom DFL-Vizepräsidenten Steffen Schneekloth (Holstein Kiel), der als gestrenger Sprecher fürs Unterhaus fungiert. Die Vorgänge mit drei Schreiben mit gleichlautender Stoßrichtung zeigen, wie brisant Themen wie die Saisonfortsetzung, Insolvenz oder Kurzarbeit sind. 

Es gäbe, ärgert sich ein Manager, zu viele Leute, die „dumm rumquatschen“. Manche Wortmeldungen seien vielleicht nicht boshaft, aber mindestens naiv gewesen. Auch deshalb hat die Liga nun eine klare Warnung ausgesprochen, der vorgeblichen Kakophonie Einhalt zu gebieten.

Corona-Krise: DFL will gutes Image der Bundesliga nicht aufs Spiel setzen

In der Frankfurter DFL-Zentrale gehört es zur Tradition, sich über divergierende Meinungsbekundungen der 36 rechtlich völlig unabhängigen Klubs immer mal wieder mächtig zu ärgern. Dass es mit der vielgepriesenen Solidarität nicht weit her ist, wenn es ans Eingemachte geht, weiß jeder, der in der Branche unterwegs ist. In „normalen“ Zeiten seien gegensätzliche Bewertungen, etwa über die Geldverteilung der milliardenschweren TV-Erträge, vielleicht ärgerlich, aber allemal noch erträglich. Derzeit aber, so das Urteil der DFL-Verantwortlichen, befinde sich der deutsche Profifußball derart kritisch unter dem medialen, politischen und gesellschaftlichen Brennglas, dass die aktuell dem Profifußball eher zugewandte allgemeine Stimmung schnell kippen könnte. Das soll unter allen Umständen vermieden werden, um die Saison fortsetzen zu können. 

Wie viel aber muss eine funktionierende Profifußball-Demokratie gerade aushalten können? Zumal auch dann, wenn Überlegungen einzelner Protagonisten nicht nur aus Sicht weniger privilegierten Bevölkerungsschichten durchaus bedenkenswert erscheinen. Augsburgs Präsident Hofmann hatte zuletzt in der „Augsburger Allgemeinen“ das Geschäftsgebaren der allermeisten Konkurrenzklubs kritisiert. „Wenn ich lese, dass Fußballvereine, die ein paar hundert Millionen Euro Umsatz machen, ihre Geschäftsstellenmitarbeiter in Kurzarbeit schicken, fühle ich mich wie in einem falschen Film.“ Zudem fügte der Klubchef des Tabellen-14. an: „Wenn es Profivereine gibt, die Ende Mai nicht mehr liquide und daher im Grunde nur einen Monat durchfinanziert sind, dann ist das nicht mehr akzeptabel.“

Bundesliga-Zwangspause wegen Corona: Schalke 04 besonders gefährdet

Union-Präsident Zingler seinerseits hatte auf der Vereinshomepage über den Zeitpunkt der Saisonfortsetzung folgenden, ja durchaus nachvollziehbaren Vorschlag gemacht: „Wir sollten einen Termin finden, der eine gesellschaftliche Akzeptanz hat. Die Kinder müssen erst zur Schule und vielleicht muss auch die kleine Kneipe mit 20 Plätzen erst wieder auf, bevor wir Fußball spielen.“ Hannovers Patron Kind hatte sich fordernder zu Wort gemeldet: „Ich hoffe, und das ist auch meine große Erwartung, dass die Politik jetzt im April das Szenario der Reaktivierung der Strukturen einleitet. Das ist zwingend notwendig.“ Der Shutdown sei „eine Katastrophe – wir brauchen eine Perspektive“. 

In der DFL-Chefetage kamen all diese Äußerungen überhaupt nicht gut an. Niemand soll aus der Bundesliga Druck auf Politik und Gesellschaft ausüben, aber auch niemand soll von sich aus den nachhaltigen Wunsch nach sehr baldiger Rückkehr in die Saison hintenanstellen. 

Parallel dazu vertieft die DFL Gespräche vor allem mit dem größten Medienpartner Sky, die offenbar sehr positiv angelaufen sind. Ein Großteil der letzten Tranche von etwa 250 Millionen Euro – zusätzlich zu weiteren knapp hundert Millionen Euro von ARD, ZDF, Dazn und Sport 1 – für das letzte Drittel der Saison in erster und zweiter Liga dürfte im Mai fließen und manchen Klub vor der Insolvenz retten. Als besonders gefährdet gilt allen voran Schalke 04. Die offenbar aussichtsreich gestarteten Verhandlungen der DFL mit der Nomura Financial Products Europe GmbH– einer in Frankfurt beheimateten Tochter des japanischen Bankenkonsortiums Nomura – über einen Überbrückungskredit sollen nur als letzter Rettungsanker dienen.

Der Philosoph Richard David Precht findet: In der Bundesliga sei zuletzt „alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann“. Alles zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf den Fußball lesen Sie in unserem News-Ticker.

Rubriklistenbild: © Roland Weihrauch/dpa

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