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Harter Aufprall in der Realität: Nationalspieler Niklas Süle.

Kommentar

Profifußball in Corona-Zeiten: Geld geht über Gesundheit

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Immer häufiger wirbeln Corona-Fälle Fußballteams und Verbände durcheinander. Dass dennoch zwanghaft weitergespielt wird, ist nur schwer nachvollziehbar. Ein Kommentar.

Frankfurt - Es kann keinen Zweifel mehr geben: Die sogenannten Hygienekonzepte, die den Profifußball vor einer Ansteckung der Spieler schützen sollten, funktionieren nicht mehr. Zu viele Blasen sind geplatzt. Nahezu überall schleicht sich das Virus hinterlistig ein, Vereine sind gleichermaßen betroffen wie Verbände. Und niemand kann bezeugen, dass er sich aus den Kadern der Mannschaften nicht auch wieder hinausschleicht in die Bevölkerung. Diese versteht es in Zeiten der neuerlichen partiellen Lockdowns immer weniger, dass 40-Mann-Trosse kreuz und quer durch Europa jetten, um in verwaisten Arenen gegeneinander Fußball zu spielen. Mit Spielern, die dafür zur Risikominimierung umfangreich regelmäßig getestet werden, wiewohl die Kapazitäten längst auf Kante genäht sind.

Corona und Profifußball: Die Macht und das Geld sind groß

Aber die Macht und das Geld des Profifußballs sind groß, und der finanzielle Druck, der auf Vereinen und Verbänden lastet, ehrlicherweise auch. Es ist gerade ein Abwägen: Geld gegen Gesundheit, und gerade gewinnt noch meist das Geld – allerdings mit zunehmend knapperem Vorsprung. Es gab jetzt auch die ersten knappen Niederlagen. Norwegen durfte weder gegen Israel noch in Rumänen spielen, weil die Gesundheitsbehörden sich querstellten. Damit droht der Wettbewerb zur Farce zu verkommen. Fairness gerät zur Nebensache, weil das Geschäft weiterlaufen muss. Soll, darf.

Die Überforderung sämtlicher Systeme im Angesicht der Corona-Pandemie und drohender Überlastung des Gesundheitapparats ist unübersehbar. Vermutlich gibt es auch Menschen im Deutschen Fußball-Bund – den Bundestrainer vielleicht? – die aus Rücksicht aufs Gemeinwesen gerade lieber nicht zum Fußballspielen ins Hochrisikogebiet nach Spanien düsen würden. Aber Joachim Löw könnte das, sollte er so denken, nicht laut sagen: Sein Arbeitgeber fürchtete nämlich noch im Frühjahr, der Ausfall sämtlicher Länderspiele im Herbst würde ein 75-Millionen-Euro-Loch in die Verbandskasse reißen. Weil nun doch im September, Oktober und November insgesamt achtmal gespielt werden kann, bleibt am Ende eine schwarz-rote Null. Zur großen Erleichterung des Schatzmeisters.

Corona: Sonderregelungen für Großveranstaltungen wie im Profifußball

Blicken wir gemeinsam nach vorne. Im kommenden Sommer sollen eine Europameisterschaft in zwölf Ländern und Olympische Spiele in Tokio stattfinden. Mit dem, was man derzeit weiß, kann vor allem Olympia nur funktionieren, wenn die Abertausenden Teilnehmer und Betreuer, Volunteers, Organisatoren und Medienleute zuvor geimpft werden. Vermutlich dürfte das auch für die EM gelten, deren paneuropäischer Charakter nach gegenwärtigem Wissensstand ohnehin unverantwortlich wäre.

Es braucht also Sonderregelungen, wie aktuell die eng getakteten Testreihen für Profisportler. Aber es wird schwierig, dass eine solche Notwendigkeit für Großveranstaltungen auf gesellschaftliche Akzeptanz trifft. Die schrumpft nämlich gerade mit jedem Spiel der Nations League.

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