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Keine Lust auf Geisterspiele: Zwei Fans von Borussia Mönchengladbach vor der Partie gegen den 1. FC Köln vor fünf Wochen.

Geisterspiele in der Bundesliga

Der neue Druck der Ultras: „Fanszenen Deutschlands“ lehnen Geisterspiele ab

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„Fanszenen Deutschlands“ lehnen Bundesliga-Geisterspiele ab: „Der Profifußball ist längst krank genug gehört weiterhin in Quarantäne.“ Es gibt aber auch andere Meinungen.

  • Der Sport steht wegen der Corona-Pandemie still
  • Saison der Fußball-Bundesliga soll mit Geisterspielen beendet werden
  • Fan-Ultras lehnen Geisterspiele ab

Frankfurt - Die Sollbruchstelle zwischen dem Profifußball und einflussreichen Teilen der Ultraszene hat einen neuen Riss bekommen, und diesmal dürfte dieser Riss tiefer denn je sein. Denn ging es bislang um sicher keineswegs unbedeutende Themen wie Pyrotechnik, Kollektivstrafen, Stadionverbote, Stehplätze oder die 50+1-Regel, so geht es aktuell um nicht weniger als die Existenz. Jedenfalls die von 13 Erst- und Zweitligaklubs, die akut insolvenzgefährdet sind, sollte die wegen des Coronavirus unterbrochene Saison nicht mit Geisterspielen beendet werden können.

Ultra-Zusammenschluss „Fanszenen Deutschlands kritisiert Geschäftsmodell des deutschen Profifußballs

Der gewichtige bundesweite Ultra-Zusammenschluss „Fanszenen Deutschlands“ hat in einem Kommuniqué die geplante Fortführung der Spielzeit als Geisterspielsaison als „nicht vertretbar“ bezeichnet und dabei auch das Geschäftsmodell des deutschen Profifußballs fundamental kritisiert. „Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft“ heißt es in dem Schreiben, „und insbesondere gegenüber all denjenigen, die sich in der Corona-Krise wirklich gesellschaftsdienlich engagieren. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.“ Man halte das „Gerede von zigtausenden Jobs für einen Vorwand, weiterhin exorbitante Millioneneinkünfte für wenige extreme Profiteure zu sichern“.

Der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga wollten die Vorhaltungen auf Anfrage der Frankfurter Rundschau nicht öffentlich kommentieren. Beide Verbände sind bemüht, die hochsensible Debatte nicht unbedacht anzuheizen. Denn zu wichtig ist eine breite gesellschaftliche Unterstützung, um eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu gewährleisten. Die Fortsetzung der Saison müsste freilich unbedingt von den Fans positiv begleitet werden – etwa, indem diese auf Gruppentreffen während der Geisterspiele vor den Stadien konsequent verzichten. Täten sie dies nicht, würde die Strategie der DFL scheitern. Wahrscheinlich waren Fußballfans nie mächtiger, als sie es derzeit sind.

Kommunikation von DFB und DFL mit den „Fanszenen Deutschlands“ ist weitgehend zum Erliegen gekommen

Ohnehin ist die Kommunikation von DFB und DFL mit den „Fanszenen Deutschlands“ weitgehend zum Erliegen gekommen. Diese Ultravereinigung war im Sommer 2018 aus dem Dialog mit DFL-Geschäftsführer Christian Seifert und DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius in der Arbeitsgemeinschaft Fankulturen ausgeschieden, weil sie sich nicht ausreichend gehört und verstanden fühlte. 

Andere Fangruppierungen, allen voran „Unsere Kurve“, befinden sich weiterhin im ständigen Gespräch mit den Verbänden. Auch „Unsere Kurve“ fragt kritisch: „Wie kann man das überdrehte Rad zurückdrehen?“ Ihre anfangs komplett ablehnende Haltung gegenüber Geisterspielen schien bei „Unsere Kurve“ aber zuletzt aufgeweicht. 

Für die traditionell besonders DFL- und DFB-kritische Gruppierung „Pro Fans“ hat deren Sprecher Sig Zelt sogar ungewohnt milde geäußert: „Das Verständnis für Geisterspiele hat sich weitgehend durchgesetzt in der Szene. Vielen Vereinen steht ja das Wasser bis zum Hals,“

Ultras: Insgesamt ergibt sich ein differenziertes Meinungsbild zu den Geisterspielen

Offenbar haben Fan- und Ultragruppierungen dort, wo Vereine intensiv mit ihnen kommunizieren und überzeugend auf die schwerwiegenden finanziellen Folgen hinweisen, mehr Verständnis für die Klubbelange als anderswo. Insgesamt ergibt sich ein differenziertes Meinungsbild. In einem sind sich Fan- und Ultravertreter aber weitgehend einig, wie es die „Fanszenen Deutschlands“ jetzt zum Ausdruck brachten: „Die Verbände sollten diese Krise als solche begreifen und die Strukturen des modernen Fußballs grundlegend verändern.“ 

Etwa auch, indem die 1,5 Milliarden Euro Medienerlöse pro Saison fairer verteilt werden. Derzeit erhält der Bundesliga-Tabellenführer das Vierfache des Letzten. Eine tiefgreifende Überarbeitung dieser Verteilung zugunsten finanzschwächerer Klubs fordern bislang lediglich der FC St. Pauli und - weniger vehement - der FSV Mainz 05.

Geplante Corona-Tests sorgen für Ärger 

Die „Fanszenen Deutschland“ schließen ihr Pamphlet mit der Forderung: „Die Phase einer von der restlichen Gesellschaft komplett entkoppelten Fußballwelt“ müsse „ein Ende haben“. Diese Entkopplung von der Gesellschaft zeige sich aktuell konkret an den geplanten Testungen: „Wenn seit Wochen über einen Mangel an Kapazitäten bei Covid-19-Tests berichtet wird, ist die Idee, Fußballspieler in einer extrem hohen Taktung auf das Virus zu untersuchen, schlicht absurd.“ 

Die DFL hat zuletzt wiederholt darauf hingewiesen, dass sie ein Konzept zu den notwendigen rund 20.000 Tests der Profis, Trainer und Betreuer vorlegen wird. Diese Möglichkeit wird von einigen Experten inzwischen gestützt.

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