+
„Die absoluten Topspieler wie Kylian Mbappé werden immer noch deutlich mehr als 100 Millionen Euro einbringen“, sagt Jörg Neblung.

Jörg Neblung

Fußball in der Corona-Krise: Spielerberater über die Transfers der Zukunft

  • schließen

Spielerberater Jörg Neblung über Erfahrungen mit Kurzarbeit, was die Corona-Krise für seine Branche bedeutet und warum er glaubt, dass der Fußball schnell in alte Schemen fallen wird.

  • Der Sport steht aufgrund der Corona-Krise still, auch im Fußball geht nichts mehr
  • Ein Spielerberater spricht im Interview über die Situation während der Krise
  • Jörg Neblung glaubt, dass der Fußball bald wieder in alte schmeen verfallen wird

Jörg Neblung ist Spielerberater und hat seine eigene Agentur „neblung sportsnetwork“, die er 2002 gründete und die ihren Sitz in Köln hat. Neblung studierte an der Deutschen Sporthochschule in Köln und ist Diplom-Sportlehrer. 

Herr Neblung, wie sehr beeinträchtigt die Situation Ihren Beruf?

Wir sind alle voll in Betrieb. Ich bin im Büro, meine Mitarbeiter im Homeoffice. Wir haben viel zu tun. Auf die Frage meiner Steuerberaterin, ob Kurzarbeit für uns in Betracht zu ziehen ist, konnte ich schnell antworten: Nein.

Corona-Krise: Kurzarbeit im Fußball

Aber Kurzarbeit ist für die Fußballer ein Thema.

Ja, das beschäftigt uns nun seit drei Wochen. Ebenso wie der freiwillige Verzicht oder Stundungen, wenn Gehaltszahlungen aufgeschoben werden. Wir müssen das mit unseren Klienten besprechen und prüfen. Dieses Thema ist aber nicht neu für mich.

Wieso?

Nach dem Tod von Robert Enke 2009 ist uns ein großer Teil der Einnahmen weggebrochen. Dazu kam damals die Invalidität von Bastian Reinhardt, Ex-Spieler des Hamburger SV, ebenfalls ein großer Klient. Damals musste ich Kurzarbeit beantragen.

Mit diesen Erfahrungen haben Sie einigen Kollegen jetzt wahrscheinlich etwas voraus.

Das kann sein. Die Erfahrungen sind da. Die Bedingungen, die erfüllt sein müssen und gestellt werden – ich kenne das alles.

Wie schnell kann das existenziell für einen Fußballprofi werden?

Wenn wir nicht über die Bundesliga sprechen, dann sehr schnell. Nehmen wir das Beispiel Meppen, Dritte Liga. Ein Familienvater bekommt nur noch 67 Prozent, ein Alleinstehender 60 Prozent. In diesen Gehaltsbereichen ist das ein deutlicher Einschnitt. Gehen wir noch eine Klasse tiefer in die Regionalliga, wo Spieler im Schnitt 1500 bis 1800 Euro brutto verdienen. Da ist ein solcher Verzicht definitiv existenzbedrohend, ist das Gehalt doch ohnehin schon am Existenzminimum.

Nach Corona: Der Markt wird sich regenerieren

Inwiefern müssen Sie da momentan auch Sorgen nehmen?

Jörg Neblung. 

Ich versuche, Sicherheit zu geben. Das kann ich durch meine Zuversicht und Überzeugung, dass der Fußball ein beständiger Markt sein wird. Gerade in Krisenzeiten kann dieser Sport entlasten und eine Abwechslung von der Tristesse des Alltags sein. Ich bin mir sicher, dass wir nach Corona schnell wieder in alte Schemen verfallen werden.

Zur Person

Zwischen 1994 und 1998 arbeitete Jörg Nebelung als Reha- und Athletiktrainer für Borussia Mönchengladbach. Der 52-Jährige war Berater von Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm. Er ist verheiratet und hat eine zwölf Jahre alte Tochter.

Das heißt, dass wieder Ablösesummen im dreistelligen Millionenbereich gezahlt werden?

Davon gehe ich aus. Der Markt wird sich regenerieren. Und dann läuft es wieder wie bisher.

Aber kurzfristig wird Corona Auswirkungen auf Ablösesummen haben?

Ja. Auch als die Blase an der Börse 2002 geplatzt ist, hatte das direkte Auswirkungen auf den Fußball. Die absoluten Topspieler wie Kylian Mbappé werden aber immer noch deutlich mehr als 100 Millionen Euro einbringen, nur das Gesamtvolumen am Transfermarkt wird sinken.

Welche akuten Beispiele gibt es in der Bundesliga?

Dortmunds Jadon Sancho und Leverkusens Kai Havertz sind wohl gerade die beiden umsatzstärksten Spieler der Liga. Beide sollten oder wollten im Sommer wechseln, da wird es Einbußen geben. Bei Havertz ist es allerdings so, dass in diesem Sommer der beste Zeitpunkt zum Verkaufen wäre. Er hat noch zwei Jahre Vertrag. Im kommenden Sommer könnte ein möglicher Abnehmer wie die Bayern dann schon sagen: Da warten wir lieber noch das eine Jahr und holen ihn dann ablösefrei – wie bei Nübel.

Corona-Härtefälle im Fußball

Gibt es derzeit Härtefälle unter ihren Klienten?

Ich habe mit Tim Heubach den einzigen deutschen Spieler in Israel. Dort wird den Fußballern mit einer unbezahlten Freistellung oder sogar der Kündigung gedroht, weil israelische Vereine in solchen Sondersituationen angeblich das Recht dazu haben. Für Ausländer gibt es zudem keinen Auffangschirm wie Arbeitslosengeld. Da muss man genau überlegen, ob man das Angebot, das Gehalt auf X Prozent zu reduzieren, einfach akzeptiert, damit dieser Spieler nicht plötzlich ohne alles dasteht.

Welchen Einfluss hat das auf Ihre eigene finanzielle Situation?

Wir hängen hinten an der Wirtschaftskette dran. Weniger Geldzuflüsse in den Fußball bedeutet weniger Umsatz für die Vereine, weniger Wechsel, geringere Ablösesummen, kleinere Gehälter. Am Ende kommen wir als Provisionsbranche und sind logischerweise auch betroffen. Für 2020 wird es bei uns kein Problem, sofern unsere bestehenden Provisionsvereinbarungen nicht durch Insolvenzen plötzlich nichtig sind. Aber ich kann nicht orakeln, was das für 2021 bedeutet. Die Berater haben in Deutschland 2019 200 Millionen Euro aus Provisionen eingenommen, diese Zahl wird in diesem Jahr tendenziell nicht erreicht werden, trotz Vermittlungsvereinbarungen aus der Zeit vor Corona.

Was raten sie Ihren Spielern in dieser Zeit?

Ich rate unseren Abiturienten, die Zeit zu nutzen, um ihre Noten zu pushen. Sie sollten die Zeit jetzt nicht nur in Sit-Ups und Crunches investieren, sondern auch in schulische Skills. Und die älteren Spieler sollen sich fragen, was sie nach der Karriere als Fußballer machen wollen? Dafür arbeiten wir mit Fernuniversitäten zusammen. Ein Fernstudium oder Weiterbildung während der Corona-Pause ist das Positive, was man aus der negativen Zeit herausholen kann.

Interview: Maximilian Bülau

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare