+
Bevorzugt Ballbesitzfußball: Nürnbergs Trainer Michael Köllner.

1. FC Nürnberg

Der Club und die "Grethlein-Frage"

  • schließen

Der 1. FC Nürnberg klopft wieder an die Tür zur Bundesliga, seine Macher wollen die Profis aus dem Verein ausgliedern.

Egal, ob er mit U-Bahn, S-Bahn, Tram oder mit dem Auto anreist – es sind jeweils einige hundert Meter, bis der geneigte Fan des 1. FC Nürnberg vorm Stadiontor steht. Schließlich könnte man Stunden damit verbringen, die zahlreichen Sticker zu lesen, die auf den Laternenmasten und Plakatständern Volkes Stimme widerspiegeln.

Eine keinesfalls wissenschaftlich fundierte Auswertung unlängst vor dem Heimspiel gegen Darmstadt (1:1) ergab: Nein, die Derby-Niederlage gegen Fürth ist noch keineswegs vernarbt. Ja, der Club sollte nach Ansicht der Fans unbedingt aufsteigen („Die Legende muss zurück in Liga 1“). Und, nein, die Ausgliederungspläne, die Geschäftsführer Michael Meeske und Aufsichtsrats-Chef Thomas Grethlein vorantreiben, stoßen bei den meisten Fans in der Nordkurve nicht auf Gegenliebe: „Ausgliederung? Nein zur Grethlein-Frage!“, heißt es auf vielen Aufklebern. Vor der Kurve hängt seit Monaten eine Zaunfahne mit einer Feststellung, die gleichzeitig eine Forderung für die Zukunft ist: „1. FC Nürnberg, eingetragener Verein seit 1900“

Trotz nur einem Zähler aus den letzten drei Partien hat der FCN immer noch zwei Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, sechs sind es sogar auf Platz vier. Trainer Michael Köllner, einem redefreudigen und ehrgeizigen Fußballfachmann, ist es dabei gelungen, eine junge Mannschaft zu formen, die in der zweiten Liga fast schon ein Alleinstellungsmerkmal aufweist.

Zwar gab auch beim Club Spiele, die unter ästhetischen Gesichtspunkten nur schwer zu verdauen waren. Doch im Normalfall zählt der 1. FC Nürnberg neben Holstein Kiel, dem VfL Bochum oder Dynamo Dresden zu den ganz wenigen Teams in der zweiten Liga, die, wenn sie mal in Ballbesitz geraten, das Spielgerät nicht sofort wieder loswerden wollen. „Köllner legt Wert auf Ballbesitz und spielerische Lösungen“, sagt Sportdirektor Andreas Bornemann. „Auch wenn nicht immer alles wie gewollt läuft, gehören wir sicher zu den Teams mit hoher Passquote und dem Willen, sauber hinten raus zu spielen.“ Köllners Vorgänger René Weiler und Alois Schwartz hatten zuvor eine Defensivtaktik mit vielen langen Bällen bevorzugt.

Unverhofft positive Saison

Von den Korsettstangen des Teams sind einige wie Keeper Fabian Bredlow, Kapitän Hanno Behrens oder Verteidiger Ewerton vertraglich gebunden. Auch der von einigen Erstligisten umworbene Tim Leibold hat seinen Vertrag jüngst verlängert. Doch  der offensive Mittelfeldmann Kevin Möhwald, der hartnäckig mit Werder Bremen in Verbindung gebracht wird, dürfte im Sommer der nächste Hochkaräter sein, der das Weite sucht. So wie es zuletzt Cedric Teuchert, Guido Burgstaller, Alessandro Schöpf (alle Schalke), aber auch der talentierte Patrick Kammerbauer (Freiburg) oder Abdelhamid Sabiri (Huddersfield) getan haben. Sie alle konnten nicht gehalten werden, den Verein drücken immer noch Verbindlichkeiten von rund fünf Millionen Euro.

Auch deshalb wäre die erste Liga ein Segen für den Club, der sich längst auch offiziell dazu bekennt, die unverhofft positive Saison mit dem Aufstieg krönen zu wollen. Statt der bisher rund 13 Millionen Euro an TV-Geld könnte man dann mit 34 Millionen kalkulieren. Auf ihre Fans könnten die Franken in der Bundesliga sowieso zählen. 28 207 Zuschauer kamen bisher pro Spiel, das ist hinter St. Pauli der zweitbeste Schnitt der zweiten Liga. Im Falle eines Aufstiegs sind 45.000 Fans im Schnitt keine Utopie.

Bliebe das Problem der Ausgliederung und der „Grethlein-Frage“, die de facto eher eine „Meeske-Frage“ ist. Geschäfsführer Michael Meeske, der dieser Tage eine Offerte aus Wolfsburg abgelehnt haben soll, arbeitet seit Monaten an einem praktikablen Modell, wie die Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung in eine Kapitalgesellschaft so vorangetrieben werden kann, dass sie eine Mehrheit bei den Mitgliedern findet.

„Weil der Fußball der heutigen Zeit viel Geld fordert, werden immer mehr Vereine von dieser Regelung Gebrauch machen und andere sich genau überlegen, ob sie sich gegen eine solche Ausgliederung entscheiden, dann aber weniger Möglichkeiten haben“, argumentiert er. Vom ursprünglichen Fahrplan ist man derweil allerdings abgerückt. Nachdem bei der Jahreshauptversammlung im vergangenen Jahr erbittert um Pro und Contra gestritten wurde, will die Vereinsführung nun zuerst einen möglichen Investor präsentieren, und dann die als alternativlos erachtete Ausgliederung zur Abstimmung stellen.

Das Kalkül dahinter: Ein seriöses, in der Region verwurzeltes Unternehmen weckt weniger Ängste als die Aussicht, erst mal eine Tür aufzumachen, ohne zu wissen, wer dann später durch sie hindurchschreitet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion