Von allen geliebt: Die Werder-Legende Claudio Pizarro, Torjäger und Herzensbrecher. 
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Von allen geliebt: Die Werder-Legende Claudio Pizarro, Torjäger und Herzensbrecher. 

Pizarro

Claudio Pizarro: Ein Schlawiner geht in den Ruhestand

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Beim Spiel von Werder Bremen gegen Köln droht Claudio Pizarro ein letzter Auftritt auf der Bundesliga-Bühne, der weder seiner Karriere noch dem Menschen gerecht wird.

Vielleicht ist es besser, wenn sich Claudio Pizarro nicht vorstellt, wie alles am Samstag hätte sein können. Weserstadion Bremen, sein Wohnzimmer, wie er mal gesagt hat. 42 100 Menschen anwesend, der SV Werder empfängt den 1. FC Köln, wo Pizarro nach einem kurzen Gastspiel zwar nicht als treffsicherer Torjäger, aber als echter Typ in Erinnerung geblieben ist. Arnd Zeigler, der Stadionsprecher, würde am Samstag, gegen 15.20 Uhr, um Aufmerksamkeit bitten, alle, wirklich alle Besucher würden sich von ihren Plätzen erheben und noch einmal „Pizarro, oh, oh, oh“ trällern. Dann würde gespielt, am besten ginge es um nichts mehr, der 41-Jährige würde eingewechselt, und wenn die Kölner ganz, ganz nett wären, würden sie Platz machen, damit ein Ausnahmefußballer in seinem 490. Bundesliga-Spiel noch sein 190. Tor schießt.

Doch das Leben ist kein Wunschkonzert. So wird es nicht werden. Denn statt 42 100 Zuschauern sind wieder nur 300 Personen da. Nicht mal ein Gemälde oder Blumengebinde werden von der Bremer Geschäftsführung an den sympathischen Hallodri überreicht – das alles soll erst bei einem vertraglich vereinbarten Abschiedsspiel im nächsten Jahr erfolgen. Werder droht zuvor zum zweiten Male nach 1980 abzusteigen, womit einer Bundesliga-Legende ein in jeder Hinsicht gespenstischer Abschied bevorsteht. Ein letzter Auftritt, der weder der Karriere noch dem Menschen gerecht wird. „Natürlich hätte Claudio etwas anderes verdient“, sagt Werder-Trainer Florian Kohfeldt. Einer der beliebtesten Ausländer der Bundesliga-Geschichte wird sich vorerst damit trösten müssen, was Aufsichtsratschef Marco Bode vorsorglich festgestellt hat: „Claudio wird im Herzen der Werder-Fans auf ewig seinen Platz haben.“

Krönung: Claudio Pizarro bei Bayern 2013 mit Henkelpott. 

Gewiss scheint eigentlich nur, dass der immer frohgelaunte Südamerikaner noch mal eingewechselt wird, was schon gegen den FC Bayern (88. Minute) und beim FSV Mainz 05 (82. Minute) passierte. Seitdem gibt es nur eine kleine Hoffnung: Spielt parallel Fortuna Düsseldorf unentschieden, bräuchten die Grün-Weißen einen Sieg mit vier Toren Differenz. Wer soll die bitte schießen, wo in 16 Heimspielen mickrige neun Törchen heraussprangen. Pizarro? Hat die ganze Saison trotz 17 Kurzeinsätzen noch nicht einmal getroffen. Eigentlich ist es schon ein Wunder, dass er nach einer schweren Muskelverletzung und einer zweiwöchigen Quarantäne aufgrund einer Corona-Erkrankung seiner Tochter überhaupt noch einmal das Werder-Trikot trägt.

So fing es an

Als Claudio Pizarro am 28. August 1999 sein erstes Bundesligaspiel für Werder Bremen in Berlin (1:1) bestritt, ahnte noch niemand, was kommen würde: In der folgenden Woche erster Startelfeinsatz gegen den 1. FC Kaiserslautern (5:0), erstes Tor, danach der erste Hattrick. 25 Einsätze, zehn Tore standen nach seiner ersten Saison zu Buche. Es war die erste von zwölf Spielzeiten, in denen der Stürmer aus Peru zweistellig traf. „Keiner kannte ihn, aber er traf aus allen Lagen, phänomenal“, sagte mal Bremens Torwart Frank Rost.
Aktuell steht Pizarro bei 197 Toren in 489 Bundesligaspielen. Dazu kommen famose Bilanzen im DFB-Pokal (58 Spiele/34 Tore), in der Champions League (77/24) und Europa League (33/23). Mit dem FC Bayern, wo er von 2001 bis 2007, 2012 bis 2015 spielte, wurde er sechsmal Deutscher Meister, gewann 2013 die Champions League und holte fünfmal den DFB-Pokal, den er 2009 auch mit Bremen gewann. 2007/2008 spielte er für Chelsea, 2017/2018 für den 1. FC Köln. Bislang ist er noch keine Bundesligasaison leer ausgegangen.
Für Peru bestritt Pizarro 85 Länderspiele (20 Tore). Als einen der talentiertesten Stürmer betrachtet ihn der ehemalige Bayern-Kapitän Philipp Lahm. Weil er alles hat: „Dynamik, Kopfballstärke, Technik, Spielverständnis.“ Und Thomas Müller, der in jungen Jahren vom Schlitzohr lernte, preist einen Profi, „der überall gerne gesehen wird“. Vor allem auch in München, wo Pizarro nach dem ohnehin geplanten Umzug mit Frau und drei Kindern vielleicht als Markenbotschafter der Bayern einsteigt. Die Entscheidung steht aus. hel

Dass er nicht mehr fit ist; dass er besser nach der Vorsaison aufgehört hätte: Insgeheim weiß das der Sohn eines peruanischen Seemannes wohl selbst. In die Bundesliga kam das „Gesamtkunstwerk“ (sein ehemaliger Mitspieler Bode) zu einer Zeit, als noch kein Scout per Knopfdruck jeden Kicker auf dem Globus durchleuchten konnte. Jürgen L. Born, der damalige Vorstandsboss, beruflich viel in Südamerika unterwegs, hatte einen Tipp bekommen, sich mal den drahtigen Torjäger von Alianza Lima anzuschauen. Stundenlang saß er mit der Familie zusammen, doch das Objekt der Begierde hörte gar nicht richtig hin – er wollte denselben Abend lieber noch ausgehen.

Nach Bremen wechselte Pizarro im August 1999 trotzdem. Für 1,6 Millionen Mark, damals vergleichsweise viel Geld. Bald lagen ihm die Fans an der Weser zu Füßen. Er bewegte sich so gerissen und gleichzeitig geschmeidig durch gegnerische Strafräume, dass er schon zwei Jahre später beim FC Bayern anheuerte, wo er seine mit Abstand meisten Titel gewann.

Seine Wechselspiele zwischen Werder und Bayern, unterbrochen von einem Intermezzo beim FC Chelsea und später in Köln, sind fast legendär. Er ist so oft nach Bremen zurückgekehrt und hat mal die Nummer vier, 14 und 24 in die Kamera gehalten, dass er auch der fünfte Stadtmusikant sein könnte.

Selbst als sein Berater und Freund Carlos Delgado durch einen Ehestreit übler Machenschaften überführt wurde, ein schlimmes Geflecht von Scheinfirmen zum Vorschein kam und einige Schatten auf den Strahlemann fielen, hat Pizarros Image keinen Schaden genommen. Im Gegenteil: Glattgebügelten Stars glaubt das Volk ohnehin nicht, dann ist es besser, die Unschuldsmiene zu machen. „Ich war immer ein Schlawiner. Aber ich habe gelernt. Ich weiß genau, wann ich was machen muss“, verriet er für die NDR-Dokumentation „Claudio Pizarro – Alles außer gewöhnlich.“

Jubel: Claudio Pizarro in seiner typischen Bayern-Pose. 

Der Fußballer sprach darin auch über sein schwieriges Verhältnis zu seiner Heimat, wo sie ihm bis heute vorhalten, zu wenig für Perus Nationalmannschaft geleistet zu haben. Pizarro unterhält viele Kilometer von Lima entfernt übrigens noch ein 44 Hektar großes Gestüt mit 18 Angestellten und 120 Rennpferden, die auf Namen wie „Oktoberfest“ oder „Marienplatz“ hören. Nur den Plan, dort mal zu leben, hat einer verworfen, der heute mehr Pferdenarr als Frauenschwarm ist. Kleinere Laster hat ihm fast kein Trainer übel genommen. Erst recht nicht sein erster Lehrmeister Thomas Schaaf, der über Pizarro sagt: „Ein absoluter Menschenfänger. Ein ganz positiver, freundlicher und herzlicher Mensch.“ Einer, der eigentlich unter stehenden Ovationen die Bühne verlassen müsste.

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