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Branchenführer unter sich in Frankfurt: Die Bayern Karl-Heinz Rummenigge, Lothar Matthäus, Hasan Salihamidzic und Uli Hoeneß (v.l.).
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Branchenführer unter sich in Frankfurt: Die Bayern Karl-Heinz Rummenigge, Lothar Matthäus, Hasan Salihamidzic und Uli Hoeneß (v.l.).

DFL

Christian Seifert liest der Bundesliga die Leviten

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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  • Jan Christian Müller
    Jan Christian Müller
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DFL-Geschäftsführer Seifert redet der Bundesliga deutlich wie nie ins Gewissen. Oliver Bierhoff stützt die Grundsatzschelte.

Man sollte die Botschaften, die Gastgeber Christian Seifert am Dienstag beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball-Liga ins Auditorium schickte, als gezieltes Austeilen interpretieren. Ein Austeilen, das diejenigen, die es trifft, keineswegs in die Knie zwingen, sondern herausfordern soll. Die verbalen Keulenschläge trafen: die lahmenden Bayern-Jäger; den nörgeligen Teil der Presse (also auch die FR) für deren Themenauswahl und Umgang damit; die Minderheit prominenter Kritiker des Turbo-Kapitalismus im Profifußball (wie den St. Paulianer Andreas Rettig); jene zur Hysterie neigenden Menschen unter Fans und Medien, die ihre Empörungswellen nicht kanalisieren; diejenigen latent missmutigen Amateurvertreter, die meinen, der große Fußball erdrücke den kleinen. 

Es war zeitweise ziemlich still im Tiefparterre der Eventlocation des Thurn und Taxis Palais im Herzen von Frankfurt, als Seifert an seinem Stehpult stand. Oben der DFL-Geschäftsführer zwar etwas übersteuert, aber bestens ausgeleuchtet, unten die versammelte Schar der Ligavertreter mit den Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik im Halbdunkel. Es hat bei der obligatorischen Zusammenkunft im Januar schon viele kritische und lobende Worte gegeben, aber nie sind der Bundesliga so die Leviten gelesen worden wie bei der gestrigen Rede des ranghöchsten DFL-Mannes. Statt „Anstoß 2018“ hätte die Titel auch „Denkanstoß 2018“ lauten können, derart kräftig waren die Denkanstöße im fast halbstündigen Grundsatzvortrag des seit zwölf Jahren als Ligachef amtierenden 48-Jährigen. 

Das Jahr 2017, blickte Seifert zurück, sei „für den professionellen Fußball in vielerlei Hinsicht ein Jahr der verpassten Chancen“ gewesen. Besonders in den internationalen Wettbewerben sei die Möglichkeit verpasst worden, „zu belegen, dass die Bundesliga eine der stärksten Ligen der Welt ist“. Zudem vermisste der Chefstratege eine Debatte über die zentralen Fragen der beiden Profiligen: Wie lautet das Zukunftskonzept? Und wie wichtig ist die internationale Konkurrenzfähigkeit? 

Seifert hat das Komplettdesaster in der Europa League und die Großteilblamage in der Champions League nicht zum ersten Mal in seinem Berufsleben arg getroffen. Wer bei internationalen Partnern bei Vertragsabschlüssen höhere Erlöse fordert, dem gehen sowohl dann die Argumente aus, wenn deutsche Klubs im Europapokal gar schlechter als österreichische oder zypriotische Vereine abschneiden, als auch dann, wenn der Klassenkampf in der nationalen Liga zwar spannend ist, der um den Titel aber seit einem halben Jahrzehnt schon nur noch zum Gähnen langweilig. 

Seifert forderte eindringlicher denn je, der gesamte deutsche Fußball müsse sich zur Spitze bekennen. „Von daher muss es auch der Anspruch der Bundesliga sein, im Wettbewerb der besten Ligen der Welt zu bestehen. Nur wenn wir dauerhaft eine intakte Spitze haben, bestehend aus mehreren Klubs, die europaweit mithalten können, erfüllt die Bundesliga dieses Versprechen.“ Deshalb würden „Leuchttürme“ gebraucht. Der 48-Jährige sprach bewusst in der Mehrzahl: „Nur wenn die Qualität an der Spitze der Bundesliga anerkannt ist, wird sie auch so honoriert, und dann profitieren alle anderen - die gesamte Bundesliga, die zweite Liga und die Amateurbasis.“ Zudem rügte er, so mancher Klub habe sich in seiner Komfortzone allzu gemütlich eingerichtet: „Wer heute glaubt, den Status quo verwalten zu können, wird mittelfristig scheitern. Und wer internationale Zweitklassigkeit nicht so schlimm findet, wird sich, schneller als manche denken, in der internationalen Bedeutungslosigkeit wiederfinden. Mit allen Konsequenzen.“ 

Thesen, die Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff „knackig und stimmig“ fand und auch in der scharfen Tonlage mit Zustimmung quittierte. Thesen, die Seiferts vormaliger DFL-Kollege Rettig im FR-Interview zur Jahreswende im Grundsatz bezweifelt hatte. Seine rhetorische Frage: „Wollen wir die Wettbewerbsfähigkeit für fünf oder sechs Klubs verbessern oder wollen wir uns mehr um die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs kümmern?“ Rettig schlägt vor, „nicht jeden Blödsinn“ mitzumachen: „Lassen Sie den Scheich doch 300 Millionen Euro zahlen. Dann sollen die doch ihr Geld verbrennen. Warum müssen wir in diesen Wettlauf einsteigen?“ Seifert sieht es diametral anders: „Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas. Der DFB ist der größte Fußballverband der Welt. Wir sind Weltmeister: Mit diesen Voraussetzungen kann es niemals unser Anspruch sein, sich mit Mittelmaß zufrieden zu geben. Der Anspruch der Bundesliga kann nur der sein, den alle auch an die Nationalmannschaft stellen: Weltklasse!“ 

Unterschiedliche Prioritäten, die zu unterschiedlichen Strategien führen. Die Strategie im deutschen Spitzenfußball gibt Seifert vor, Intimfeind Rettig hörte gestern gespannt zu und gönnte sich danach erst einmal eine kross gebratene Entenbrust. Seifert hatte zuvor die aus seiner Sicht unehrlichen Kommerzdebatten gerügt: „Sich waschen ohne nass zu werden, ist zwar eine deutsche Spezialdisziplin, sie funktioniert aber nicht einmal mehr im Fußball.“ DFB und DFL „für all die schlimmen Dinge“ verantwortlich zu machen und dann auf ein krankes System zu folgern, sei doppelzüngig, schließlich handele es sich um ein „System, von dem auch viele gut leben, die es kritisieren“. Der Profifußball in Deutschland habe „in den letzten Jahren großen wirtschaftlichen Erfolg“. Er müsse „aufhören, sich für seinen Erfolg zu rechtfertigen“.

Auch im Umgang mit der 50-plus-eins-Regel forderte Seifert eine ehrlichere Diskussion. Ein soziales Miteinander inklusive Mitbestimmung schließe sich mit dem Einräumen von Investorenrechten nicht aus. „Niemand will einen komplett freien Markt, in dem sich Investoren austoben und bedienen. Fußball darf kein Spiel ohne Grenzen sein – und erst Recht kein Monopoly.“ Zugleich sei ein anderes Eingeständnis folgerichtig: „Die immer wieder zitierte Schere zwischen Profis und Amateuren wird weiter auseinandergehen.“ 

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