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Stets sportlich gekleidet: Chelsea-Trainer Maurizio Sarri am Sonntag beim 1:1 gegen Manchester United.

Europa League

Eintracht-Gegner Chelsea ist mit der Saison unzufrieden

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Zufrieden sind sie beim FC Chelsea mit der Saison nicht – Eigentümer Abramowitsch soll sogar über einen Verkauf des Klubs nachdenken. 

Bevor Maurizio Sarri im vergangenen Sommer beim FC Chelsea seinen Dienst antreten durfte, soll er, so die englischen Medien, von seinem neuen Chef einen mehr oder minder dezenten Hinweis auf die Kleiderordnung bei den Londonern erhalten haben. Raus aus der kuschligen Trainingsjacke und der bequemen Sporthose, rein in den feinen Zwirn, Sakko, Stoffhose, am besten Krawatte. Nun muss zum besseren Verständnis erwähnt werden, dass Sarri, in Neapel geboren, seit seinem Erscheinen auf der Trainerbühne des Fußballs quasi nie Sakko und Krawatte getragen hat, stattdessen turnte er stets an der Seitenlinie herum, als wolle er sich gleich selbst mit Kickschuhen besohlen und einwechseln. Wohlgemerkt: Sarri ist inzwischen 60 Jahre alt.

Roman Abramowitsch also, der milliardenschwere russische Eigentümer des Londoner Klubs, soll dem vom SSC Neapel verpflichteten Coach schnell verdeutlicht haben, dass künftig doch bitte ein bisschen die Netiquette gewahrt werden müsste. Und in der Tat, anfangs, bei der Vorstellung Sarris an der Stamford Bridge und auch bei nächsten öffentlichen Terminen, erschien der kettenrauchende Italiener mit der Brille immerzu fein herausgeputzt. Bis der Ball rollte. Dann scherte er sich nicht mehr um Abramowitschs Anweisung.

Chelsea-Trainer Maurizio Sarri trägt Schlabberlook

Nun ist nicht bekannt, wie der 52-jährige Magnat diese Kleiderrebellion seines Angestellten so fand, ob es ihn tatsächlich gejuckt hat, bis heute jedenfalls trägt Maurizio Sarri seinen Schlabberlook. Mitunter könnte das auch damit zu tun haben, dass Roman Abramowitsch zurzeit mit Abwesenheit glänzt. 2003 hatte der Russe den FC Chelsea für 160 Millionen Euro gekauft, seitdem steckte er weitere 1,2 Milliarden in dessen Entwicklung hinein. Lediglich in der Saison 2013/14 machten die Blauen mit 17 Millionen offiziell Gewinn. Chelsea wurde in dieser Zeit fünfmal Meister – zuvor war das den Londonern nur 1955 einmal gelungen–, dazu Champions-League-Sieger 2012 und Europa-League-Gewinner 2013.

Unbestritten: Roman Abramowitsch, 52 Jahre alt, rund elf Milliarden Dollar reich, vordringlich im Öl-, Gas- und Aluminiumgeschäft unterwegs, machte den englischen Mittelklasseklub zu einem europaweit erfolgreichen. Auch in dieser Saison greift Chelsea wieder nach einem Titel. Zwar nicht in der Liga, da ist man nur Vierter, dafür in der Europa League, in der am Donnerstag (21 Uhr/live bei RTL und Dazn) das Halbfinal-Hinspiel bei Eintracht Frankfurt ansteht.

Chelsea-Besitzer Abramowitsch ist kaum noch im Stadion

Ziemlich sicher wird Abramowitsch im Hessenland, und auch eine Woche später beim Rückspiel in London, nicht selbst im Stadion anwesend sein. Das ist der Russe, der einst als Fußballzar von Londongrad betitelt wurde, in dieser Saison bei fast keinem Spiel mehr. Nach dem Giftanschlag auf den Doppelagenten Sergei Skripal im März des vergangenen Jahres machte Großbritannien russische Geheimdienstler verantwortlich. Und Abramowitsch, ein kreml-naher Patriot, der trotzdem fünf seiner sieben Kinder in London zur Schule schickt, bekam Schwierigkeiten.

Die britischen Behörden verlängerten sein auslaufendes Visum nicht. Kurz darauf beschaffte sich der Russe zwar einen israelischen Pass, mit dem er jährlich sechs Monate ohne Visa in England leben kann, beim Fußball aber ließ er sich nicht mehr blicken. Chelsea stoppte kurzerhand den geplanten Ausbau des Stadions, auch halten sich die Gerüchte, Abramowitsch wolle den Klub verkaufen – für 2,5 Milliarden Euro, es wäre die doppelte Summe seines bisher getätigten Investitionsvolumens. Es muss sich ja schließlich lohnen so ein jahrelanges Investment.

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2003, als Abramowitsch beim FC Chelsea eingestiegen war, arbeitete Maurizio Sarri noch hauptberuflich als Bankkaufmann. Vom größten italienischen Kreditinstitut wurde der damals 44-Jährige vornehmlich – wie passend – nach London und Frankfurt geschickt. Quasi nebenbei coachte er den AC Sansovino zum Aufstieg in die vierte Liga, tauschte schließlich sein Sakko gegen den Trainingsanzug ein und schaffte es über Stationen in der italienischen Viert-, Dritt- und Zweitklassigkeit mit dem FC Empoli bis in die Serie A. 2015 heuerte er in Neapel an, vergangenen Sommer dann erstmals im Ausland, in London.

Dort sind sie mit dem Italiener, der einen offensiven Spielstil versprochen hatte, nicht wirklich zufrieden. Klar: Das Erreichen des Halbfinales im Europapokal ist nicht schlecht, auch elf Siege in zwölf Spielen des Wettbewerbs nicht, die Qualifikation für die Champions League aber ist ungewiss. Stadtrivale FC Arsenal drängt in der Liga, und auch der Titel in der Europa League ist ja längst noch nicht gewonnen. Zudem überraschte Sarri bisher mit der einen oder anderen unverständlichen Aufstellung.

Der Franzose N’Golo Kanté zum Beispiel, bei der WM in Russland noch bester defensiver Mittelfeldspieler der Welt, muss häufig deutlich offensiver ran. Eden Hazard, Weltklasse-Linksaußen aus Belgien, wird manchmal als zentraler Stürmer aufgeboten. Zudem wirkt die Defensive um den deutschen Nationalverteidiger Antonio Rüdiger, der gegen die Eintracht wegen einer Knieverletzung „wahrscheinlich“ (Trainer Sarri) fehlen wird, ziemlich wacklig. Im Umfeld des Londoner Klubs gilt eine Trennung am Saisonende von Sarri daher nicht mehr als ausgeschlossen.

Denn nur mal so: In seinen weitestgehend von Erfolg geprägten 16 Jahren beim FC Chelsea hat Roman Abramowitsch dennoch 13 Trainer verschlissen. Und die waren meistens sogar angemessen gekleidet.

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