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Gut gelaunt auf der Schulbank: Die Nationalspieler Manuel Neuer (l.) und Timo Werner in Leipzig.

Deutschland gegen Russland

Die Charmeoffensive der Nationalmannschaft

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Einige deutsche Nationalspieler besuchen eine Leipziger Oberschule, um mehr Basisnähe zu vermitteln.

Schlicht „Mädchen“ prangt in Versalien über einem Eingang an dem Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert. Damals waren Zugänge zu den Schulen im Leipziger Waldstraßenviertel noch strikt nach Geschlecht getrennt. Durch diese steinerne Erinnerung in der Max-Planck-Straße sind am Dienstag die Protagonisten der deutschen Nationalmannschaft gekommen, die im dritten Stock von fast 200 Pennälern der 94. Oberschule erwartet wurden. Die Aufregung mündete in Applaus, als Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff mit Manuel Neuer, Timo Werner, Leroy Sané und Julian Brandt an zwei runden Tischen Platz nahmen.

Doch womit begann die offene Fragerunde? „Wie finden Sie, dass Mesut Özil nicht mehr für Deutschland spielt?“ Erst reichte das Raunen bis unter die hohe Stuckdecke mit ihren riesigen Leuchtern, dann breitete sich Gelächter aus. Der für die Antwort auserkorene Premier-League-Profi Sané gab artig zu Protokoll: „Schade, ich hätte gerne länger mit ihm zusammengespielt. Er ist ein guter Freund. Aber wir haben genug gute Spieler, mit denen ich mich auch verstehe.“

Als diese heikle Anfangssituation halbwegs gemeistert war, ging es sogar bisweilen heiter zu. Lokalmatador Werner stellte zwar unter einigem Gemurre der unterrichtenden Lehrer fest, dass Leipzig „keine Metropole“ sei, aber die Schüler fanden lustiger, was der schnelle Stürmer über seinen Traumberuf mit flapsigem Unterton sagte: „Wir haben das Glück, dass wir nicht ins Büro müssen, sondern uns an der frischen Luft den Ball hin und herschießen dürfen – und uns Millionen dafür zujubeln.“

So ganz ohne Selbstzweck hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die erste Pressekonferenz nach Bezug des Mannschaftsquartiers ja nicht zum Schulverhör umfunktioniert. Es gilt schlicht, für die Länderspiele gegen Russland (Donnerstag 20.45 Uhr/RTL) und zum Abschluss der Nations League gegen die Niederlande in Gelsenkirchen (Montag 20.45 Uhr/ARD) die Werbetrommel zu rühren. Sogar drei Trainingsbesuche bei örtlichen Vereinen wie am selben Abend noch beim SV Lindenau sind eingebettet in die Charmeoffensive. „Wir haben uns Gedanken gemacht, wie wir mit jugendlichen Fans in Berührung kommen. Diesmal haben wir uns gedacht, wir suchen mal den direkten Kontakt“, berichtete Bierhoff.

30.000 Tickets in Leipzig verkauft

Der Macher räumte ein, dass trotz 25 Euro für die günstigste Karte der Vorverkauf mit knapp 30 000 veräußerten Tickets in Leipzig nicht bestens laufe. Dies sei ein vielschichtiges Problem mit verschiedenen Komponenten: „Von der Stimmung wollen wir ein tolles Haus. Wir wissen, dass unsere Leistung in den letzten sechs Monaten nicht immer zufriedenstellend war. Es gilt einfach, dass wir mit unseren Darbietungen Freude machen.“ Aber auch die Präsenz der Stars hilft, wieder mehr Nähe zu erzeugen. Die meiste Wissbegierde erreichte naturgemäß Keeper und Kapitän Neuer, der etwas über seine Freizeitaktivitäten („Spiele viel Tennis, ich war im Winter Skifahren, ich reise gerne und möchte noch die Welt kennenlernen“), dann über Disziplin im Nationalteam („Bei uns gibt es auch gewisse Regeln, mit dem Pfiff des Trainers geht es los wie beim Schulgong“) und seine Schulzeit („Bin am liebsten in den Sportunterricht gegangen, in anderen Fächern musste ich mich durchschlagen“) verriet. Die Zielsetzung für die letzten Länderspiele 2018? „Wir wollen natürlich das nicht positive Jahr gut zu Ende bringen. Wir wollen zwei Spiele gewinnen.“

Die Stimmung beim 32-Jährigen schlug erst um, als die Journalisten ihrem Job nachgingen. Nachforschungen zur Situation beim FC Bayern, möglichen Verstärkungen in München oder dem eigenen Leistungsstand gefielen Neuer ungefähr so wie Oberschülern eine Mathematikarbeit. Immerhin versicherte die Nummer eins: „Ich bin in guter Form und denke, dass ich gegen Dortmund ein gutes Spiel gemacht habe. Ich bin mit mir im Reinen.“

Ähnliches dachten nach der Veranstaltung auch die beteiligten Institutionen. „Für uns war das ein tolles Erlebnis“, sagte Roman Schulz, Pressesprecher aus dem Landesamt für Schule und Bildung im Freistaat Sachsen. Gerade die ausgesuchte Oberschule sei ja keines der elitären Gymnasien im wachsenden Leipzig, „sondern die Kinder kommen aus Stadtteilen, in denen es auch die Schattenseiten gibt“.

Zu DDR-Zeiten sei hier die Polytechnische Oberschule Walter Ulbricht untergebracht worden, dann habe sich vieles rasend schnell verändert. Aus dem Fenster konnten die Real- und Hauptschüler auf die zur WM 2006 erbaute Fußball-Arena blicken, in der RB Leipzig dank der immensen Unterstützung eines globalen Brausekonzerns binnen kürzester Zeit zu einer erstklassigen Adresse im deutschen Fußball geworden ist.

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