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Wiedersehen auf Schalke im Herbst 2016: Rouven Schröder (links) und Christian Heidel.
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Wiedersehen auf Schalke im Herbst 2016: Rouven Schröder (links) und Christian Heidel.

Mainz 05

Chaostage am Bruchweg

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der FSV Mainz 05 sehnt die Rückkehr des ehemaligen Managers Christian Heidel herbei, denn die Sportliche Leitung steht in der Kritik.

Bis zuletzt hat die Stadionregie bei Heimspielen des FSV Mainz 05 tapfer daran festgehalten, das Medley aus unbeschwerten Tagen aufzulegen. „Wir sind nur ein Karnevalsverein, Karnevalsverein, Karnevalsverein“, tönte es noch aus den Lautsprechern, auch als schon gar kein Publikum mehr auf den Rängen war, das fröhlich hätte mitschunkeln können. Eigentlich müsste die Vereinshymne umgeschrieben werden. Chaosverein würde besser passen.

Einen Tag vor dem DFB-Pokalspiel gegen den VfL Bochum (Mittwoch 20.45 Uhr) überschlugen sich die Ereignisse derart, dass der 22. Dezember 2020 in die Klubannalen eingehen könnte. Die für 12 Uhr angesetzte Pressekonferenz mit Sportvorstand Rouven Schröder und Trainer Jan-Moritz Lichte wurde 25 Minuten vorher abgesagt. Die Vereinsführung kündigte für den Dienstag noch eine Erklärung an (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe).

Was war passiert? Nach dem Offenbarungseid gegen Werder Bremen (0:1), dem dritten verlorenen Kellerduell nach den Spielen gegen Arminia Bielefeld (1:2) und den 1. FC Köln (0:1), hatte am Sonntag der Aufsichtsrat beraten. Auch Klubchef Stefan Hofmann, der den Verein über seine Tätigkeit im Nachwuchsleistungszentrum in- und auswendig kennt, hat dringenden Handlungsbedarf erkannt: „Es wird klare Entscheidungen geben – so kann es sicher nicht weitergehen, wir werden nicht tatenlos zuschauen, sondern versuchen noch einmal alles für den Ligaverbleib zu mobilisieren. Das kann auch einschneidende Maßnahmen bedeuten“, teilte Hofmann mit.

Nun kommt offenbar jener Mann ins Spiel, der ein Vierteljahrhundert bis 2016 als Allesmacher auf der Kommandobrücke stand: Christian Heidel, 57, ein Kind der Stadt, Entdecker von Trainern wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel und in guten Mainzer Zeiten auch ein findiger Kaderplaner.

Dass ihm dieses Gespür auf Schalke abhanden gekommen ist und sein Name mit dem königsblauen Niedergang in direkten Zusammenhang gebracht wird, hinderte die Mainzer Vereinsführung nicht daran, seine Rückkehr zu forcieren. Dafür soll der Aufsichtsrat um Detlev Höhne von der Möglichkeit Gebrauch machen, neben den für die sportlichen Belange zuständigen Schröder und den für die kaufmännischen Bereich eingestellten Jan Lehmann noch einen dritten bezahlten Vorstand zu installieren.

Der wechselweise auf Mallorca und in Mainz lebende Heidel ist am Montag von der Baleareninsel wieder nach Deutschland geflogen und soll angeblich bereit für eine zweite Amtszeit sein. Nach Angaben der „Bild“ saß er am Montag mit Hofmann und Höhne zusammen. Letzterer galt lange nicht als Heidel-Intimus, fürchtet jedoch um seine Wiederwahl bei der virtuellen Mitgliederversammlung am 9. Februar. Heidel soll den gesamten Klub beruhigen.

Der Heilsbringer stellte offenbar eine Bedingung: Alle im Verein müssen „dafür sein, dass er zurückkommt“, hieß es. Dass Schröder die Inthronisierung als Beschneidung seiner sportlichen Kompetenzen begreifen muss, liegt auf der Hand. Wie die „Mainzer Allgemeine Zeitung“ berichtet, sei aus Kreisen des Aufsichtsrats zu hören, dass Heidel zur Bedingung gemacht habe, dass Schröder bleibt. Der Sportchef würde aber Teile seiner Befugnisse verlieren, seine Position wäre erheblich geschwächt.

Der gebürtige Sauerländer, der gerade in der Nähe von Mainz privat sesshaft wird, stellte sich nun offenbar gegen den Plan, hatte Anfang November allerdings auch gesagt: „Wir haben alle ein hervorragendes Verhältnis zu Christian Heidel, der mich 2016 geholt hat. Wir schätzen ihn sehr und wissen, dass er den Verein aus dem Effeff kennt.“ Schröders aufgebesserter Vertrag läuft noch bis 2024, eine Entlassung kann sich der Tabellenvorletzte eigentlich nicht leisten.

Heidel muss vor allem einen dritten Fehlgriff bei der Trainersuche verhindern. Denn sowohl der noch bis 2022 laufende Langzeitvertrag mit dem nach zwei Spieltagen entlassenen Achim Beierlorzer als auch das lange Festhalten am beförderten Assistenztrainer Lichte werden seinem vermehrt kritisch beäugten Nachfolger angelastet.

Schröder, 44, hatte am Samstag eine Trennung von Lichte angedeutet, den er zu lange schützte: „Das Spiel und die Situation können wir so nicht stehen lassen.“ Dass der blasse Fußballlehrer mit seiner zögerlichen Art, die sich in erschreckendem Maße auch auf die Mannschaft übertrug, über das Jahr hinaus keine Zukunft haben würde, war ausgemachte Sache. Lichte, 40, taugte nicht als Krisenbewältiger. Die passive Herangehensweise hätte den einstigen Lichtgestalten Klopp und Tuchel die Tränen in die Augen getrieben. Trotzdem soll Lichte dem Vernehmen nach noch das Pokalspiel leiten.

Als Kandidat für die Zeit danach gilt neben dem ehemaligen Mainzer Profi Bo Svensson, 41, derzeit beim österreichischen Zweitligisten FC Liefering unter Vertrag, laut „Bild“ auch Domenico Tedesco, 41, den Heidel für Schalke eingestellt und entlassen hatte. Er soll bei Spartak Moskau unglücklich sein und möchte nach Deutschland zurückkehren.

Das heillose Durcheinander dieser Tage beschädigt auch das Image des lange für seine geschickte Nischenarbeit geschätzten Klubs. Der Spielerstreik vor einem Vierteljahr hat selbst in der Fanszene für Kopfschütteln gesorgt. Längst wird in der Anhängerschaft die Gesamtentwicklung mit Galgenhumor quittiert: Der FSV Mainz 05 könne froh sein, dass die Pandemie kein Publikum erlaubt – sonst hätte der Chaosverein seine Fans mittlerweile selbst aus dem Stadion gespielt.

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