+
Sorgt immer wieder für Diskussionen: Der Videobeweis.

Kommentar Bundesliga

Chaos im Kölner Keller

  • schließen

Mittelfristig sollten sich DFB und DFL überlegen, ob sie nicht explizit Videoassistenten ausbilden. Ein Kommentar.

In dem beklagenswerten Einsatz des Videoassistenten (VAR) am Wochenende ist fast untergegangen, dass das Hilfsmittel beim Fifa-Referee Felix Brych durchaus funktioniert hat. Nicht unwichtig für einen Unparteiischen, der bei der WM von seinem deutschen Kollegen Felix Zwayer im schwierig zu leitenden WM-Gruppenspiel Serbien gegen die Schweiz bekanntlich in der heikelsten Szene nicht an den Kontrollmonitor zur Nachprüfung geschickt wurde, was dem Juristen ganz übel aufgestoßen sein soll. 

Nun kam der 43-Jährige erstmals nach seiner viel zu kurzen Russland-Mission wieder zum Einsatz und hatte das Glück, dass er sich beim Nordderby Werder Bremen gegen Hannover 96 (1:1) wenigstens auf den Gehilfen Günter Perl voll verlassen konnte. Der bayrische Kollege zeigte ihm zeitnah an, dass weder der Hannoveraner Hendrik Weydandt noch der Bremer Theodor Gebre Selassie bei ihren Toren im Abseits standen. Brych nahm ohne Gegencheck die Entscheidung seines Assistenten an. Alles richtig gemacht. 

Was schieflaufen konnte, lief schief

Dummerweise ist das nicht die Regel, sondern die Ausnahme gewesen. Im Grunde lief – aller Fortbildungsveranstaltungen, Appelle und Ankündigungen zum Trotz – am ersten Spieltag in mehreren Stadien schief, was schieflaufen konnte. Übereifrige Assistenten, die sich aus dem Kölner Keller zum Oberrichter und Erstentscheider aufschwangen. Jochen Drees, der neue VAR-Projektleiter, redete beim „Wontorra-Talk“ am Sonntag glücklicherweise Klartext: Das sei alles nicht gut gelaufen. Die Assistenten müssten sich auf die glasklaren Entscheidungen beschränken. Der Schiri auf dem Feld sei der Chef. 

Drees ist davon ausgegangen, dass das Rollenverständnis in den Köpfen verankert ist. Was bedeutet es für seine Gilde, wenn trotzdem entgegen der Anweisung gehandelt wird, nicht den Besserwisser bei 50:50 oder 70:30-Situationen zu spielen? Da Vorsatz und Absicht mal ausgeschlossen werden sollten, könnte es daran liegen, dass es dem einen oder anderen an Demut und Zurückhaltung fehlt, wenn er zum Videoassistenten wird. 

Ein besonders schwerwiegender Fall ist der in dieser Hinsicht anscheinend beratungsresistente Wolfgang Stark, der mit seinem wiederholt aufgetretenen Übereifer in Wolfsburg ein mittelschweres Chaos anrichtete, indem er den bemitleidenswerten Patrick Ittrich unnötig überstimmte. Das Verwirrspiel bei gelber und roter Karte wirkte am Mittellandkanal besonders verstörend. Einen Tag zuvor hatte das Eröffnungsspiel in München die schönen Vorsätze zum Videobeweis konterkariert: Schiedsrichter Bastian Dankert und sein Videoassistent Sören Storks hatten einen so schlechten Tag erwischt, dass Hoffenheims Manager Alexander Rosen zu Recht fragte, warum bei der WM ein Schiedsrichter aus Simbabwe, ein Vierter Offizieller aus Saudi-Arabien und im Kontrollraum ein Aufpasser aus Uruguay deutlich besser harmoniert haben? Vielleicht, weil sich diejenigen, die aus Moskau Hilfestellung leisteten, wirklich als zweite Instanz sahen. 

Mittelfristig sollten sich Deutscher Fußball Bund (DFB) und Deutsche Fußball Liga (DFL) überlegen, ob sie nicht explizit Videoassistenten ausbilden, die voller Überzeugung im Hintergrund werkeln. Dazu dürfte Eitelkeit im Selbstbild der Protagonisten keine große Rolle spielen – liegt hier vielleicht das Kardinalproblem des deutschen Projekts? 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion