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Eine außerordentliche Außerordentliche Mitgliederversammlung in Stuttgart: VfB-Sportvorstand Jan Schindelmeiser spricht auf der Bühne in Richtung der Mitglieder.

VfB Stuttgart

Die Chancen des Scheiterns

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Ein Abstieg kann auch mal positiv sein. Ein Kommentar.

Ein Abstieg kann eine schlimme Sache sein. Finanziell. Der VfB Stuttgart ist durch ein Jahr im Unterhaus in der TV-Tabelle tief gesunken. Als Wiederaufsteiger schaffen es die Schwaben nur auf den vorletzten Platz. 33 Millionen Euro, 17 Millionen weniger als etwa Mainz 05.

Ein Abstieg kann eine klasse Sache sein. Atmosphärisch. Ein Verein, dessen Fans jahrelang nur Zittern gewohnt waren, gewinnt in der zweiten Liga plötzlich Spiel um Spiel, das Selbstbewusstsein steigt, die Stimmung steigt, aus Frust wird Stolz.

Erinnern wir uns: Schon vor einem Jahr hatte der VfB eine Mitgliederversammlung angesetzt, in der wegweisende Entscheidungen getroffen werden sollten, um die Bude zu renovieren. Dazu kam es dann gar nicht erst. Nach dem Abstieg wurde der Termin rasch gestrichen. Der sicherheitshalber zurückgetretene Präsident Bernd Wahler hätte seinerzeit allenfalls reelle Chancen gehabt, den Abend geteert und gefedert zu erleben.

Ein Jahr später ist alles anders, und so viel steht fest: Nur in diesem positiven emotionalen Umfeld konnte es gelingen, 14 000 mehrheitlich gut gelaunte Menschen in der Arena begrüßen zu dürfen und eine gefeierte absolute Mehrheit für einen Umwälzungsprozess zu erlangen. Künftig firmieren die Profifußballer des VfB Stuttgart nicht mehr als Verein, sondern als Aktiengesellschaft, was prompt mehr als 40 Millionen Euro aus dem Hause Daimler in die Kasse spült. Damit könnte sich schon mal ganz gut leben lassen.

Jan Schindelmeiser ist gewarnt

Aber Obacht: Das viele schöne Geld lässt sich hässlich fix verbrennen, siehe gerade 1860 München. Auch Eintracht Frankfurt hat das bereits kurz nach der Jahrtausendwende geschafft, als nach der Umwandlung binnen zwei Jahren 25 Millionen Euro vom US-Investor Octagon sinnfrei zum Fenster hinausgeworfen waren. Auch der Hamburger SV darf dafür getrost als böses Beispiel herhalten. Dort war es ähnlich wie in Stuttgart: jahrzehntelange Ablehnung von Traditionalisten gegen eine als Aktiengesellschaft firmierende Profiabteilung, Jubelstimmung nach erfolgreicher Relegation im Mai 2014, Mitgliederversammlung  im Stadion, fast 88 Prozent Mehrheit für die Modernisierungspläne, alle miteinander langen sich versonnen in den Armen – und seitdem: Abermillionen raus aus dem Haus des Milliardärs Kühne rein in die Mannschaft – mit sportlich mickrigem Ertrag.

In Hamburg stand damals Dietmar Beiersdorfer für die Hoffnung auf eine Rückkehr zu großen Tagen und ging im Winter 2016/17 überfordert und gedemütigt. In Stuttgart ist es nun Jan Schindelmeiser. Ein kluger Mann, der um die Chancen weiß – auch die des Scheiterns.

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