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Nick Littlehales, schlafend.

Premier League

Ausgeschlafener Typ: Schlafguru coacht FC Liverpool

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Ist der englische Fußball erfolgreicher, weil die Profis ausgeschlafener sind? Zu Besuch bei Schlafguru Nick Littlehales, der auch Jürgen Klopps FC Liverpool coacht.

Nick Littlehales lächelt. Der hagere Mann in Anzughose und Lederschuhen steht an einem sonnigen Frühlingsmorgen vor einem Backsteinhäuschen im ruhigen Süden von Nottingham. Der blaue Himmel spiegelt sich in seiner oben schwarz eingefassten, unten randlosen Brille. Trotz ergrauten Haars strahlt er Jugendlichkeit aus. „Gutes Wetter – sehr ungewöhnlich hier.“

Er spricht ein rotziges Englisch, hin und wieder knurrt er etwas, das man eher mit einer sanften Yoga-Lehrer-Stimme verbinden würde. „Der Blick auf die Bäume, das Zwitschern der Vögel – ich habe hier gerade einen Ruhemoment genossen.“ Er nennt das in seinem Buch „kontrollierte Erholungsphase“, „controlled recovery phase“ (CRP). „Wir versuchen doch heute immer mehr zu machen und immer schneller zu sein“, sagt er. „Wir nehmen alle diese Momente weg – da hilft es, bewusst eine CRP einzulegen.“

Der Schlaf ist sein Thema

Er führt ins Haus. In seiner Dreizimmer-Wohnung im Erdgeschoss zeigt sich sofort, dass er Beruf und Privatleben kaum trennt. Im Wohnzimmer stapeln sich neben dem Sofa eingeschweißte Matratzen, auf dem Keyboard an der Wand liegen zusammengefaltete Bettdecken. Hinter dem grünen Ohrensessel, der eingekeilt ist zwischen einem Ficus und einer Reihe Kissen, stehen auf der Fensterbank fünf Bücher – alle zum Thema Schlaf.

Der Schlaf ist sein Thema: Vor 20 Jahren begann Littlehales damit, Manchester United zu diesem Thema zu beraten. Die Boulevard-Presse spottete, er bringe wohl die Spieler ins Bett und decke sie zu. Aber kurz darauf gewann die Mannschaft das Triple aus Champions League-Titel, englischer Meisterschaft und Pokal. Daraufhin engagierten viele Premier-League-Vereine Littlehales. Später folgten Real Madrid, damals noch mit Cristiano Ronaldo, und das Profi-Rad-Team Sky, mit dem Bradley Wiggins die Tour de France gewann. Heute berät Littlehales die erfolgreichsten Teams des englischen Fußballs, darunter Jürgen Klopps FC Liverpool, Champions League-Finalist, und Pep Guardiolas Manchester City, gerade englischer Meister geworden. Littlehales Buch „Sleep. Schlafen wie die Profis.“ ist in zehn Sprachen übersetzt worden.

Wenn Nick Littlehales gerufen wird, dann läuft meistens etwas fundamental schief im Leben eines Fußballers. Bei einem von Schlafstörungen geplagten Spieler des FC Liverpool, der morgen im Champions League-Finale auflaufen wird, fand er quasi an jeder Wand riesige Fernseher mit 1,80 Bildschirmdiagonale – allein zwei in der Küche. Im Schlafzimmer natürlich auch. Und alle liefen. „Man kann diese Leute nicht alleine ein Schlafzimmer einrichten lassen“, sagt Littlehales über den Spieler des FC Liverpool. „Es ist schwer, den jungen Leuten beizubringen, dass ein Dauerfeuer aus Bild und Ton schlecht für ihren Schlaf ist. Aber zum Glück hat er auf mich gehört – er hat dieses Haus verkauft und ein neues gebaut“, sagt er. Dieses Mal ein Heim zum Leben, keinen Vergnügungspark.

Kontakt zu Alex Ferguson

Littlehales ungewöhnliche Karriere begann ohne Ausbildung. Während der Schulzeit interessierte er sich vor allem für Sport. Leichtathletik, Fussball, Cricket und Golf. Am meisten Spaß machte ihm Fussball, aber über ein Probetraining bei einem Viertliga-Club kam er nie hinaus. Statt wie seine Freunde zu studieren, nahm er mit Neunzehn das Angebot an, als Assistent in einem Golfclub zu arbeiten, er stand hinter dem Tresen des internen Golf-Shops. Dafür bekam er ein bescheidenes Einkommen und konnte den Großteil des Tages trainieren. So wurde er schnell zum Trainer mit Profi-Lizenz. Fünf Jahre gab er Golfstunden, dann heiratete er seine Freundin, mit der seit dem 16. Lebensjahr liiert war. Mit 24 wurde er zum ersten Mal Vater. Um seine Familie ernähren zu können, stieg er im Möbelgeschäft seines Schwiegervaters ein. Eines der Produkte, das er fortan verkaufte, waren: Matratzen.

Mit Ende zwanzig wechselte er in die Industrie, fuhr fortan für die Firma Slumberland aus Manchester durch die nordenglische Provinz, um den Möbelgeschäften Matratzen zu verkaufen. Er arbeitete sich rasch nach oben. Nach wenigen Jahren war er Marketing-Chef. Und als Vertreter von Oldham Athletic, einem Fussballverein, der in der Nachbarschaft der Matratzen-Fabrik spielte, ihn fragten, ob er nicht auf ihren Trikots werben wolle, sagte er zu. So kam er als Sponsor in die Fussballwelt, die ihm als Spieler verschlossen geblieben war.

Auf einem Empfang traf er Alex Ferguson, den legendären Trainer von Manchester United. Kurze Zeit später klagte einer seiner Spieler über hartnäckige Rückenprobleme. Manchester United kam auf Littlehales zu. Dieser empfahl dem Fußballer eine weichere Matratze, die die Schmerzen zwar nicht kurierte, aber die Symptome linderte. Nach und nach baten immer mehr Spieler um Rat. Littlehales realisierte: Von der Ernährung bis zum Training war alles im Leben der Profifussballer optimiert – aber niemand kümmerte sich um die Ruhephasen.

Heute macht Littlehales genau das. Als Littlehales 1998 die ersten Anfragen von Manchester United bekam, hatte er bereits seinen Job bei der Matratzenfirma gekündigt. Es wollte nicht mehr, den Matratzenverkauf steigern, er wollte jetzt den Schlaf der Menschen verbessern. Manchester United beriet er erst unentgeltlich – sein Vertrag bei Slumberland lief noch. Doch nachdem der Club das Triple gewonnen hatte, meldete sich auch der FC Arsenal, wo gerade Arsene Wenger seine Arbeit aufgenommen hatte. Auch der Club wollte jetzt vom Wissen des Schlaf-Coaches profitieren, lud Littlehales zu einem Vortrag ein, zum ersten Mal für ein Honorar.

CRPs statt Nickerchen

Und das wäre schon fast das Ende seiner Karriere gewesen. Denn als darüber sprach, was eine gute Matratze ausmacht, fragten zwei junge Spieler, ob sie das von ihm mitgebrachte Exemplar mal ausprobieren könnten. Die beiden alberten herum, machten Kopulationsbewegungen, alle lachten. „Für die jungen Kerle war die einzige Assoziation zur Matratze Sex.“ Littlehales Vortrag drohte im Chaos zu enden. Bis einer der Spieler aufstand und rief: „Das reicht jetzt! Wir sind hier, um uns das anzuhören, also seid jetzt mal ruhig.“ Es war der französische Weltmeister Thierry Henry, der mit seiner Autorität den Vortrag des Schlaf-Coaches rettete und dafür sorgte, dass er nicht als Lachnummer in Erinnerung blieb.

Danach veränderte Littlehales seine Präsentation. Er sprach nicht mehr von Schlaf, sondern von mentalen und physischen Erholungsphasen, nicht mehr von Nickerchen, sondern von CRPs. Er erfand die R(ecovery)-90-Methode, das heißt, er teilt Schlaf in Portionen à 90 Minuten ein – so lange dauert ein durchschnittlicher Schlafzyklus, indem wir die verschiedenen Schlafphasen vom Tiefschlaf bis zur REM-Phase durchlaufen. Schläft man nach der R-90-Methode, zählt man nicht mehr die Stunden Schlaf pro Nacht, sondern die Zyklen, die man pro Woche geschlafen hat – Schlafen nach dem Leistungsprinzip. Er erfand damit Begrifflichkeiten, um harten Kerlen so etwas vermeintlich unmännliches wie guten Schlaf nahe zu bringen – und erschuf damit seinen Beruf.

Littlehales setzt sich auf den Sessel. „Die Schlafzyklen pro Woche zu zählen, nimmt den Druck von der einzelnen Nacht“, sagt Littlehales. Die Menge, die ein Mensch pro Woche brauche sei individuell, fünf pro Nacht seien ideal – aber man komme auch gelegentlich mit zweimal 90 Minuten aus. „Es ist kein Problem, wenn man zwei Nächte in der Woche schlecht schläft – wenn man dann genügend CRPs einbaut.“ Pausen, vom kurzen Abschalten, wie er es eben vor der Tür getan habe, bis zum ausgedehnten Mittagsschlaf. „Der Job fordert uns immer mehr, auf Freizeitaktivitäten möchten wir auch nicht verzichten – der Acht-Stunden Schlaf, der immer empfohlen wird, ist ein Märchen heutzutage.“

Als Mitbegründer des British Sleep Council hat Littlehales von Schlafmedizinern gelernt. Über die beste Liege-Position, die Phasen des Schlafs und vor allem über die circadiane Rhythmik, die Erkenntnis also, dass der Mensch einen Tagesverlauf hat, es also Phasen gibt, die natürlicherweise für Schlaf vorgesehen sind. Der Tagesrhythmus funktioniert über Licht. Dieses bewirkt, dass das Hormon Melatonin, das uns müde macht, abgebaut wird. Wir werden wach. 2017 gab es dafür den Medizin-Nobelpreis, Ende der 90er Jahre war das noch weit weniger bekannt als heute, vor allem nicht in der Allgemeinbevölkerung oder im Fußball.

Anders als die Schlafforscher ist Littlehales ein Praktiker, der die Theorie in konkrete Tipps umsetzt. Die meisten sind sinnvoll, wenige etwas zu schematisch. „Ein Schlafzyklus kann 80 bis 120 Minuten dauern“, sagt Till Roenneberg, von der Ludwig-Maximilians-Universität München, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der circadianen Rhythmik. „Deshalb würde ich mich nie starr auf die 90 Minuten fixieren und immer darauf achten, was mir individuell Erholung verschafft.“ Littlehales Zielgruppe sind – neben den Spitzensportlern – alle Menschen, die ihren Schlaf verbessern wollen, ohne an einer krankhaften Schlafstörung zu leiden, das ist seine Nische.

Littlehales coacht Manchester City und Liverpool

Um zu demonstrieren, was man gegen schlafstörendes Licht tun kann, führt Littlehales in sein Büro, einen schmalen Raum innerhalb seiner Wohnung. Hier sitzt seine Assistentin an einem Ikea-Schreibtisch. Es ist Mittag, die Sonne scheint durchs Fenster, und der Schlaf-Coach greift tief in die Trickkiste: einen Karton von der Größe eines Bierkastens, der unter dem Schreibtisch steht. Er fischt eine Rolle schwarzer Müllsäcke heraus. „Damit kann man die Fenster abkleben, wenn sie nicht lichtdicht sind.“ Er wirft die Müllsäcke zurück und holt eine Rolle schwarzes Isolierband hervor. „Das habe ich, um Stand-By-Leuchten von Fernsehern und Feuermeldern abzukleben.“ Die Kiste enthält außerdem eine Lampe, die den Sonnenaufgang imitiert („Guter Schlaf beginnt am Vormorgen mit dem richtigen Aufwachen“) und einen rosa Kapuzen-Zipper. „Aus Neopren, designt für Extremsituationen, etwa, wenn Alpinisten in einer Felswand hängend schlafen müssen.“ Er schlüpft in den Hoodie, zieht den Reißverschluss zu – dieser endet aber nicht, wie bei normalen Oberteilen, am Hals, sondern über der Stirn, so dass das Gesicht komplett verdeckt ist. Littlehales steht wie eine rosa Mumie in seinem Büro. „Die Leute fragen, ob es das nicht in einer anderen Farbe gibt“, klingt es dumpf aus dem Innern. „Aber diese Farbe senkt beim Anblick den Blutdruck am stärksten und beruhigt dadurch – warum sollte man dann die zweitbeste Farbe nehmen?“ Er zieht den Kapuzenpulli wieder aus und holt eine Tube eines Spezialklebstoffs hervor, mit dem man sich die Lippen versiegeln kann, um im Schlaf ausschließlich durch die Nase zu atmen. „Kann ich nur empfehlen“.

Viele Sportler und Teams, die von Littlehales gecoacht wurden, sind erfolgreich. Manchester City ist gerade englischer Meister geworden, der FC Liverpool steht im Champions-League-Finale. Beides Premier-League-Mannschaften mit dreistelligem Millionenumsatz, das Geschäft läuft gut, sollte man meinen. Aber Littlehales winkt ab. Er packt einen Brief auf dem Schreibtisch, Briefkopf des FC Liverpool. „Ich war einen Tag auf dem Clubgelände, zuerst für einen Vortrag, dann für Einzelgespräche mit Spielern, die Probleme haben“, schnaubt er. „Und sie wollten mir anfangs nicht mal meinen normalen Tagessatz bezahlen.“ Der Club habe sogar überlegt, einfach ein paar Exemplare seines Buchs zu kaufen, die Seiten abzufotografieren und das an die Spieler zu schicken. „Aber keiner von denen liest.“ Littlehales winkt ab. „Sie brauchten Hilfe, sie wollten den besten Typen auf dem Planeten für diesen Job – aber sie wollten nicht entsprechend dafür bezahlen.“ Littlehales schüttelt den Kopf. Am Ende habe er sich doch durchgesetzt und 1200 Pfund bekommen. „Es will keiner investieren in guten Schlaf“, sagt er.

Littlehales Geschäftsmodell besteht im Moment darin, dass er neben seinen Coachings auch Bettwaren per Internet-Shop verkauft, allerdings in so geringer Stückzahl, dass er von jeder Bestellung weiß. Er geht ins Wohnzimmer, zieht einen alten Lederkoffer unter dem Fernseher hervor. Daraus holt er einen Bildband, klappt ihn auf, zeigt auf einen Mann, der über einem Rennwagen lehnt. „Mein Vater – er hat die Einspritzung beim Benzinmotor erfunden“, sagt er. Nick Littlehales hebt den Blick, vor ihm liegt ein Matratzenstapel, aber er scheint durch ihn zu schauen. „Heute hat jeder Benziner diese Technik – und vielleicht schläft irgendwann jeder mit der R-90-Methode.“

Er lächelt nicht. Er meint es ernst.

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