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Schoss bisher sieben Tore in 18 Einsätzen: der 45-Millionen-Stürmer Rodrygo, 19 Jahre jung. 

Real Madrid

Die Bubis im Königreich von Real Madrid

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Real Madrid verpflichtet neuerdings junge Fußballspieler, die fast keiner kennt – dennoch kosten sie hohe Millionenablösen.

Schon bei seinem Premierenauftritt im weißen Dress lieferte der 30 Millionen Euro teure Teenager einen ersten Eindruck, was künftig von ihm zu erwarten ist. Der offensive Mittelfeldmann war am Sonntag sofort der Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Madrilenen, er setzte seinen 1,85 Meter langen Oberkörper robust in den Zweikämpfen ein und bereitete dazu noch die Führung mit einem technisch feinen und genau gespielten Hackenpass vor. So brasilianisch wie es nur Brasilianer können.

Reinier Jesus Carvalho, 18 Jahre, geboren in Brasilia, ist angekommen beim größten Klub der Welt. Erst vor wenigen Tagen wurde er den Fans von Real Madrid präsentiert, durfte im Fußballtempel der spanischen Hauptstadt ein paarmal die Kugel jonglieren und weinte anschließend auf der Pressekonferenz ob der Freude über seinen erfüllten Lebenstraum. Reinier, der vor einem Jahr das erste Mal bei den Erwachsenen von Flamengo in Rio de Janeiro mitkicken durfte, trägt künftig das wohl begehrste Trikot des Globus’.

Die Blancos setzten sich im Millionenbieten dem Vernehmen nach gegen Klubs wie Ajax Amsterdam, Manchester City und den FC Liverpool durch, sie statteten den Neuen sicherheitshalber mit einem Vertrag bis 2026 aus. Den gelungenen Hackeneinstand präsentierte Reinier allerdings auf kleiner Bühne, bei der zweiten Mannschaft, für Real Madrid Castilla. Heißt: Estadio Alfredo di Stefano statt Estadio Bernabeu. 5000 Fans statt 81 000. Liga drei statt Liga eins. Trainer Raul statt Trainer Zidane. Königliche Ausbildungskickerei statt königlichem Glitzerfußball.

Reinier, den einige aufgrund seiner raumgreifenden Schritte mit dem jungen Kaka vergleichen und der gerade erst an der Seite von Matheus Cunha (Hertha BSC) sowie Paulinho (Leverkusen) die brasilianische U-23-Auswahl beim Qualifikationsturnier in Kolumbien zu den Olympischen Sommerspielen in Tokio dribbelte, soll behutsam aufgebaut werden. Er ist damit nicht der erste im Madrider Fußballreich.

Samba-Schnicker im Fokus

Vinicius Junior, 19-jähriger Angreifer aus Brasilien, Rodrygo Goes, 19-jähriger Angreifer aus Brasilianer, Eder Militao, 22-jähriger Verteidiger aus Brasilien, Federico Valverde, 21-jähriger Mittelfeldmann aus Uruguay, Luka Jovic, 22-jähriger Angreifer aus Serbien, dazu die beiden bis zum Saisonende verliehenen Martin Ödegaard, 21-jähriger Spielmacher aus Norwegen, und Takefusa Kubo, 18-jähriger Angreifer aus Japan – die Königlichen haben in den vergangenen Jahren eine Reihe an hochtalentierten Heranwachsenden für viel Geld eingekauft. Mal waren es 30 Millionen Euro wie bei Reinier, mal gar 45 Millionen wie bei Vinicius und Rodrygo.

Na klar, heute Abend (21 Uhr) im Hinspiel der Champions League gegen Manchester City (siehe Artikel auf rechter Seite) sowie am Sonntag im Ligaklassiker gegen den FC Barcelona werden wieder die großen Stars im Fokus stehen, die Ramos’, Kroos‘, Modrics und Benzemas dieser Welt – einzig Außenstürmer Eden Hazard fehlt wegen eines Haarrisses im Fuß verletzt. Insgesamt steht die Transferpolitik des 33-fachen spanischen Meisters, der am zurückliegenden Wochenende 0:1 gegen UD Levante verlor und dadurch die Ligaspitze abgab, aber auf zwei Säulen.

Natürlich sind da die spektakulären und auch marketingwirksamen Topdeals wie jene mit Hazard oder Torwart Thibaut Courtois, fast nebenbei geben sie beim Hauptstadtklub aber auch eine Menge Kohle für Talente aus aller Herren Länder aus. Vorwiegend und am liebsten für die Samba-Schnicker vom Zuckerhut.

Neymar-Frust als Anstoß

Ausschlaggebend für diese veränderte Vorgehensweise ist der einst nur als sporadischer Berater bei Real aktive Juni Calafat, selbst Brasilianer. 2013 fädelte er die Verpflichtung des brasilianischen Abräumers Casemiro für sechs Millionen Euro ein, der mittlerweile weitaus mehr wert, unumstrittener Stammspieler und vierfacher Champions-League-Sieger ist. Das hat Eindruck gemacht, vor allem beim wichtigsten Mann des Vereins, beim patriarchalisch agierenden Präsidenten Florentino Perez. Seitdem vertraut der Immobilien-Magnat Calafat, dem er erst eine Festanstellung als Südamerika-Verantwortlicher zuwies, um ihn dann rasch zum Gesamtkaderplaner zu befördern. Der impulsive Perez liebt die Kicker aus Südamerika, spätestens nach dem misslungenen Anwerbeversuch von Topstar Neymar giert er nach den Dribblern und Fußballartisten mehr denn je.

Der zurückhaltende Calafat tritt dagegen so gut wie nie in der Öffentlichkeit auf und schon mal gar nicht vor Mikrofone oder Schreibblöcke der Reporter. Es ist nicht viel bekannt über den einflussreichen Mann im Hintergrund, nur, dass er selbst ein besserer Futsal- als Fußballspieler war und von Insidern als versessen charakterisiert wird. Er schaue sich an einem Wochenende zwei, drei, vier Spiele live an, so heißt es, und dazu noch etliche mehr Videos.

Der Transfer von Reinier ist nun schon Calafats vierter Brasilien-Deal seit 2018. Trainer Zinedine Zidane kommentierte das unlängst so: „Sie sind schon jetzt wichtig und werden noch wichtiger, aber gleichzeitig sind sie noch jung und müssen viel lernen.“ Im Zweifel halt auch vor 5000 Fans in der dritten spanischen Liga. Millionenablösen hin oder her.

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