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Nicht nur bei Jürgen Klopp dreht sich alles um den Henkelpott: Die Königsklasse hängt alles ab.

Auftakt der Champions League

Champions League: Die große Unwucht

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Mit den in der Champions League mittlerweile verteilten zwei Milliarden Euro manifestiert vor allem die Fußball-Elite Europas ihre Vormachtstellung.

Über dem Plakat mit dem Wort „Endlich“ brannten in der Salzburger Arena bengalische Fackeln. Als Ausdruck einer fast schon eruptiven Freude, die beim FC Red Bull Salzburg gleichzeitig als Befreiung eines Fluches galt: Mit der erstmaligen Teilnahme an der Gruppenphase der Champions League, die für den österreichischen Meister mit einem Heimspiel gegen KRC Genk (Dienstag 21 Uhr) beginnt, ist eine vermaledeite Serie von Pleiten, Pech und Pannen beendet. Sommer für Sommer hatte sich der Verein zur Lachnummer Europas gemacht, denn an der Eingangspforte zur Königsklasse kassierten die Salzburger in Qualifikations- oder Playoff-Spielen fast schon grotesk anmutende Rückschläge. Das eine Mal stand F91 Düdelingen aus Luxemburg im Wege, das andere Mal schmolz ein Vorsprung noch schneller als das Eis eines Alpengletschers in der Sommerhitze.

Doch diesmal fiel die nervige Vorstufe mit den bösen Stolperfallen einfach weg: Durch den Sprung der österreichischen Bundesliga auf Platz elf der Uefa-Fünfjahreswertung gelang nach elfmaligem Scheitern die ersehnte Zulassung für die Gruppenphase. Noch vor der Auslosung waren 29.250 Tickets im Dreierpack ausverkauft. „In der Stadt herrscht richtige Euphorie. Die Erleichterung war natürlich groß“, sagt der ehemalige Bundesligaprofi Zlatko Junuzovic, den die Aussicht auf die Duelle mit dem FC Liverpool elektrisiert. Dabei gilt das Team des US-Amerikaners Jesse Marsch – der ehemalige Co-Trainer von RB Leipzig folgte auf den zu Borussia Mönchengladbach abgewanderten Marco Rose – in der ersten Phase eher als Beiwerk.

Wer Erfolg hat, wird noch reicher

Vermutlich werden sich der englische Titelverteidiger und der italienische Fast-Meister SSC Neapel in dieser Gruppe die ersten beiden Plätze kaum von den Meistern aus Österreich und Belgien streitig machen lassen. Zwar ist die Champions League lukrativ wie nie zuvor – die Uefa verteilt mittlerweile 1,95 Milliarden Euro unter ihren Teilnehmern – aber die Zulassungsberechtigungen und die Erlösmodelle sichert das Establishment im Grunde gegen jede Eindringlinge ab. „Aus den Ligen ab Rang elf können sich quasi nur noch vier Klubs qualifizieren. Viel kleiner kann das Nadelöhr nicht mehr werden“, kritisiert der ehemalige CEO der österreichischen Bundesliga, Georg Pangl, der als Generalsekretär der European Leagues als Anwalt der kleineren Verbände auftritt.

Den 54-Jährigen stört vor allem die Geldverteilung. „Mit dem aktuellen Modus wird das Aufgehen der Schere zwischen den wenigen Spitzenklubs sowie dem übergroßen Rest mit rund 700 Klubs in Europa weiter gefördert.“ Ein Wunder, dass Ajax Amsterdam mit einem vergleichsweise bescheidenen Budget im Vorjahr fast den Sprung ins Finale geschafft hätte. Denn spätestens im Frühjahr sind die Superreichen eigentlich unter sich, die über die mächtige Europäische Klubvereinigung ECA mit den Drohungen einer Abspaltung und Gründung einer Super League die Dachorganisation Uefa derart eingeschüchtert haben, dass diese die große Unwucht zugunsten der Global Player fördert.

Nur noch 30 Prozent der Gelder werden als leistungsabhängige Prämien – ein Sieg in der Gruppenphase ist 2,7 Millionen Euro wert, der Einzug ins Achtelfinale 9,5 Millionen – ausgeschüttet. Dieselbe Summe, stolze 585 Millionen, geht als Bonuszahlungen nach einer Uefa-Zehnjahreswertung an die immer dieselben Klubs. Motto: Wer schon erfolgreich war, wird noch reicher. An Startgeld haben die 32 Teilnehmer 15,25 Millionen sicher.

Europa beeinflusst den nationalen Wettbewerb

Pangl hat ausgerechnet, dass die von 1992 bis 2018 in der Champions League verteilten 15 Milliarden zur Hälfte an die damals wie heute größten Vereine gingen, zu denen auch der FC Bayern und Borussia Dortmund zählen. Obwohl der BVB in der Vorsaison im Achtelfinale gegen den späteren Finalisten Tottenham Hotspur ausschied, schöpfte der einzige börsennotierte Bundesligist 77 Millionen ab. Das meiste davon über Prämien (36,5), den Rest kam über Bonuszahlungen (22,2), Marktpool (10,0) und Ticketverkäufe (8,0) zustande.

Pangl ist erzürnt, dass die von 2018 bis 2024 zur Verteilung stehenden zwölf Milliarden wieder zu 60 Prozent an die Top 14 fließen. „Das bedeutet in sechs Jahren genauso viel wie zuvor in 26 Jahren – eine unfassbare Dynamik, die die Uefa als Regierungsbehörde auf Druck der Topklubs zulässt.“ Ihm graust davor, sollte ab 2024 mit der nächsten Reform womöglich in Achtergruppen gespielt werden. Die Zahl der Champions-League-Spiele würde sich damit verdoppeln. Aus seiner Sicht würde die Inzucht nicht mehr tolerierbar, sollten die Arrivierten unabhängig von ihrem Abschneiden in der nationalen Liga ein Startrecht erhalten.

Das internationale Geschäft beeinflusst bereits jetzt massiv den nationalen Wettbewerb. Die Europapokalteilnehmer enteilen vielerorts dem Rest der Konkurrenz. Die Roten Bullen aus der Mozartstadt haben sich in Österreich trotz der vielen Abgänge gerade mit einem 7:2 gegen den TSV Hartberg, dem siebten Sieg am siebten Spieltag, auf die Festspiele in der Königsklasse eingestimmt. Auch wenn das Vergnügen vermutlich nach dem Heimspiel gegen Liverpool am 10. Dezember schon wieder Geschichte ist.

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