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Obenauf: Christian Eriksen (Mitte) feiert seinen Treffer am Wochenende gegen Leicester City (2:1) mit den Spurs-Kollegen Harry Winks (r.) und Fernando Llorente.

Tottenham Hotspur

Besser als erlaubt

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BVB-Gegner Tottenham hat Stadionsorgen, Kadersorgen, Verletzungssorgen – und spielt trotzdem groß auf.

Rechtzeitig zum Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Borussia Dortmund gibt es mal wieder schlechte Nachrichten von Tottenham Hotspur. Wie der „Guardian“ berichtet, hat der Verein den Plan verworfen, das neue, rund eine Milliarde teure Stadion mit einem VIP-Restaurant auszustatten, in dem in der Halbzeitpause verschiedene Käsespezialitäten gereicht worden wären. 

Die Käsebar war ein Sinnbild für die Extravaganz der neuen Arena und stand aus Sicht vieler Fans dafür, dass sich die Vereine der Premier League immer mehr überflüssigen Schnickschnack einfallen lassen, um zahlungskräftiges Publikum anzuziehen, das sich weniger für den Fußball selbst als für das Event als Ganzes interessiert. 

Entsprechend groß ist der Spott, dass es nichts wird mit dem speziellen Etablissement in Tottenhams neuer Heimat. „Un-Brie-lievable“ (unglaublich) oder „You Gouda be kidding me“ (Das muss ein Scherz sein) sind nur zwei der vielen fragwürdigen Wortspiele, die in den klassischen und sozialen Medien die Runde machen. Und vermutlich könnten auch die Verantwortlichen des Klubs darüber lächeln, wenn mit der 62.000-Zuschauer-Arena ansonsten alles laufen würde wie geplant. Tut es aber nicht.

Eigentlich sollte der Bau schon zu Beginn der Saison eröffnet werden. Doch wegen ständiger Probleme mit den Feuermeldern und anderen Sicherheitsvorrichtungen wird Tottenhams Umzug immer wieder verschoben. Gerade machte der Verein bekannt, dass auch das Nord-London-Derby gegen den FC Arsenal am 2. März im Wembley-Stadion ausgetragen wird, der bei den Fans unbeliebten und für den Ligabetrieb überdimensionierten Ausweichspielstätte. Trainer Mauricio Pochettino zweifelt mittlerweile daran, das neue Stadion noch in dieser Saison zu beziehen. 

Überhaupt wird die Frustrationstoleranz des ehemaligen argentinischen Nationalspielers, der als Kandidat für den Trainerposten von Manchester United und Real Madrid gilt, erheblich auf die Probe gestellt in der laufenden Spielzeit. Neben dem Stadiondebakel hat er mit ständigem Verletzungspech zu kämpfen und muss sich mit der Sparsamkeit von Klubvorstand Daniel Levy arrangieren. Als einziger Verein der Premier League hat Tottenham in dieser Saison keinen einzigen Spieler verpflichtet. 

Der Ruf, im entscheidenden Moment zu versagen

Zum Vergleich: Manchester City investierte seit der Ankunft von Trainer Pep Guardiola angeblich mehr als 600 Millionen Euro in neues Personal, der FC Liverpool soll alleine im Sommer mehr als 180 Millionen Euro ausgegeben haben. Tottenhams Kader ist der dünnste von allen Mannschaften am oberen Ende der Tabelle. Wenn dann auch noch Leistungsträger ausfallen wie im Moment Mittelfeldmann Dele Alli (Oberschenkel) und Torjäger Harry Kane (Knöchel), dann wird es eng. Beziehungsweise: Dann sollte es eigentlich eng werden.

Doch Tottenham schlägt sich erstaunlich gut und peilt die vierte Top-drei-Platzierung nacheinander an. Mehr noch, die Mannschaft liegt nur fünf Punkte hinter dem Spitzenduo Manchester City und Liverpool und hat sogar Chancen auf die Meisterschaft, zumal sie noch gegen die beiden besser platzierten Kontrahenten antreten muss. Wirklich ernst genommen wird Tottenham als Anwärter auf den Titel trotzdem nicht. 

Für den TV-Reporter Jim White wäre die Meisterschaft für Pochettinos Team sogar eine größere Sensation als der Titelgewinn von Leicester City vor drei Jahren. Die Spieler selbst fühlen sich ganz wohl damit, ein bisschen unter dem Radar zu fliegen. „Wenn die Leute über Liverpool und Manchester City sprechen wollen, ist das besser für uns. Das heißt, dass wir einfach unseren Job machen können“, sagte Mittelfeldmann Moussa Sissoko gerade dem „Telegraph“. Und: „Ja, ich glaube, dass wir Meister werden können.“ 

Dass er damit eine Minderheitenmeinung vertritt, liegt neben den Problemen mit dem Stadion, der Enthaltsamkeit beim Spielerkauf und den Verletzungssorgen auch daran, dass Tottenham der Ruf anhaftet, in entscheidenden Momenten verlässlich zu versagen und keinen besonderen Wert auf Titel zu legen. Trainer Pochettino hat gerade erst einen Aufschrei bei vielen Traditionalisten ausgelöst mit seiner Aussage, seine Priorität sei es, den Klub dauerhaft unter die besten vier Teams der Premier League zu bringen. Trophäen nützen seiner Meinung nach „nur dem Ego“. 

Da war Tottenham gerade aus den beiden nationalen Cup-Wettbewerben geflogen. Damit es in dieser Saison noch klappt mit dem ersten Titel seit dem Ligapokal 2008, müsste die Mannschaft schon Meister werden. Oder einfach Borussia Dortmund schlagen und die Champions League gewinnen.

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