Pappaufsteller sind im Moment die einzigen Zuschauer im Stadion.
+
Pappaufsteller sind im Moment die einzigen Zuschauer im Stadion.

Analyse

Wenn der Heimvorteil zum Nachteil wird

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
    schließen

Es sind Folgen der Corona-Krise: Auswärtsspiele haben ihren Schrecken verloren. Seit dem Re-Start der Bundesliga gab es nur zwölf Heimsiege. Eine Analyse.

Es hilft ja alles nichts, weder Pappkameraden auf verwaisten Klappstühlen noch Tormusik oder Stadionsprecher und selbst das Gejohle und Geplärre von Ersatzspielern oder Physiotherapeuten ist nur ein fader, billiger Abklatsch. Ohne den zwölften Mann auf den Rängen können gestandene Bundesligaprofis offenbar nicht gewinnen, zumindest immer weniger, und schon gar nicht im eigenen Stadion.

Auch an diesem 31. Spieltag haben die Heimmannschaften nicht besonders erfolgreich abgeschnitten, an diesem viertletzten Spieltag dieser Geister-Runde gab es lediglich einen einzigen Heimsieg, natürlich von den Bayern, dafür gab es zwei Unentschieden, aber stolze sechs Auswärtssiege. Schon der 29. Spieltag hatte für die Teams in fremden Stadion größtenteils Siege bereitgestellt, auch da gewannen die Auswärtsmannschaften sechsmal, immerhin gab es noch drei Heimsiege.

Die Corona-Runde hat neben vielen Neuerungen auch diesen Trend überdeutlich zu Tage treten lassen: Es gibt kaum noch Heimsiege, dafür umso mehr Punkte für die Klubs, die reisen müssen. Seit dem Re-Start der Liga am 16. Mai sind (inklusive der Nachholpartien Mönchengladbach - 1. FC Köln und Werder Bremen - Eintracht Frankfurt) genau 56 Partien gespielt worden. In diesen 56 Partien gab es erstaunliche 27 Auswärtssiege (etwas mehr als 50 Prozent), 17-mal trennten sich beide Vereine unentschieden, aber es gab lediglich zwölf Heimsiege, das sind nur etwas mehr als 21 Prozent. Der vermeintliche Heimvorteil ist durch die fehlende Kulisse und die Geisteratmosphäre in den riesigen, gähnend leeren Arenen offensichtlich zum Heimnachteil verkommen.

Das belegen auch die Zahlen aus der Zeit der vollen Stadien: Bis zum Stopp Mitte März wurden 224 Begegnungen absolviert, 96 Mal gewann das Team, das zu Hause antreten durfte (43 Prozent), es gab 78 Auswärtssiege (35 Prozent) und 49 Unentschieden (22 Prozent).

Erstaunliche Zahlen, und doch irgendwie logisch. Sie belegen klar, dass die Unterstützung der Fans für Heimklubs enorm wichtig ist, dass der Schub von der Tribüne den Spielern Beine macht. Und im umgekehrten Fall den Auswärtsteams zumindest Respekt einflößt. Dieser Respekt, vielleicht auch ein Funken Angst, ist in Geisterspielen eben nicht mehr vorhanden, was die Sache für die Gästeteams erheblich vereinfacht. Die Psyche spielt ja immer mit. Der Druck der Kulisse ist weg, da lässt es sich befreiter aufspielen, während sich die Heimmannschaft allein auf die eigenen Fähigkeiten zurückziehen muss. Es ist halt schon ein Unterschied, ob man in Dortmund gegen die gelbe Wand anspielen muss, in Frankfurt, Gladbach, Köln oder Bremen gegen frenetische Fans bestehen will. Union Berlin, der kecke Aufsteiger, lebte lange Zeit vornehmlich vom besonderen Flair in der pieke-packe vollen Alten Försterei. Gerade die kleinen, von der Papierform schwächeren Klubs profitieren stark von der ganz speziellen Magie, die dann von den Rängen kommt, wenn der Funke von den Zuschauern auf den Rasen überspringt. Es sei hier nur an die glanzvollen Europapokal-Nächte von Eintracht Frankfurt erinnert, die ohne diesen Support kaum möglich gewesen wären.

Interessant ist auch ein Blick auf die Heimbilanz der Klubs nach dem Re-Start: Elf Klubs haben seitdem noch kein einziges Heimspiel gewonnen. Es sind das RB Leipzig, Bayer Leverkusern, VfL Wolfsburg, Eintracht Frankfurt, Union Berlin, die ansonsten durchaus im eigenen Haus eine Macht darstellen, oder auch der 1. FC Köln, FC Augsburg, Werder Bremen, Schalke, Mainz 05 und Paderborn, die weiterhin vor heimischer Geisterkulisse auf ihren ersten Dreier warten.

Viele Klubs sind regelrecht froh, auswärts antreten zu können, auch hier steht erneut Eintracht Frankfurt als Paradebeispiel. Die Hessen waren vor der Corona-Krise das mit Abstand schlechteste Auswärtsteam der Liga, seit den Geisterspielen haben die Frankfurter drei Begegnungen in der Fremde gewonnen, 2:1 in Wolfsburg, 3:0 in Bremen, 4:1 in Berlin. Allein gegen die Bayern gab es in der Liga eine 2:5-Niederlage. Aber für Bayern München und Borussia Dortmund gelten die neue „Corona-Gesetzmäßigkeiten ohnehin nicht, beide gewinnen ihre Spiele auf eigenem Terrain - es sei denn der FC Bayern kommt, dann verliert der BVB sogar zu Hause. Und die Tendenz geht dahin, dass die Mannschaft mit den besseren Spielern mehrheitlich gewinnt. Diese individuellen Qualitäts-Unterschiede sind früher, in einer anderen Zeit, kompensiert worden durch den zwölften Mann. Der fehlt jetzt - Auswärtsspiele haben ihren Schrecken verloren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare