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Der Fußball ist ein wichtiger Klebstoff der sonst so haltlosen und plötzlich gebremsten Gesellschaft.

Kommentar pro Rückkehr

Kommentar zur Rückkehr der Bundesliga: Fußball als emotionaler Anker 

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Soll bald wieder Fußball gespielt werden? Unser Autor Ingo Durstewitz meint: Natürlich müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Aber dann kann eine frühe Rückkehr der Bundesliga in Zeiten der Corona-Krise durchaus eine gute Idee sein.

In einer Umfrage des Fachmagazins „Kicker“ hat sich die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer für eine Fortführung der Bundesliga ausgesprochen – ab Mai und mit sogenannten Geisterspielen. Knapp 65 Prozent votierten dafür. Klare Sache, Brot und Spiele also? Nun ja, ganz so einfach ist das nicht.

Unbenommen ist, dass diejenigen Menschen das Zentralorgan der Balltreterei durchforsten, die dem Fußball ohnehin zugetan, Fans des Spiels und meistens eines Vereins sind. Dass eine Umfrage an anderer Stelle ein ähnliches Ergebnis in der breiten Gesellschaft zutage fördern würde, ist zumindest zweifelhaft.

Und es gibt gute Gründe, es abenteuerlich zu finden, dass Profispiele in irgendeiner Form ausgetragen werden sollen, während Zehnjährige den örtlichen Bolzplatz nicht mal mehr betreten dürfen. Auch 20 000 Corona-Schnelltests für Spitzensportler bereitzustellen, während Kranke auf einen Abstrich zur Bestimmung warten müssen, erscheint realitätsfremd. Klar, dass es da viele gibt, die die Sonderrolle der Geldmaschinerie Bundesliga anprangern und von abgehobenen Millionären schwadronieren. Kann man machen, muss man nicht.

DFL kämpft um ihr Produkt und die Vereine

Zur Wahrheit gehört auch, dass es das gute Recht, nein, die Pflicht der Deutschen Fußball-Liga ist, für ihr Produkt und also ihre Vereine zu kämpfen; der Profifußball ist ein milliardenschweres Imperium, an dem viele Jobs hängen, auch wenn der Hinweis auf 56.000 Arbeitsplätze hierzulande doch ein wenig populistisch ist. Doch dass DFL-Chef Christian Seifert für die Interessen der Liga eintritt, um die Maschinerie, wenn auch stotternd, am Laufen zu halten, ist legitim – das machen alle Wirtschaftsunternehmen, auch solche, die zwar Schrammen abbekommen, aber nicht ums Überleben fürchten müssen.

Der Ligaverband ist bisher nicht durch überzogene Forderungen oder Alleingänge auffällig geworden, sondern hält sich strikt an die behördlichen Maßnahmen. Er tritt bescheidener, demütiger auf. Das ist richtig so. Die Bundesliga präsentiert sich momentan nicht so, als sei sie der Mittelpunkt dieses Universums oder lebe weiter in ihrer eigenen Parallelwelt. Das ist aber nur allzu logisch, weil der Spitzensport vom wirklichen Leben, von der Angst um die Unversehrtheit der Menschen überrollt worden ist. Mit einem Schlag nivellieren sich viele Sichtweisen und Verhaltensmuster, ganz von selbst. Und man sollte nicht vergessen, dass die Milliarden, die zuvor in die Kassen der Verbände, Klubs, Spieler und Berater gewandert sind, auch schon zu Prä-Corona-Zeiten absurd waren. Vielleicht platzt die Blase ja jetzt oder wird zumindest kleiner. Wäre wünschenswert.

Bundesliga: Viele Vereine von der Insolvenz bedroht

Dass nun zwölf, 13 Erst- und Zweitligisten die Insolvenz droht, wenn die Saison doch abgebrochen werden müsste, kann dabei kein Argument dafür sein, diese Spielzeit über die Runden zu bringen. Dann, man muss das so klar sagen, wäre das halt so. Nein, der einzige Maßstab kann die Gesundheit und die Eindämmung des Virus sein – sonst nichts.

Sollten aber Virologen, Mediziner und Ministerien der Meinung sein, dass Bundesligaspiele ohne Zuschauer zu gewährleisten und durchführbar wären, sollte man diese Chance ergreifen. Da geht es nicht nur um wirtschaftliche Interessen der Klubs, sondern um weiche Faktoren, um moralischen Halt, um Zerstreuung, ja ganz profan: Ablenkung.

Fußball als Klebstoff der Gesellschaft

Der Fußball ist ein wichtiger Klebstoff der sonst so haltlosen und plötzlich gebremsten Gesellschaft, ein emotionaler Anker. Die Menschen werden in vier, fünf, sechs Wochen nach ein bisschen Normalität lechzen, sie werden sich, so banal es sich anhören mag, danach sehnen, eine kurze gedankliche Corona-Auszeit zu nehmen, sie werden dürsten nach Toren, Abseits, Videobeweisen – und sei es nur daheim im Wohnzimmer. Der Fußball ist Unterhaltung, Entertainment, Diskussionsgrundlage, er ist identitätsstiftend und gibt Zusammenhalt. Auch und gerade in diesen verdrehten Zeiten.

Das Ganze ginge, noch mal, nur, wenn es gesundheitlich und gesellschaftlich vertretbar wäre. Dann hätten der Fußball und seine Protagonisten auch die Chance zu beweisen, dass sie etwas verstanden haben, nämlich nicht der Nabel der Welt und so furchtbar wichtig zu sein. Fußball ist eine Nebensache, eine schöne, aber eben nur eine Nebensache. Nie wurde es deutlicher als in diesen Tagen.

Im Gegensatz dazu ist unser Autor Frank Hellmann nicht dafür: Statt auf eine vorzeitige Rückkehr zu drängen in der Corona-Krise, sollte sich dieBundesliga hinter den Kulissen lieber ein paar unbequemen Debatten stellen.

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