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Ultras haben den Fussball schon vor Covid-19 als profitgierig entlarvt.

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Lex Bundesliga? Nein, danke

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Dass ausgerechnet der Profifußball vor vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen wieder losrollen soll, ist ein befremdlicher Gedanke. Und das falsche Signal einer kranken Branche. Ein Kommentar.

Die Gretchenfrage ist doch: Ist die Zeit schon wieder reif für Unterhaltung, für Spaß, für Opium fürs Volk?

Der professionelle Fußball hat, vornehmlich durch ihren klügsten Kopf, DFL-Chef Christian Seifert, während der Corona-Krise größte Anstrengungen unternommen, nicht als überzüchtete und komplett von der Rest-Gesellschaft entkoppelte Branche wahrgenommen zu werden. Das ist nicht so richtig gelungen, zu verräterisch waren gleich zu Beginn die Aussagen der Herren Watzke und Rummenigge, die klarstellten, um was es „am Ende des Tages“ alleine geht: ums Geld. Die Versuche Seiferts, eine einheitliche Sprachregelung zu finden und alle auf Linie zu bringen, waren rührig und machten deutlich, dass es ums Image wohl nicht zum Besten steht.

Der Fußball hat in den letzten Monaten, nicht erst seit Covid-19, viel an Glaubwürdigkeit verloren. Die ganze Verlogenheit, die schiere Profitgier und Skrupellosigkeit dieses aufgeblähten Zirkusses wurden offenbar, dem Aufstand der Stehtribünen sei Dank; UItras waren es, die König Fußball ohne Kleider hatten dastehen lassen. Die Sportart Nummer eins, bei denen manche ein Geschäftsmodell pflegen, das trotz exorbitanter externer Geldspritzen kaum länger als vier Wochen ohne Einnahmen trägt, sei im Innersten krank „und gehört in Quarantäne“.

Und jetzt, in der Krise, hinterlässt die Branche ebenfalls keinen guten Eindruck. Als selbstgerecht, sich selbst maßlos überschätzend, als unsolidarisch ist der Profifußball im Kern herübergekommen, allem versprochenen Gehaltsverzicht der Millionäre in kurzen Hosen zum Trotz.

Und jetzt soll der Fußball wieder rollen? Früher als alles andere? Warum eigentlich?

Tatsächlich spaltet die aktuelle Debatte um einen Reset mit Spielen ohne Zuschauer die Gesellschaft. Ist es klug, Fußballspiele anzupfeifen, wenn zigtausend Menschen ihr Leben verlieren, wenn ganze Berufszweige in Gefahr geraten, wenn das öffentliche Leben eingeschränkt ist, Schulen und Kitas geschlossen sind, wenn Pflegepersonal und Ärzte aufopferungsvoll um Infizierte kämpfen? Wenn 20 000 Tests speziell einer einzigen Gruppe zur Verfügung gestellt werden sollen? Das mag angesichts von 750 000 wöchentlichen Tests möglich sein, aber sollte man Tests nicht eher dort anwenden, wo es medizinisch sinnvoll ist? Und was soll etwa das Hotel- und Gaststättengewerbe sagen, dem wegen der Krise über zehn Milliarden Euro an Umsatzeinbußen drohen? Die Liga beklagt schlappe 750 Millionen, die sie eine längere Pause kosten würde. Und sollte nicht eher an belastbaren Konzepten gearbeitet werden, den Fußball krisenfester zu machen, statt für eine (zu) frühe Rückkehr auf den Rasen zu trommeln. Und womöglich zu einem Umdenken zu gelangen, was vermutlich aber gar nicht gewollt ist.

Wie will man seriös die Bevorzugung den übrigen gesellschaftlichen Gruppen erklären, oder dem „kleinen“ Fußball, den Tennisspielern, den Golfern, den Handballern? Warum dürfen Kinder nicht zusammen spielen, während sich Männer beim Torjubel umarmen? Und was ist mit dem bis zum 3. Mai geltenden Abstandsgebot beim Training der Profis. Wenigstens zehn Tage vor dem Start müssten die Kicker zurück in einen normalen Trainingsalltag, mit Zweikämpfen und Körperkontakt. Unabhängig davon, dass Geisterspiele ohne Atmosphäre höchst unattraktiv sind - auch darum geht es nicht, es geht ums „Premiumprodukt“.

Ein Anpfiff zum 9. Mai, initiiert von zwei nach Höherem strebenden Ministerpräsidenten, wäre eine „Lex Bundesliga“, der Fußball, der sich stets zu wichtig nimmt, bekäme eine Extrawurst gebraten. Er mag als Ablenkung gut sein. Aktuell aber sollten andere, wirklich systemrelevante Dinge mit Vorrang behandelt werden.

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