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Das wird für Monate die neue Kulisse werden: leere Sitzreihen auf der Dortmunder Tribüne.

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Bundesliga-Fortsetzung: Einige Punkte im Maßnahmenkatalog könnten heikel werden

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Der deutsche Profifußball steht in den Startlöchern, aber einige Punkte im Maßnahmenkatalog könnten beim Kampf um gesellschaftliche und politische Akzeptanz heikel werden.

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  • Geisterspiele ab Mitte Mai?
  • Heikle Punkte im Maßnahmenkatalog

Frankfurt - Christian Seifert ist ein im ruppigen Fußballbusiness vielfach gestählter Mann, der extremen Arbeitseinsatz und Hochdruck gewohnt ist. Aber das, was der 50-jährige gerade erlebt, bringt auch ihn an die Grenzen seiner Kraft und des eher überdurchschnittlichen Intellekts. Viel deutet darauf hin, dass der seit 15 Jahren im Amt befindliche Top-Manager der Fußball-Bundesliga als „Geisterspiel-Chef“ in die wechselvollen Annalen des Unterhaltungsbetriebs eingehen wird. Der Boss der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zermartert sich seit einem Monat den Kopf darüber, wie seine Institution die gesellschaftliche und politische Akzeptanz herstellt, dass der Ball rollen darf.

Bundesliga-Fortsetzung: Spiel auf dünnem Eis

Es ist ein Spiel auf verdammt dünnem Eis.

Seifert hat wochenlang sein ohnehin enges Netzwerk noch fester gesponnen, bei Politikern, Medizinern, Medienkonzernen, Lizenzklubs, Reportern, Fanorganisationen, den internationalen Verbänden Uefa und Fifa, einfach überall, in einer Intensität kommuniziert, abgewogen, abgestimmt, verworfen und neu gedacht. Damit es wieder losgehen kann und er nicht alsbald auch noch mit Insolvenzverwaltern Rücksprache halten muss.

Vermutlich wäre der zweifache Familienvater dieser Tage froh, wenn er auch nur einer dieser Pappkameraden wäre, die bereits als Kulisse im Borussia-Park stehen. Der DFL-Vorsitzende hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass aus seinen Jugendzeiten die Vorliebe eben jener Borussia aus Mönchengladbach gilt, deren Fanprojekt die findige Idee hatte, Pappfiguren anzufertigen, die für die vielleicht schon bald beginnenden Geisterspiele virtuelle Rückendeckung geben sollen. Seifert wäre dann einfach nur ein Fan von vielen, der mit seinem Doppelgänger in der Nordkurve darauf wartet, dass es vielleicht schon am 9. Mai wieder losgeht.

Aber so einfach ist es in seinem echten Leben als DFL-Chef ja nicht. Entscheidende Weichen werden bei der Mitgliederversammlung aller 36 Lizenzklubs am Donnerstag gestellt. Seifert scheint innerhalb der Liga weit weniger Überzeugungsarbeit leisten müssen, als vorher und nachher auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Denn die teils bereits ums wirtschaftliche Überleben ringenden Klubs werden den Empfehlungen der von der DFL einberufenen medizinischen Task Force folgen. Deren Chef, der Saarbrücker Professor Dr. Tim Meyer, wird bei der virtuellen Sitzung persönlich referieren.

Bundesliga: Viele Vereine in finanziellen Nöten

An vielen Standorten, dem Vernehmen nach vor allem beim finanziell arg lädierten FC Schalke 04, wird händeringend die letzte Rate der insgesamt rund 300 Millionen Euro Medienerlöse erwartet, ohne die ansonsten die ersten Insolvenzen folgen könnten. Das DFL-Präsidium hat daher nach seiner Sitzung am Dienstag festgehalten: „Spieler ohne Zuschauer möchte niemand. Sie sind derzeit für einige Klubs die einzige Möglichkeit, die wirtschaftliche Existenz auch als Arbeitgeber zu sichern.“ Ergo geht’s nur darum, Geisterspiele auszutragen, um Geld einzuspielen.

Dafür müssten im ersten Schritt die Teamtrainings starten. Schon gibt es offene Zerwürfnisse unter den Klubs, dass an manchen Standorten Trainingseinheiten bereits wieder mit Zweikampfausübung stattfänden - zum Wettbewerbsnachteil der anderen und zudem unter Missachtung gesellschaftlicher Sensibilität in Zeiten des Social Distancing. Seifert kann über derartige Exzesse im Übungsbetrieb nur den Kopf schütteln und mit großem Ernst an die Disziplin von Spielern und Trainern appellieren.

Ob am 9. Mai Geisterfußball gespielt werden darf, ist trotz erster Beteuerungen wichtiger Politiker aber längst noch nicht sicher. Das von der Task Force erarbeitete Papier stellt das Herzstück dar, damit die Mitte März unterbrochene Saison unter völlig neuen Rahmenbedingungen zu Ende gespielt wird. Mittlerweile ist das knapp 50-seitige Konzept, datiert auf den 15. April, öffentlich geworden. Allein der Maßnahmenkatalog für die Wiederaufnahme des Mannschaftstrainings umfasst 31 Punkte. Darin enthalten sind Selbstverständlichkeiten wie Händedesinfektion, aber auch die Empfehlung dass es sinnvoll ist, sich zu Hause umzuziehen und dort zu duschen. Essen solle es nur „Take away“ geben, Mannschaftsbesprechungen nur mit ausreichend Abstand erfolgen. Auch die Wäsche und Schuhe sollen selber gereinigt werden, um den Zeugwart zu schützen. Jedes Team bestimmt zudem einen Hygienebeauftragten. Den Task-Force-Medizinern dürfte auch zu Ohren gekommen sein, dass bei weitem nicht alle Bundesligaprofis begeistert davon sind, bald schon wieder in den Strafraum-Infight gehen zu sollen. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau sorgen sich Spieler weniger um sich selbst, als um Familienmitglieder mit Vorschädigungen. Das Task-Force-Konzept sieht deshalb auch vor, dass kein Spieler oder Betreuer zum Einsatz gezwungen werde soll. Aber ein großer Gruppendruck dürfte Zweifel schmelzen lassen. 

Das vierköpfige medizinische Fachgremium war zudem so klug, darauf hinzuweisen, Ziel könne nicht sein, „hundertprozentige Sicherheit für alle Beteiligten zu garantieren“. Denn die gibt es auch in einer Art virenfreien Sonderzone nicht, wenn immer noch weit mehr als 200 Personen an einem Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit beteiligt sind, auch wenn diese auf drei Stadionzonen verteilt werden.

Bundesliga: Detailliertes Konzept vorgelegt

Es handele sich um ein detailliertes Konzept mit „strengen Hygiene-Vorgaben, erforderlichen Testungen und permanentem Monitoring“ heißt es bei der DFL. Übergeordnete Vorgabe ist, dass so wenige Personen wie möglich an die Spielstätten kommen - beispielsweise nur vier statt sonst zwölf Balljungen.

Kein Nadelöhr ist laut DFL die engmaschige Testung der Spieler, Trainer und Betreuer. „Es geht an den Fakten vorbei, wenn unterstellt wird, dass eine mögliche engmaschige Testung eine Unterversorgung der Bevölkerung verursache“, heißt es bei der DFL. Die „Akkreditierten Labore in der Medizin“ (ALM) hätten mittlerweile 640 000 Tests pro Woche zur Verfügung, das derzeit diskutierte Konzept der DFL erfordere weniger als 0,5 Prozent der aktuellen Kapazität. Von 20 000 Tests bis Saisonende ist bislang die Rede. Nicht zuletzt das Robert-Koch-Institut lehnt eine derartige Privilegierung aber ab.

Heikel erscheint auch der Punkt, wie bei einer positiv getesteten Person vorgegangen werden soll. In diesem Fall soll es um „die Beruhigung und Aufklärung über den Sachverhalt (keine Panik, strategische Ausrichtung des Teams, Kontrolle der Hygienemaßnahmen, etc.)“ gehen. Die Vereine sollen positive Fälle nicht automatisch der Presse melden. In Punkt 26 heißt es: „Anonyme Meldungen der Infizierten ausschließlich an DFL/Prof. Meyer auf entsprechende Meldebögen.“

Das mag ja zum Schutz der Privatsphäre verständlich sein, klingt aber nach einem fragwürdigen Versteckspiel vor der Öffentlichkeit. Den Klubs wird zugleich empfohlen, „frühzeitig für einen ausreichend großen Kader im Saisonfinale zu sorgen“. Auch mehrere positive Corona-Fälle sollen den Spielbetrieb nicht lahmlegen. Und auch nicht diejenigen öffentlich zurückhaltenden, aber sehr nachdenklichen unter den Bundesligatrainern, die sich um die Vorbildfunktion des Profifußballs sorgen und fürchten, der nachhaltige gesellschaftliche und wirtschaftliche Schaden bei einem allzu schnellen Geisterspielbetrieb könnte größer sein als der Nutzen.

Von Jan Christian Müller und Frank Hellmann

Thomas Kilchenstein ist der Meinung, dass es ein befremdlicher Gedanke ist, wenn der Profifußball vor vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen wieder losrollen soll.

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