+
Fernsehbilder wären fatal, wenn feiernde Kicker sich beim Torjubel in Gruppen umarmen oder abklatschen, während im normalen Leben alle noch zwei Meter Abstand halten müssen.

Kommentar Kontra Rückkehr

Kommentar zur Rückkehr der Bundesliga: Keine Sonderbehandlung für die Profis

  • schließen

Soll bald wieder Fußball gespielt werden? Unser Autor Frank Hellmann ist nicht dafür: Statt auf eine vorzeitige Rückkehr zu drängen in der Corona-Krise, sollte sich die Bundesliga hinter den Kulissen lieber ein paar unbequemen Debatten stellen.

Angenommen, die bereits 1879 gegründete Friseur- und Kosmetik-Innung in Frankfurt am Main würde nur 36 selbstständige Unternehmen vertreten, vom kleinen Ein-Frau-Salon in Preungesheim bis zum großen Betrieb auf der Zeil. Alle geraten wegen ihrer geschlossenen Geschäfte unabdingbar in existenzielle Not, weil sie ihre Arbeitskraft nicht mehr anbieten können. Man fleht die Signale der Behörden herbei, dass die Geschäfte unter bestimmten Bedingungen wieder geöffnet werden können. Ungefähr im selben Dilemma steckt die Deutsche Fußball-Liga (DFL), die nach Möglichkeiten sucht, ihren Betrieb für die 36 Lizenzvereine wieder zum Laufen zu bringen.

Bundesliga: Kein Sonderbehandlung für die Profis

Wenn der Ball nicht rollt, zahlen Fernsehen, Sponsoren und Zuschauer als ihre Kunden nicht. Da steht der Profifußball so nackt da wie der Friseur. In beiden Berufszweigen ist der Körperkontakt mit der Tätigkeit vorgegeben. Dennoch scharren die Friseure nicht so hörbar mit den Hufen wie die Fußballer, was am öffentlichen Resonanzkörper liegt. 20 Millionen Menschen beschäftigen sich jeden Freitag bis Sonntag mit der Bundesliga. Zum Haareschneiden gehen am Wochenende nicht ganz so viele.

Der Profifußball führt das Argument an, das auf Entzug gepolte Volk bräuchte dringend mal Ablenkung. Das klingt ein bisschen plump. Die Brot-und-Spiele-Logik greift aus zweierlei Gründen nicht: Zum einen verströmen Geisterspiele am Fernseher nicht annähernd das gewohnte Flair. Oder will irgendjemand behaupten, dass ihn die vor leeren Rängen ausgetragenen Partien in der Bundesliga (Gladbach gegen Köln) oder im Europapokal (Paris gegen Dortmund, Frankfurt gegen Basel) begeistert haben?

Zum anderen stellen vielen Menschen bei Spaziergängen oder Radtouren gerade fest, dass eine Neujustierung des Freizeitverhaltens den Horizont eröffnet. Für die Schönheiten der Natur, die gerade aus dem Winterschlaf erwacht, für die Mitmenschen, denen man anders begegnet.

Bundesliga: Fußball hat Vorbildwirkung

Zudem ist die Vorbildwirkung des Fußballs zu beachten: Fernsehbilder wären speziell für Kinder fatal, wenn feiernde Kicker sich beim Torjubel in Gruppen umarmen und abklatschen, während im normalen Leben alle noch zwei Meter Abstand halten müssen. Zudem werden Testkapazitäten und Atemmasken knapp, beides im großen Stil notwendig für eine Wiederaufnahme des Fußballbetriebs. Es ist sehr fraglich, dass sich der Mangel im Mai oder Juni legt. DieDFL wäre gut beraten, das Szenario eines Saisonabbruchs bald mit den Klubs zu besprechen.

Denn es gibt sehr wohl Stellschrauben, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu lindern. Noch immer schlummert enormes Einsparpotenzial im größten Kostenblock Personalaufwand, der bereits vergangene Saison allein in der Bundesliga mehr als 1,4 Milliarden Euro betrug. Bundesligaprofis bekommen im Schnitt zwei Millionen Euro überwiesen. Wäre es wirklich so schlimm, wenn alle Spieler ab einem gewissen Mindestverdienst – etwa 500.000 Euro im Jahr – ihre Gehälter von April bis Juni komplett den Vereinen stunden? Oder größtenteils sogar ganz darauf verzichten? Es wäre schön, wenn nicht nur Notfallpläne für eine medizinische Sonderbehandlung bis ins Detail durchdekliniert werden, sondern diese unbequemen Debatten hinter den Kulissen beginnen. Gleichzeitig müsste für die zweite Liga der größte Solidarfonds aufgelegt werden, den der deutsche Profifußball je zustande gebracht hat.

Bundesliga-Rückkehr: Ständige Tests für Spieler?

Aber was wäre die Alternative? Mindestens 60 Personen aus dem direkten Umfeld jedes Erst- und Zweitligisten müssten bald ständigen Tests unterzogen werden, um aus medizinischer Sicht eine baldige Saisonfortsetzung zu ermöglichen. Eine einzige Ansteckung mit Covid-19 würden die Planspiele wie ein Torpedo treffen. Auch gesundheitlich ist das ein Spiel mit dem Feuer. Daher: Es wäre ein Gebot in der Not, dass der Profifußball die Füße so lange still hält, wie andere Wirtschaftsbereiche auch leiden. Vorschlag: Erst wenn das normale Leben langsam anläuft, wird wieder gespielt. Ein Stück weit mehr Realismus wäre angesagt: Vielleicht kann der Fußball erst im August, September vorsichtig beginnen, wenn ein Impfstoff in Sicht ist. Unbenommen bleibt: Der Stadionbesuch fehlt manchen sehr. Aber auch ein Friseurbesuch täte vielen gut. Man muss sich draußen nur mal umschauen.

Im Gegensatz dazu meint unser Autor Ingo Durstewitz zur Bundesliga-Rückkehr: Natürlich müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Aber dann kann eine frühe Rückkehr der Bundesliga in Zeiten der Corona-Krise durchaus eine gute Idee sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare