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Bühne frei für die zweite Reihe

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Von: Frank Hellmann

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Darf links verteidigen: Sophia Kleinherne.
Darf links verteidigen: Sophia Kleinherne. © IMAGO/Beautiful Sports

Ersatzspielerinnen wie Sophia Kleinherne von Eintracht Frankfurt könnten im unbedeutend gewordenen dritten Gruppenspiel gegen Finnland ins Team rutschen.

Sophia Kleinherne kann sich noch sehr gut an das Gespräch erinnern, das Martina Voss-Tecklenburg mit ihr im Vorlauf zu der EM in England führte. Die Bundestrainerin wollte nicht den Fehler von vor drei Jahren bei der WM in Frankreich wiederholen, als Rollen und Erwartungen an die einzelnen Spielerinnen im Vorlauf nicht klar definiert waren. Nun bekam die Innenverteidigerin von Eintracht Frankfurt zu hören, dass sie beim Turnier in England eigentlich ausschließlich links hinten in der Viererkette eingeplant sei. Kleinherne ist vor dem letzten Gruppenspiel gegen Finnland (Samstag 21 Uhr/ZDF) versehentlich rausgerutscht, dass diese Botschaft ein „kleiner Schock“ gewesen sei. Die Korrektur folgte noch auf dem Podium der Pressekonferenz: Chance statt Schock muss es für sie eigentlich heißen. Linksverteidigerin zu spielen, sei sicherlich etwas ungewohnt, „aber ich nehme die kleine Challenge für mich an“, versicherte die 22-Jährige: „Es ist auch ein Mehrwert für mich und die Mannschaft, dass ich auf mehreren Positionen spielen kann.“

Zumal sie bei den DFB-Frauen ja als Linksverteidigerin debütierte, als sie am 9. November 2019 in Wembley vor 77 768 Fans bei einem prestigeträchtigen Sieg gegen England von der ersten bis zur letzten Minute mitwirkte. Gegen Finnland wird die selbstbewusste Kleinherne („Es ist unser Anspruch und unser Ziel, die EM zu gewinnen“) für die gesperrte Felicitas Rauch auflaufen.

Wie überhaupt die Startelf kräftig durchgeschüttelt wird. Lena Oberdorf ist ebenfalls gesperrt, Lea Schüller an Corona erkrankt, Lina Magull angeschlagen – wenn sich nicht jetzt die zweite Reihe zeigen darf, wann dann?

Die Mittelfeldspielerinnen Linda Dallmann, trickreiche Allzweckwaffe vom FC Bayern, und Lena Lattwein, robuste Alleskönnerin vom VfL Wolfsburg, können mit einem Startelfeinsatz rechnen. Dallmann möchte „eine perfekte Gruppenphase rund machen“, Lattwein empfand es als Einwechselspielerin zweimal recht einfach, sich in die Startelf einzufinden.

Hoffen können auch Jule Brand und Tabea Waßmuth, die nächste Saison in Wolfsburg zusammenspielen und erste Optionen für die Offensive bilden. Statistische Daten des DFB-Teams belegen, dass durch die bisherigen Einwechslungen die Zahl der intensiven Läufe noch mal sprunghaft angestiegen ist.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg möchte für das Match in Milton Keynes keinen völligen Spannungsabfall erleben. Ihr Co-Trainer Patrik Grolimund forderte mit seinem schweizerischen Zungenschlag: „Wir wollen wieder dominant sein, wir wollen wieder das Publikum mitnehmen, wir wollen wieder feiern und tanzen in der Garderobe.“

Das wichtige Gefühl, gebraucht zu werden, würde im deutschen Aufgebot auch einem möglichen Lagerkoller vorbauen. Partner oder Partnerinnen, Familienangehörigen und Freunde sollen neuerdings nur noch draußen getroffen werden. Ein Familien-Nachmittag wurde im Teamhotel aus Furcht vor Corona bereits abgesagt. Die vielleicht größte Gefahr auf dem Weg nach Wembley könnte das Virus werden.

Ansteckend ist auf jeden Fall auch der Spirit, den diese durch viele Tiefen gegangene Gemeinschaft ausstrahlt. Die „lebendige Bank“ (Kleinherne) wurde aber erst unter tatkräftigem Zutun der Sportpsychologin Birgit Prinz geschaffen. Man habe sich darauf verständigt, dass Ersatzspielerinnen „als wichtiger Faktor von außen so pushen, dass sie nach einem Spiel genauso kaputt sind“, verriet Dallmann am Mittwoch.

Lattwein dankte in diesem Zusammenhang explizit der Frohnatur Laura Freigang, „die sich in jedem Spiel für uns das Herz aus der Seele schreibt“. Die Frankfurter Stürmerin gehört wie ihre Vereinskolleginnen Sara Doorsoun (die vielleicht die verwarnte Marina Hegering vorsorglich vertritt) und Nicole Anyomi (die für Rechtsverteidigerin Giulia Gwinn spielen könnte) zu den drei Feldspielerinnen, die noch ohne einen einzigen EM-Einsatz sind.

Voss-Tecklenburg vertritt die These, dass jene Nation den Titel holt, die über die Einwechselspielerinnen mit dem besten Input verfügt. Zwar wäre es ziemlich töricht, bei Torfrau Merle Frohms nach ihren starken Leistungen durch einen Einsatz von Almuth Schult oder Ann-Katrin Berger leiseste Unruhe zu schüren, aber selbst hier hätte Grolimund keinerlei Bedenken, sollte es zu einem Wechselspiel kommen: „Wir haben drei Weltklassetorhüterinnen und einen Weltklassetorhütertrainer. Die Torhüterinnenposition ist eine Schlüsselqualität.“ Auch da könnte theoretisch also getauscht werden.

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