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Ein Baum von einem Mann: Die Schweden-Kante Andreas Granqvist (rechts) lässt dem Koreaner Hee-Chan Hwang keine Chance.

Schweden gegen Südkorea

Büffel mit Herz

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Der schwedische Kapitän Andreas Granqvist ist ein Spätstarter und der Gegenentwurf von Zlatan Ibrahimovic.

Es hat lange gedauert, bis Andreas Granqvist endlich diesen Elfmeter schießen durfte. Schiedsrichter Joel Aguilar musste erst den Videobeweis konsultierten, um das Foul von Südkoreas Abwehrspieler Min-Woo Kim am schwedischen Flügelläufer Viktor Claesson auch als solches zu identifizieren. Es verging rund eine Minute, bis der Spielleiter zum Punkt zeigte. Dann versuchte sich Südkoreas Torwart Hyun-Woo Cho sehr ausgiebig im Fach der psychologischen Kriegsführung. Er wackelte auf seiner Linie herum, hampelte, verließ sogar kurz das Tor und wurde vom Schiedsrichter ermahnt. Erst dann lief Granqvist an, platzierte den Ball mit nordischer Gelassenheit im rechten unteren Eck und sicherte den Schweden damit ihren 1:0-Erfolg zum Turnierstart. Den Torwart hatte er übrigens klassisch ausgeguckt und dann ganz cool eingeschoben, Nervenflattern kennt er nicht, die Kante Granqvist.

Aber auch ganz grundsätzlich musste der Kapitän lange warten, bis er endlich bei einer WM zum Strafstoß antreten durfte. Granqvists Karriere fand abseits von Glanz und Glamour statt. Er wurde in Helsingborg zum Profi, scheiterte in England bei Wigan Athletic, spielte in Groningen und Genua und verbrachte die vergangenen fünf Jahre in Russland, beim FC Krasnodar. Die Partie gegen Südkorea war das erste WM-Spiel für Schweden seit 2006. Und es war im stolzen Alter von 33 Jahren das erste WM-Spiel für Granqvist.

Als sich die Mannschaft im November über die Playoffs gegen Italien für das Turnier in Russland qualifiziert hatte, brach er auf dem Rasen des San-Siro-Stadions in Mailand weinend zusammen. Er war überwältigt davon, so spät in seiner Laufbahn doch noch an einer WM teilnehmen zu dürfen. Nach seinem Elfmeter gegen Südkorea, einem Elfmeter mit sehr langem Anlauf sozusagen, gab es für Granqvist kein Halten. Er lief zur schwedischen Fankurve, riss den Mund weit auf und warf die Fäuste durch die Luft. Er flippte total aus.

Für die fußballerischen Feinheiten bei den Schweden, am Samstag in Sotschi nächster Gegner der deutschen Nationalmannschaft, sind andere Spieler zuständig. Emil Forsberg aus Leipzig zum Beispiel, Albin Ekdal vom Hamburger SV oder Rechtsaußen Claesson. Doch der unbestrittene Anführer des Teams ist Granqvist, eine beeindruckende Erscheinung von 1,93 Metern mit dem Spitznamen Granen, Tannenbaum, was gut zu seiner Statur passt. Er ist der Nachfolger von Zlatan Ibrahimovic als Schwedens Kapitän, durchbrach nach den erfolgreichen WM-Playoffs gegen Italien auch dessen zehn Jahre dauernde Herrschaft bei der Vergabe des Guldbollen für Schwedens Fußballer des Jahres und ist doch das genaue Gegenteil des Angreifers.

Ibrahimovic ist Alleinunterhalter, Granqvist ein Teamspieler

Ibrahimovic ist einer der größten Alleinunterhalter, den der Fußball jemals hatte. Noch im Frühjahr hatte er in einer US-Talkshow verlauten lassen, dass eine WM ohne ihn im Grunde keine WM sei. Seine Laufbahn führte ihn nach Turin, Mailand, Barcelona, Paris, Manchester und zuletzt nach Los Angeles. Granqvist dagegen kehrt zur neuen Saison zu seinem Heimatverein Helsingborg zurück. Der Klub macht komplizierte Zeiten durch und ist vor zwei Jahren in die zweite Liga abgestiegen. Für die Heimkehr schlug der Verteidiger angeblich das Angebot aus, für insgesamt acht Millionen Euro weitere zwei Jahre in Krasnodar zu spielen. Er ließ sein Herz entscheiden. Es entschied sich gegen das Geld.

Granqvist ist ein Teamspieler. Er steht stellvertretend für den neuen Mannschaftsgeist der Schweden im ersten Turnier nach Ibrahimovic, der im Anschluss an die EM vor zwei Jahren seine Karriere in der Nationalelf beendet hatte. „Wir kämpfen, wir sind Krieger und tun das, was wir tun sollen“, sagte Granqvist nach dem Sieg gegen Südkorea über sich und seine Kollegen. Er ist Häuptling und Abwehrchef – und übernimmt die Verantwortung als Elfmeterschütze. Er hat lange genug darauf warten müssen.

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