+
Claudia Neumann suchte ihren Platz - und fand ihn im Fußball.

Fußball-Bücher

Buchtipps - Die FR stellt drei Werke vor

  • schließen
  • Jakob Böllhoff
    Jakob Böllhoff
    schließen
  • Günter Klein
    Günter Klein
    schließen

Für Sie reingelesen: Claudia Neumann über ihren Weg in den Sportjournalismus, Daniel Keita-Ruel über seinen Weg aus dem Knast zum Profifußball - und ein Buch über Clubs und Social Media.

Hat die überhaupt ‚ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“ ist ein guter Titel für das Buch von Claudia Neumann, das im Verlag Harper Collins erschienen ist. Weil man ja sofort weiß, um was es geht: Wie die Fußballkommentatorin des ZDF zum Ziel von Anfeindungen wurde und was für ein Shitstorm über sie hinwegzog, als sie Männerspiele zu übertragen begann.

Dass es für die Tonlage keine Rechtfertigung gibt, dürfte unter Menschen, die einen zivilisierten Umgang miteinander pflegen, gar keine Frage sein, die man diskutieren muss. Und natürlich muss auch nicht rechtfertigt werden, dass eine Frau ein Fußballspiel erläuternd begleitet. Dennoch haben sich Claudia Neumanns Interviews immer so angehört, als würde sie glauben, ihre Legitimation nachweisen zu müssen, wenn sie von ihren Klaus-Fischer-artigen Fallrückziehern als junge Spielerin erzählte. Auch in diesem Buch erweckt sie den Eindruck, Fußballkompetenz belegen zu müssen. Sie berichtet vom „frühen Gespür für Lauf- und Passwege“ von „Toren am Fließband“, davon, dass Alice Schwarzer und die Emanzipation „Themen waren, die an mir vorbeirauschten“. Sie suchte „meinen Platz im Kosmos“, der Fußball wies ihr den Weg. Idol: Wolfgang Overath.

Claudia Neumann: „Hat die überhaupt ‚ne Erlaubnis sich außerhalb der Küche aufzuhalten. Harper Collins. 2020. 272 S., 16 Euro.

Es war in den 70er-Jahren schwer in Deutschland, als Mädchen Fußball zu spielen. Die Eltern (Vater Neumann war Starfighter-Pilot) schickten sie zum Reiten. Eine pflegeleichte Tochter war sie nicht: Sie musste, weil sie ihr Mofa frisierte, 30 Stunden Sozialdienst leisten. Das klingt wie an die Männer- und männliche Kritikerwelt gerichtet – im Sinne von: Wir sind uns doch viel näher, als ihr glaubt. Es ist nicht die Diskussion, die man führen sollte – und nach einem Drittel seines Umfangs ist das Buch mit dem Titelthema durch.

Interessanter ist „Hat die überhaupt ‚ne Erlaubnis, sich außerhalb der Küche aufzuhalten?“ als Geschichte des deutschen Fußballfernsehens. Claudia Neumann begann bei RTL und kam über Sat1 im Jahr 1999 zum ZDF. Claudia Neumann schreibt, dass, ehe sie nach ihren ersten Kommentatorenauftritten bei Männerspielen die Hasswelle traf, sie „25 Jahre weitgehend widerspruchsfrei über Fußball berichtet“ habe.

Das stimmt: Sie ist eine hervorragende Geschichtenmacherin, eine konsequente Interviewerin – man erlebt das jeden Samstag bei Bundesliga-Beiträgen im ZDF-Sportstudio.

Doch vielleicht ist sie im Livekommentar, den sie selbst die „Königsdisziplin“ nennt, einfach auch nicht so gut wie andere. nicht sprachgewaltig, nicht originell, nicht spontan genug. Im Buch schreibt sie von Hitchcock-Spannung (wer sagt das heute noch ernsthaft?) oder formuliert Sätze wie „Vom Sixpack zu träumen wäre tollkühn. Abgesehen von Kaltgetränken im Kühlschrank“ – nun ja. Das ginge besser.

Traumtor im Nachschuss: Daniel Keita Ruels Weg aus dem Gefängnis in den Profifußball

Man kann dieses Buch vielleicht in ein, zwei Sätzen zusammenfassen, auch wenn ich die lange Fassung bevorzuge“, schreibt Daniel Keita-Ruel am Ende: „Ich war ein verantwortungsloser Dummkopf und habe es geschafft, das heute nicht mehr zu sein.“ Keita-Ruel, 30 Jahre alt, ist heute Fußballprofi, er spielt in der Zweiten Fußball-Bundesliga bei der SpVgg Greuther Fürth, und was erst einmal nicht sonderlich aufregend klingt, ist es in Wahrheit doch. Das liegt an Keita-Ruels kurzer, aber knackiger Laufbahn als „Dummkopf“, die ihm drei Jahre im geschlossenen Vollzug einbrachte. 2011 war er an drei bewaffneten Raubüberfällen beteiligt, soll gemeinsam mit sieben Komplizen insgesamt mehr als 100.000 Euro erbeutet haben.

Daniel Keita-Ruel: Zweite Chance - Mein Weg aus dem Gefängnis in den Profifußball. KiWi-Paperback, Köln 2020. 232 Seiten, 16 Euro.

Dieses Buch erzählt die spannende Geschichte eines Mannes, der seinen Traum verspielte – nur um ihn dann, im zweiten Anlauf, doch noch zu verwirklichen, mit eisernem Willen. Keita-Ruel, Sohn einer Französin und eines Senegalesen, war der Star auf den Bolzplätzen Wuppertals, immer das Ziel vor Augen, Profi zu werden. Dass er dachte, es erreicht zu haben, als er in die Jugend von Borussia Mönchengladbach wechselte, war der eine herausragende Fehler. Der andere war ungleich größer, aber die riesige Erleichterung über seine Verhaftung, die Keita-Ruel beschreibt, zeigt auch, dass hier vielleicht ein leichtgläubiger Dummkopf am Werk war. Aber ganz bestimmt kein schlechter Mensch.

Dieses Buch erzählt die Geschichte eines Mannes, der es wesentlich einfacher hätte haben können, aber den schweren Weg einschlug. Es erzählt auch ein bisschen was über die Entbehrungen und Risiken für junge Kicker, die nach oben wollen. Über Widerstände, innerlich und äußerlich, über Versuchungen und windige Gestalten, die immer dann in der Nähe sind, wenn es irgendwie nach Ruhm riecht.

Lesenswert. Und lehrreich.

Das Geschäft mit den Likes: Profifußball in den sozialen Medien

Cristiano Ronaldo hat nicht nur auf dem Platz zahlreiche Rekorde geknackt. Auch abseits des grünen Rasens sorgt der portugiesische Fußball-Superstar für Bestmarken und setzt neue Standards. Kein Mensch auf der Welt hat mehr Follower in den sozialen Netzwerken als „CR7“. Im Buch „Kaufen Sie Ronaldo!“ - Wie Facebook, Instagram und Google den Profifußball verändern, wird am Beispiel vom fünffachen Weltfußballer deutlich gemacht, wie groß die digitale Wucht mittlerweile ist.

Mario Leo, Alex von Kuczkowski: „Kaufen Sie Ronaldo!“ Die Werkstatt, Bielefeld 2020. 208 Seiten, 16,90 Euro.

„Social Media ist die neue, die andere Währung im Profifußball“, schreiben die Autoren Mario Leo und Alex von Kuczkowski. Für jeden Post bei Instagram bekommt Cristiano Ronaldo eine Millionen Euro, im Jahr bekommt er so durch seine Werbepartner 50 Millionen Euro.

Im Buch beschreiben die Autoren, welche Strategien Klubs und Profisportler erarbeiten, um ihre Reichweiten maximal zu steigern. Es ist ein kurzweiliges Buch, das in viele Unterpunkte strukturiert ist. Dazu gibt es vielen Diagrammen und Grafiken zur Veranschaulichung. Abschließend werden zehn Thesen aufgestellt, wie sich der Fußball in den kommenden zehn Jahren verändern wird: Streams statt TV, Ultras sterben aus und E-Sports wird einen noch gewaltigeren Boom erleben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare