Hamburger SV

Brutal selbstbewusst

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Der Zweitligist stellt Hecking-Nachfolger Daniel Thioune vor, der viel Kluges zu sagen hat und erwartet, dass seine neue Mannschaft „brutal gegen den Ball arbeitet“.

Am Montag war mal wieder Murmeltiertag beim altehrwürdigen Hamburger SV. Ein neuer Trainer - der 21. in 13 Jahren - wurde vorgestellt. Immerhin hatte man es zuvor geschafft, mit dem alten ein volles Spieljahr durchzuhalten, was - Ironie des Schicksals- im Nachhinein eher ein Fehler war. Denn Dieter Hecking hatte letztlich keine sichtbare Idee vermittelt, eine individuell qualitativ ausreichend gut besetzte Mannschaft zurück nach oben zu coachen.

Jetzt soll es Daniel Thioune richten. Bei seiner Vorstellung in einer virtuellen Pressekonferenz demonstrierte der 45-jährige Bachelor-Absolvent der Sport- und Erziehungswissenschaft, woran es ihm sicher gar nicht mangelt: am Selbstbewusstsein. Recht gekonnt kramte der Mann, der den VfL Osnabrück vom Abstiegskandidaten der Dritten Liga ins Mittelfeld der zweiten Spielklasse coachte, aus der modernen Mottenkiste der Laptoptrainer das gängige Vokabular heraus, sprach von „intrinsischer Motivation“, schnellem „Adaptieren“, der obligatorischen „Demut“, davon, „ballferne Räume zu bespielen“, lobte das „Setting“ in Hamburg, attestierte vielen im HSV-Profikader ein „brutales Potenzial“ (unter anderem dem nicht mehr ganz taufrischen Ex-Frankfurter Sonny Kittel) - und wusste über sich und seinen vormaligen Arbeitgeber zu berichten: „Ich bin vielleicht etwas schneller gewachsen als das Umfeld dort.“

Damit auch der verzwergte Hamburger SV mal wieder wächst, soll Thioune laut Sportchef Jonas Boldt vor allem Wert auf die Entwicklung der Spieler legen. Das gehöre zur Anpassung des Kurses.

Will heißen: weg von den von Hecking geforderten „fertigen“ Spielern, die der HSV zuletzt von den Ersatzbänken diverser Erstligisten ausgeliehen hatte und nun nicht mehr finanzieren kann.

Der Ex Hecking übrigens hat sich inzwischen via „Bild“ zu Wort gemeldet und mitgeteilt, er halte sich „grundsätzlich schon“ für einen Erstligatrainer. Das könnte dann ein Grund sein, weshalb er in der zweiten Liga gescheitert ist.

Dieses wahrlich kolossale Scheitern hatte auch damit zu tun, dass dem HSV zum Ende der Saison im Spiel nach vorne nicht mehr viel einfiel, vor allem aber auch damit, dass er nicht bereit war, konsequent zu verteidigen. Hecking-Nachfolger Thioune hat davon vor gar nicht allzu langer Zeit beim 1:1 des VfL Osnabrück in Hamburg profitiert. Er weiß also sehr genau, wovon er spricht. Deshalb legt der Sohn eines Senegalesen und einer Deutschen gesteigerten Wert darauf, dass „gegen den Ball jeder brutal arbeitet“.

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