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Umarmung gefällig? Christian Streich herzt Caglar Söyüncü, ob der will oder nicht.

SC Freiburg

Es brummt und vibriert

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Der SC Freiburg steht urplötzlich vor der 20-Punkte-Marke ? weil Trainer Christian Streich unablässig fordert und fördert.

Pavel Krmas, darauf sei zum besseren Verständnis hingewiesen, ist eine Freiburger Legende. Der studierte Mathematiklehrer aus Tschechien zog im Jahr 2007 aus Teplice in den Breisgau, um beim ortsansässigen Sport-Club sein Geld zu verdienen, mit Profifußball, was man ihm aber gar nicht anmerkte. Bis zum Ende seiner Freiburger Zeit im Jahre 2015 fuhr er in einem alten Skoda in der Studentenstadt herum, und auch sonst begegnete einem Krmas mit der leicht zerstreuten Freundlichkeit eines Menschen, der sich dem Lehrerzimmer innerlich näher fühlt als dem Bundesligastadion. Auf dem Platz überzeugte der Verteidiger mit Sachlichkeit, und seine Sache war es, den Ball aus der Gefahrenzone zu köpfen oder zu schießen, ganz egal – Hauptsache weg mit dem komischen Teil. Dann, Anfang 2011, wurde Christian Streich Trainer beim SCF, für Krmas begann damit eine harte Zeit. Er musste nun Dinge tun, die er nicht konnte.

Inzwischen spielt Krmas „bei vereinslos“, wie das bei der Internetseite transfermarkt.de immer heißt, er ist zurück in seiner Heimat, aber wenn man Streich glaubt, dann lässt sich auch mit diesem 37-jährigen Mathelehrer der aktuelle Aufschwung des SC Freiburg in der Fußball-Bundesliga (zehn Punkte aus den vergangenen vier Spielen) erklären. Eines Tages, erzählte der SC-Coach am Donnerstag, habe Krmas zu ihm gesagt: „Was Du immer von mir verlangst! Du weißt doch genau, ich kann nicht gut Fußball spielen, und ich soll immer so spielen wie einer, der alles kontrolliert!“ Das, fügte Streich an, zeige, wie groß die Anforderungen an Fußballer in Freiburg waren und sind: „Wir fordern hier immer das Maximale von ihnen.“

Spieleröffnung als Fundament

Die Nachfolger von Pavel Krmas heißen Robin Koch, Caglar Söyüncü und Philipp Lienhart, sie sind alle um die 20 und haben in ihrem Leben noch nichts studiert außer Fußballspielen, aber auch sie müssen in Freiburg Dinge tun, die sie eigentlich noch nicht können. Das Maximale, das der Freiburger Trainer von seinen Innenverteidigern verlangt, entspricht dem Maximalen, das man überhaupt von Innenverteidigern verlangen kann: Sie sollen auch im Dauerfeuer des gegnerischen Pressings ruhig nach spielerischen Lösungen suchen; die flache Spieleröffnung gehört zu den Idealen des SC-Spiels, seit Volker Finke den Profistandort an der Dreisam in den 90er Jahren erfand.

Am Dienstag, beim 1:0-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach, bildete Koch, Sohn der Lautern-Legende Harry Koch, gemeinsam mit dem Türken Söyüncü die Freiburger Innenverteidigung. Stabil im Abwehrverhalten, mutig in der Spieleröffnung, waren die beiden 21-Jährigen das Fundament des verdienten Heimsieges, mit dem der Sport-Club sein Punktekonto auf 18 aufstockte. 13. ist er jetzt plötzlich in der Tabelle, und am Samstag, beim finalen Bundesliga-Auswärtsspiel in Augsburg, kann er die 20-Punkte-Marke überwinden – das magische Zwischenziel aller Abstiegskandidaten zur Winterpause.

„Es tut schon gut, gut zu spielen und zu gewinnen“, sagt Streich, bei dem sich der Tabellenstand immer auch in der Stimmung widerspiegelt. Vor allem der 4:3-Sieg am vergangenen Wochenende beim 1. FC Köln, als man einen 0:3-Rückstand nach 30 Minuten noch drehte, hat diese Mannschaft energetisiert, und irgendwie haben es die Freiburger geschafft, in der Kölner Schneelandschaft mehr zu gewinnen als nur dieses eine Spiel gegen den hilf- und kraftlosen Tabellenletzten.

Die Spielplaner der DFL schickten sie zwei Tage später schon wieder auf den Platz, eine eigentlich unzumutbare Terminhatz; aber dann gewann der Sport-Club auch das Spiel gegen die Borussia – das geht auf diese 52-minütige Aufholjagd am Rhein zurück. Das SC-Spiel brummte und vibrierte am Dienstagabend noch vom Kraftakt am Sonntagnachmittag.

Hoffen auf Yoric Ravet

„Das hat wesentliche Auswirkungen gehabt auf das Spiel“, sagte Streich: Gladbach hatte nie Ruhe – das war unglaublich von der Energie. Das hat viel mit Köln zu tun gehabt.“ Der 52-jährige Fußballlehrer selbst hatte nach dem Abenteuer im Rheinland wie paralysiert auf seinem Platz gesessen, er schien gar nicht mitzubekommen, wie Sportdirektor Jochen Saier ihn umarmte. Nach dem starken Spiel gegen Mönchengladbach dann ließ er jeden Freiburger auf dem Platz wissen, dass er an Umarmungen sehr interessiert war. Streichs Energieflüsse lassen sich nicht immer einwandfrei ergründen.

Natürlich hat sein Team weiterhin Probleme, vor allem offensiv. Um Spiele zu gewinnen, scheint die Mannschaft aktuell auf Strafstoßtore von Nils Petersen angewiesen, das war in Köln so und gegen Gladbach, als von 23 Torschüssen nur einer ins gegnerische Netz fand, jener aus elf Metern. Der SC ist auf Entwicklungen angewiesen, von denen keiner zu sagen vermag, ob sie jemals eintreten – und wenn ja, in welchem Umfang.

Aber während Lienhart und Koch und Söyüncü bereits fleißig dazugelernt haben, gibt es auch im Angriff Tendenzen, die am Fuße des Schwarzwaldes Hoffnung machen. Yoric Ravet, ein 27-jähriger Franzose, der von Young Boys Bern kam, überzeugte am Dienstag mit gefährlichen Standards und Pässen.

Bei seinem Debüt gegen Borussia Dortmund im September sah er gleich Rot, für ein rüdes Foul an Marcel Schmelzer. Danach war erst mal Warten angesagt.

Ravet sei stets ruhig geblieben und habe auf seine Chance gewartet, sagt Streich. Pavel Krmas, die mitunter etwas nervöse SC-Legende, hätte das übrigens schwer beeindruckt.

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