Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli und Mitglied des DFL-Präsidiums, will einen grundsätzlichen sozialen Wandel im deutschen Profifußball sehen.
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Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli und Mitglied des DFL-Präsidiums, will einen grundsätzlichen sozialen Wandel im deutschen Profifußball sehen.

Bundesliga in der Corona-Krise

Brot und Geisterspiele

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Die Pläne der Fußball-Bundesliga durch die Corona-Pause setzen auch auf die Politik. Denn in Zeiten des gesellschaftlichen Stillstandes soll der Fußball Ablenkung bieten können.

Nachdem im vergangenen August eine neue Machtverteilung bei der Vollversammlung der Bundesligisten in Berlin das Präsidium der Deutschen Fußball-Liga neu gewählt worden war, sah Christian Seifert eher mittelmäßig glücklich aus. Denn dem DFL-Boss waren gleich fünf Vertreter kleinerer Vereine in das bedeutende Gremium geschickt worden – der Freiburger Leki, der Kölner Wehrle, der Kieler Schneekloth, der Darmstädter Fritsch und der St. Paulianer Göttlich. Nur noch zwei Abgesandte von international ausgerichteten Topklubs waren übrig geblieben; der Schalker Peters und der Münchner Dreesen.

Es schien so, als sollte es nun regelmäßig zu schwerwiegenderen Dissonanzen im DFL-Präsidium kommen können, weil Seifert mit Blick auf die internationale Konkurrenzfähigkeit und eine entsprechende Vermarktung vor allem darauf bedacht sein musste, die Bayern-Verfolger wirtschaftlich zu stärken, damit es endlich wieder einen echten Titelkampf geben könnte. Denn der war über die Jahre reichlich unspannend geworden, entsprechende Beschwerden der Medienpartner folgten auf dem Fuße. Die kleineren Klubs dagegen haben den Fokus eher darauf, die TV-Gelder gleichmäßiger nach unten zu verteilen und so mehr Wettbewerb zu ermöglichen. Ein klassischer Interessenskonflikt!

Gerade der Hamburger Oke Göttlich steht seit jeher für eine solche Strategie, deshalb hätte man erwartet, dass der durchaus selbstbewusste Präsident des FC St. Pauli öfter mal mit dem ebenfalls durchaus selbstbewussten Seifert aneinandergerät. Tatsächlich ist es, nicht nur in der aktuellen Corona-Krise, ganz anders gekommen. Man rückt zusammen, und sei es auch nur symbolisch, weil persönliches Zusammenrücken gerade nicht erlaubt ist.

Am Dienstag tagte das Präsidium in einer fast fünfstündigen Videokonferenz, um die diffuse Lage zu erörtern. Zwischenergebnis: Die Bundesliga wird bis mindestens Ende April ausgesetzt, die für Ende April geplante Vergabe der Medienrechte um zwei Monate verschoben. Es herrscht Einigkeit, dass die finanzielle Lage für mindestens sechs bis acht Lizenzklubs dramatisch wird, wenn die Saison abgebrochen würde oder – noch schlimmer – wenn in diesem Kalenderjahr gar nicht mehr gespielt werden könnte, auch nicht unter dem Ausschluss von Publikum.

Die Szenarien für einen ambitionierten Bundesligisten mit einem ursprünglich erwarteten Umsatz von fast 300 Millionen Euro lassen sich in etwa so herunterrechnen: 25 Millionen Einnahmen würden fehlen, wenn die Saison mit Geisterspielen zu Ende gebracht werden könnte, rund 50 bis 70 Millionen Euro Fehlbetrag würde ein Abbruch der laufenden Spielzeit nach sich ziehen, ein 120-Millionen- Euro-Loch droht für den Fall, dass im ganzen Kalenderjahr nichts mehr geht.

Die Stoßrichtung geht deshalb dahin, alles erdenkliche zu tun, damit wieder Profifußball gespielt werden kann. Der Frankfurter Sportvorstand Fredi Bobic sagte bei Spox, es sei ein mögliches Szenario, „dass wir jeden Abend Spiele ansetzen. Das wäre von Montag bis Sonntag Primetime, das wäre ja auch lukrativ für die Anbieter“, man könne die Saison so „in eineinhalb Monaten durchbekommen“. Selbst ein einziger Tag Pause zwischen zwei Begegnungen ist kein No-Go mehr, auch zwei Spiele pro Tag in einem Stadion sind denkbar.

Die Bundesliga will zudem den Schulterschluss mit der Politik hinbekommen. Die pfiffige Idee dahinter: Das fürs Überleben unabdingbare Geldverdienen soll in gesellschaftliche Verantwortung gekleidet werden. Denn das Volk, so die begründetete Annahme, dürste in wenigen Wochen geradezu nach Brot und Spielen, und seien es auch nur Geisterspiele. „Es geht auch darum, mit der Politik zusammen Angebote zu entwickeln, um der Gesellschaft Hoffnung zu machen“, sagt der St. Paulianer Göttlich.

Und er fordert im Gespräch mit dem „Hamburger Abendblatt“ ein generelles Umdenken davon, dass ein Tabellenführer mehr als das Doppelte bis gar hin zum Dreifachen der TV-Gelder kassiert wie der Letzte und obendrauf noch wahre Unsummen in den internationalen Wettbewerben dazukommen: „Wir müssen das bisherige System im Profifußball hinterfragen, weil es einem neuen System des solidarischen Miteinanders wird weichen müssen.“ Konkret seien das die „Gleichverteilung von Einnahmeströmen“. Nur so könne sich der Fußball gesundschrumpfen, „was nebenbei auch ein wichtiges Zeichen gegenüber der Gesellschaft und vielen existenzbedrohten Menschen wäre“,

Mit diesem Denkansatz einer sehr sozialen Marktwirtschaft könnte Göttlich dank einer neuen Nachdenklichkeit als Folge der Corona-Krise weiter in den Bundesligen durchdringen, als das bisher der Fall war. Allerdings sind bei weitem nicht alle Klubmanager bereit, dass System derart komplett neu zu justieren, denn das würde gerade den international ambitionierten Vereinen im globalen Wettbewerb zum Nachteil gereichen. Daran ändert sich grundsätzlich strukturell auch nichts, sollten selbst Topstars nur noch 20 Millionen Euro Ablöse kosten und Transfers im dreifachen Millionenbereich praktisch nicht mehr getätigt werden. Das erwarten Experten. Der Corona-Gau in Zahlen des jäh gestoppten Immer weiter.

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