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Mutiger Allesmacher: Max Kruse will mit Werder hoch hinaus.

SV Werder Bremen

Bremen träumt von besseren Zeiten

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Der SV Werder Bremen will sich Richtung Europa weiterentwickeln und geht neuerdings offensiv vor. Die Abgänge von Thomas Delaney und Zlatko Junuzovic wiegen jedoch schwer.

Wer im Weserstadion durch den Spielertrakt schreitet, der kommt um die erfolgreiche Vereinsgeschichte gar nicht herum. Von überall grüßen die Helden der Vergangenheit. Dort Kapitän Mirko Votava mit der Meisterschale, hier König Otto Rehhagel mit dem Europacup. An anderer Stelle Taktgeber Johan Micoud, daneben Trainer Thomas Schaaf, den der Verein neuerdings als Technischen Direktor eingebunden hat. Können die Bremer diese Zeiten wiederbeleben?

Wie ist die Stimmung?
In der Schaaf-Ära waren die Grün-Weißen ein stilprägendes Element im deutschen Fußball, doch die jüngere Vergangenheit ist geprägt von einem schmerzhaften Konsolidierungsprozess mit andauerndem Abstiegskampf. Unbeschwert war die Stimmung meist nur dann, wenn Herren wie Torsten Frings oder Ailton ihre Abschiedsspiele absolvierten. Doch die Zeiten, dass Werder nur die Vergangenheit glorifiziert, sollen bald vorbei sein. Beim Tag der Fans legte Klaus Filbry seine Zurückhaltung ab. „Wir spielen um Europa mit“, verkündete der Vorstandschef. Das hatte so deutlich noch kein Offizieller gesagt. Und das macht den Werder-Fans natürlich Freude. Vorfreude.

Wie stark ist der Kader?
Wer für den niederländischen Nationalspieler Davy Klaassen 13,5 Millionen Euro ausgibt; wer Verträge mit dem schwedischen WM-Verteidiger Ludwig Augustinsson und dem tschechischen Spitzentorwart Jiri Pavlenka verlängert; wer Bundesligastürmer wie Yuya Osako (1. FC Köln) und Martin Harnik (Hannover 96) lockt, der kann nicht mehr tiefstapeln. Bereits bei Amtsantritt 2016 betonte Geschäftsführer Frank Baumann, „dass unser Anspruch nicht sein kann, den Klassenerhalt am letzten Spieltag zu feiern wie einen Champions-League-Sieg.“ Vor allem im Sturm gibt es viele Varianten.

Worauf steht der Trainer?
Nachdem die Versuche mit den Trainer-Eigengewächsen Viktor Skripnik und Alexander Nouri als langfristige Lösungen scheiterten, herrschte bei Florian Kohfeldt zunächst Skepsis vor. Doch dreimal ist Bremer Recht: Mit ihm haben die Bremer eine spannende Figur an der Seitenlinie, die sich die uneingeschränkte Akzeptanz erworben hat. Und es scheint lohnend, bei der Lobpreisung auf die Jungtrainer Domenico Tedesco und Julian Nagelsmann nicht den Jahrgangsbesten aus dem Fußballlehrerlehrgang 2015 zu vergessen. Weil ihm jede besserwisserische Attitüde abgeht, weil ihn eine natürlich Autorität umgibt. Und weil der 35-Jährige gnadenlos ehrgeizig ist. Kohfeldt betont den offensiven Ansatz, der zum SVW gehört wie der Roland zum Marktplatz. Sein Lieblingssystem ist das 4-3-3, das sich stets auch nach dem Gegner richtet.

Wo hapert’s noch?
Die Abgänge von Thomas Delaney (Borussia Dortmund) und Zlatko Junuzovic (FC Salzburg) wiegen deshalb schwer, weil beide Mittelfeldmänner auch Mentalitätsspieler waren, die nie aufsteckten. Zudem hielten sie das Gefüge auch abseits des Platzes zusammen. Ob Rekordeinkauf Klaassen diese Rolle sofort ausfüllen kann, bleibt nach einem verlorenen Jahr in der Premier League noch abzuwarten. Keinen Ersatz gibt es, sollte sich Philipp Bargfrede mal wieder verletzen. Ein zweiter spielintelligenter Sechser gibt der Kader nicht her. Auch die Innenverteidigung ist mit der finnischen Stütze Niklas Moisander und dem serbischen WM-Fahrer Milos Veljkovic ziemlich dünn besetzt, denn Vertreter Sebastian Langkamp hat etliche Defizite im Tempo und in der Spieleröffnung. Ein Defensivallrounder bräuchte es eigentlich noch, aber offenbar ist das Budget erschöpft. Vielleicht hätte die Vereinsführung auf die nostalgische Rückholaktion von Altstar Claudio Pizarro besser verzichtet. Hätte aber wohl weniger Beifall von den Fans gegeben.

Wer sticht heraus?
Max Kruse. Einfädler und Edeltechniker, Taktgeber und Torschütze. Darf sich von der Sturmmitte aus frei entfalten. Keiner ist so wichtig: Mit ihm holte Werder 1,4 Punkte im Schnitt, ohne ihn nur 0,88. Betont immer wieder, dass er sich nicht verbiegen lässt. Dass der 30-Jährige ein paar Kilo zu viel aus dem USA-Urlaub mitbrachte, wo er mutmaßlich mehr Zeit am Pokertisch statt beim Joggen am Strand zubrachte, nahm er selbst mit Humor. Auf Facebook schrieb er, Werder „mehr Gewicht“ verleihen zu wollen. Sein Wort wiegt definitiv noch mehr, seitdem ihm der Trainer die Kapitänsbinde gegeben hat.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Das letzte Europapokalspiel am Osterdeich fand am 7. Dezember 2010 statt. Mit dem Verpassen der Champions-League-Ränge ging das Bremer Geschäftsmodell nicht mehr auf. Bis 2015 war das Eigenkapital aufgebraucht. Erst ab 2015/2016 wies der Geschäftsbericht der Werder Bremen GmbH & Co KGaA wieder schwarze Zahlen aus. Nach 2,8 Millionen Euro Gewinn in 2015/2016 waren es in 2016/2017 noch 700 000 Euro. Der Umsatz betrug zuletzt 123,5 Millionen Euro. Um wirklich zu wachsen, muss Werder an die Fleischtöpfe im Europapokal. Beim Lizenzspielerbudget liegen die Bremer in der unteren Tabellenhälfte. Auch weil der Klub überdurchschnittlich viele Mitarbeiter beschäftigt und sein soziales und gesellschaftliches Engagement für nicht verhandelbar hält.

Was ist drin?
Die erste Pflichtspielaufgabe wartet am Samstag im DFB-Pokal bei Wormatia Worms, dann steht in der Bundesliga das Heimspiel Hannover 96 an. Gute Voraussetzungen für noch mehr Rückenwind. Baumann warnt vor zu hohen Erwartungen am Osterdeich: „Im Fußball ist es nicht einfach, in der Tabelle von Jahr zu Jahr ein paar Plätze nach oben zu kommen.“ Ein einstelliger Tabellenplatz ist vorerst realistisch. 

Die FR-Redaktion tippt Werder Bremen in der kommenden Saison auf Rang 9.

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