+
Keine Solidarität: Bremen bleibt auf den Polizeikosten sitzen. dpa

Streit um Polizeikosten

Bremen allein unterm Baum

  • schließen

Werder Bremen wird bei den Polizeikosten vom Rest der Liga isoliert, um keine Tür für eine generelle Beteiligung des deutschen Profifußballs zu öffnen - der Klub droht mit dem Rechtsweg.

An den Fenstern der exklusiven Suiten hängen fein säuberlich die Weihnachtskränze, an den großen Weihnachtsbaum im Foyer mit dem teuren Piano passt kaum noch eine Kugel: Das Kempinski Gravenbruch in Neu-Isenburg verbreitet bereits ein festliches Ambiente, aber vorzeitige Präsente hatte die Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) in der ehemaligen Jagdresidenz vor den Toren Frankfurts nicht zu verteilen. Erwartungsgemäß haben 34 anwesende Profivereine – Hannover 96 und VfL Osnabrück fehlten – beschlossen, dass die Bremer Polizeikosten voll zu Lasten des SV Werder gehen. In der Abstimmung votierten 32 Klubs bei der Bremer Gegenstimme für diesen Grundsatzbeschluss. RB Leipzig enthielt sich, weil aus deren Sicht vor allem Gästefans Probleme heraufbeschwören könnten.

Damit scheiterte der parallel gestellte Bremer Antrag, den finanziellen Mehraufwand bei Risikospielen zwischen der Liga, Heim- und Gästeverein solidarisch aufzuteilen. „Ein wie auch immer geartetes Fonds-Modell steht für die DFL weiterhin nicht zu Debatte“, hieß es in einer Liga-Mitteilung. Klaus Filbry, Vorsitzender der Werder-Geschäftsführung, sprach von einem „absehbaren Ausgang“ der Abstimmung im Raum Central Park. „Um die Interessen von Werder zu vertreten, wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als den Rechtsweg zu beschreiten. Aber wir müssen alles dafür tun, dass der Schaden, den das Land Bremen uns aufbürdet, so gering wie möglich ausfällt.“ Vereinspräsident Hubertus Hess-Grunewald gab beim Abgang durch die Glastür zu verstehen, „dass wir das noch sehr genau überlegen und besprechen müssen“.

Auf den SV Werder kommt zunächst die eine Hälfte der bisher in Rechnung gestellten 1,17 Millionen Euro zu, die andere Hälfte wird bis zu einer endgültigen Klärung des Rechtsstreits vor dem Bundesverfassungsgericht gestundet. Über drei weitere Gebührenbescheide wird sich die Gesamtsumme auf 2,6 Millionen belaufen, rechnete Hess-Grunewald vor. Der hoch verschuldete Stadtstaat Bremen hat mit Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig eine Gebührenordnung durchgesetzt, die nun allein auf Werder abgewälzt wird.

Das sich bereits in der Sitzung zu Wort meldende Liga-Schwergewicht Karl-Heinz Rummenigge (FC Bayern) hielt das Votum auf der Liga-Versammlung für alternativlos: „Wir können mit Bremen nicht solidarisch sein. Das wäre das völlig falsche Zeichen.“ Ein Fonds wäre eine offene Tür, „dass auch andere Länder die Bundesliga zur Kasse bitten.“ Es sind also auch symbolische Gründe, die Mehrkosten bei den mit erhöhtem Polizeiaufwand geschützten Fußballspielen zunächst allein auf Werder abzuladen. Grundsätzlich hat der Bayern-Boss keinerlei Verständnis für den vom Bremer Senat ausgelösten Musterfall: „Die Vereine zahlen alle wahnsinnig viele Steuern. Beim FC Bayern habe ich dreistellige Millionenbeträge im Kopf.“

Hess-Grunewald wirkte zwar nicht verbittert, bedauerte indes deutlich: „Wir haben heute gemerkt, dass es keine Solidarität mit Werder Bremen gibt. Wir stehen isoliert da.“ Aus seiner Sicht bekommt „der faire Wettbewerb einen Kratzer“: Der Standortnachteil im kleinsten Bundesland ist nunmehr Fakt. Dass die DFL empfohlen hat, sich mit dem Gastverein von Fall zu Fall über eine Gebührenbeteiligung zu verständigen, wurde an der Weser als schlechter Witz aufgefasst. Ernsthaft soll in Bremen nach Absprache mit der Polizei geprüft werden, vor so genannten Risikospielen die Gästebereiche teilweise zu sperren. Hess-Grunewald: „Das ist keine Drohung von uns.“

Ein Drahtseilakt

Für die Werder-Funktionäre bleibt der die vertrackte Causa ein Drahtseilakt, um das Binnenverhältnis zur Liga und der Landespolitik nicht irreparabel zu beschädigen. Man will einerseits „während des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens eng an der Seite der DFL stehen“, andererseits die Liga daran erinnern, dieses Problem nicht isoliert zu betrachten. Denn Rheinland-Pfalz könnte schon im nächsten Jahr nachziehen. Innenminister Roger Lewentz (SPD) will ein ähnliches Modell einführen. Beim FSV Mainz 05 äußerte sich Vereinspräsident Stefan Hofmann erneut ablehnend: „Die Weitergabe von Polizeikosten ist aus unserer Sicht kein Mittel zur Minderung der Gewaltbereitschaft von Fußballspielen.“ Die pauschale Rechnung, dass der Einsatz von mehr Polizeikräften die Straftaten mindere, gehe nicht auf.

Hans Joachim Watzke, Vorstandschef von Borussia Dortmund, schrieb der Politik ins Stammbuch, „das Veranstaltungsprinzip“ zu beachten. „Es gibt keinen Anlass, den Alleingang der Bremer Landesregierung zu subventionieren“. Diese befinde sich „auf dem Holzweg“. Doch Hess-Grunewald weiß, dass es ein frommer Wunsch ist, den Bremer Innensenator noch umzustimmen, weil „er vor dem Oberverwaltungsgericht juristische Unterstützung bekommen hat“. Und das fühlt sich aus Werder-Sicht bis heute wie ein faules Ei unter dem Weihnachtsbaum an.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion