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Verschärft seinen Ton: Trainer Andre Breitenreiter (l.) hat seinen Torjäger Niklas Füllkrug attackiert.

Hannover 96

Breitenreiters Breitseite

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Bei Hannover 96 liegen die Nerven blank: Wenn der Trainer seinen Torjäger anzählt, ist Gefahr in Verzug.

Im Fanshop von Hannover 96 ist bereits wenige Tage vor Heiligabend der große Ausverkauf angesagt. Gibt es eigentlich irgendein Produkt im Online-Shop, das nicht mit dem Siegel „Sale“ markiert ist? Die Wickeldecke „Baby Eddi“ wird für zehn statt 34,96 Euro angeboten, der Hüttenschuh 96 in schwarz-weiß-grün kostet ebenso nur einen Zehner statt 16,96 Euro, das Postkarten-Set einen nur fünf statt 12,96 Euro, und die Aufklebermesslatte ist gar von 9,96 Euro auf 50 Cent reduziert. Deutlicher wäre gar nicht zu belegen, wie die Maßstäbe in diesem Verein verrutscht sind. Fanartikel als Ramschware mitten in der verkaufsträchtigsten Zeit des Jahres: Die anhaltende Sinn- und Schaffenskrise hat zum größten Preissturz aller Bundesligisten in der Vorweihnachtszeit geführt.

Belegt durch Tabellenplatz 18. Oder auch 33 Gegentore. Was in dieser alptraumartigen Halbserie mit Unentschieden bei Werder Bremen (1:1) und gegen Borussia Dortmund (0:0) sehr ordentlich begann, kann im schlimmsten Fall ganz fürchterlich enden. Wenn beim SC Freiburg (Mittwoch 20.30 Uhr) und gegen Fortuna Düsseldorf (Samstag 15.30 Uhr) nicht gepunktet wird, riskieren die Hannover-Profis sogar ihren Weihnachtsurlaub. Unverhohlen droht Trainer Andre Breitenreiter damit, die freien Tage vom 23. Dezember bis 2. Januar zu streichen, wenn seine Berufsfußballer nicht mindestens ein Erfolgserlebnis in zwei Spielen mit finalem Charakter einfahren. 

„Wir haben gemeinsam beschlossen, es etwas rauer anzugehen“, bestätigte der 45-Jährige am Dienstag in einer Pressekonferenz, die wegen ihrer Deutlichkeit beinahe als denkwürdig eingestuft werden musste. „Wenn meine Versetzung in der Schule gefährdet ist, dann mache ich auch nicht vier Jahre, vier Wochen oder vier Tage Urlaub, sondern dann übe ich.“ Über den Sinn ließe sich vortrefflich streiten, denn der Abstiegskampf wird gemeinhin nicht über die Anzahl der Trainingsstunden, sondern viel eher durch Komponenten wie Zusammenhalt, Mentalität und nicht zuletzt fußballerische Qualität entschieden. Aber offenbar ist dem in Langenhagen geborenen Fußballlehrer jedes Mittel recht, um das Ruder bei den Roten noch herumzureißen.

„Das ist eine Ausnahmesituation. Und die erfordert besondere Maßnahmen“, sagte Breitenreiter.

Der im Frühjahr 2017 in einer heiklen Phase in der zweiten Liga eingestiegene Fußballlehrer hat zudem die Schutzhand bei einem seiner Führungsspieler weggezogen. Der Rüffel in Richtung seines seit Wochen hinter den Erwartungen bleibenden Angreifers Niclas Füllkrug - nur zwei Tore und zwei Vorlagen - am Sonntag auf dem Trainingsplatz war offenbar nur Vorbote der Ansage zwei Tage später. Der Trainer verglich seinen Torjäger am Dienstag mit einem uneinsichtigen Kind, das nach einer Sechs in der Matheklausur und der Ansprache vom Vater immer noch quengelt, nur weil danach beim Mittagessen statt Rinderfilet eine Nudelsuppe auf den Tisch käme, erklärte er wörtlich. „Bei so etwas greife ich immer ein. Das sind Prinzipien, gegen die verstoßen wurde“, so der Trainer.

Schlecht eingekauft

Breitenreiters Breitseite gegen den 25-jährigen Angreifer, für den im Sommer ein zweistelliges Millionenangebot aus Mönchengladbach vorlag, auf das vor allem Klubchef Martin Kind nicht eingehen wollte, verstärkt die Vermutung, von der Eingeweihte berichten: Für die Fans taugt der aus Ricklingen stammende Füllkrug eher als Integrationsfigur als für die Mitspieler. Der in der vergangenen Saison so treffsichere Mittelstürmer ist keiner, an dem sich eine Mannschaft orientieren kann, zumal er selbst seit Wochen auf Vorlagen wartet, die nicht kommen. 

Dissonanzen gibt es bei den Niedersachsen auf vielen Ebenen: Der von Teilen der Fanszene wegen seinen Übernahmeplänen unter Aushebelung der 50+1-Regel offen angefeindete Präsident Kind tauscht sich zwar mit Sportchef Horst Heldt regelmäßig aus, doch das gegenseitige Vertrauen hat gelitten, seitdem der Manager erst in Richtung Köln, dann nach Wolfsburg den Abflug machen wollte. 

Aktuell ist Heldt anzulasten, den Abgang von Abwehrchef Salif Sane zum FC Schalke 04 nicht aufgefangen und die mit dem Makel des Absteigers versehenen Profis Walace und Bobby Wood verpflichtet zu haben. Beide Neuzugänge geben beim kleinen HSV dasselbe Bild ab wie beim großen HSV, kaum krisenfeste Mitläufer zu sein. Würden Walace (sechs Millionen Euro Ablöse) und Wood (1,5 Millionen Euro Leihgebühr) bald neue Preisschilder aufgeklebt, wäre der Wertverlust nicht viel anders als gerade im Fanshop des Vereins.

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