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Der Ball ruht nur noch ein paar Tage. 

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Brav bei Fuß

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    Frank Hellmann
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Bundesliga soll am 16. Mai neu starten und am 27. Juni beendet sein. Der DFL appelliert an Verantwortung der Klubs und sieht Modell weltweit als Vorreiter.

Bloß nicht zu viel Triumphgeheul. Unzählige Telefonate, Videoschalten, Gespräche und Mails in den vergangenen Wochen sind ohnehin an Christian Seifert nicht so spurlos vorübergegangen, als dass der an diesem Freitag seinen 51. Geburtstag erlebende Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) dazu noch Kraft gehabt hätte. Und Lust schon gar nicht. Mit spürbarer Erleichterung, aber auch mit mahnendem Unterton verkündete der Sprecher des Bundesliga-Präsidiums die neuen Rahmendaten der am 13. März unterbrochenen Bundesligasaison. Am Samstag, dem 16. Mai, soll wieder der Ball rollen, am Wochenende 27./28. Juni die Spielzeiten in erster und zweiter Liga beendet sein. Beim Chefstrategen war nicht zu überhören, dass niemand diesen Vertrauensvorschuss aus der Politik verspielen soll. „Jedem in der Liga muss klar sein, dass wir auf Bewährung spielen.“ Jeden Spieltag müsse man sich „neu verdienen“. Die Umsetzung des mühsam modellierten Hygiene- und Sicherheitskonzepts sei, sagte Seifert mit Nachdruck, in jedem Verein „Chefsache“. Damit nahm er die hochbezahlten Klubmanager und Vorstände in die Pflicht.

Untergebracht sind im neuen Terminplan zwei Englische Wochen (26./27. Mai und 16./17. Juni). Auch die beiden DFB-Pokal-Halbfinals werden in absehbarer Zeit vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) terminiert, das Nachholspiel SV Werder gegen Eintracht Frankfurt soll am 2./3. Juni stattfinden. Die Bremer sind es auch, die am 18. Mai mit Rücksicht auf ihren verspäteten Trainingseinstieg erst mit einem Montagsspiel gegen Bayer Leverkusen beginnen. Dass am 15. Mai kein Freitagsspiel vorgesehen ist, erklärte Seifert damit, dass die Politik einen Wiederbeginn in der zweiten Mai-Hälfe erlaubt habe, „und der 15. Mai liegt nicht in der zweiten Mai-Hälfte“. Hintergrund ist aber natürlich auch, dass sich die DFL mit Vertragspartner Eurosport, der seine Freitags-Übertragungsrechte an Dazn sublizenziert hat, noch nicht über eine Fortführung hat einigen können. Sky kündigte an, die Samstag-Konferenzen der ersten beiden Spieltage nach dem Re-Start frei empfänglich zu übertragen.

Weil vor der Wiederaufnahme gemäß der medizinischen Maßgaben auch noch ein siebentägiges Quarantäne-Trainingslager abzuhalten ist, begeben sich viele Teams nun in Hotels, denn nicht alle Klubs können wie RB Leipzig einfach das eigene Trainingszentrum nutzen. Die Zeit ist knapp. „Warum warten wir nicht noch ein bisschen?“, sagte Seifert und bedankte sich für die Frage. Er führte sportliche, rechtliche und organisatorische Gründe ins Feld. „Es laufen am 30. Juni über 100 Spielerverträge aus. In der zweiten Liga sind es mehr als ein Drittel.“ Diese Rechtsunsicherheit könnte das Saisonende gefährden. Das DFL-Präsidium wisse, „dass wir Spieler und Trainer einiges zumuten.“

Mehrere Fußballlehrer hatten sich für einen Vorlauf von mindestens zehn bis 14 Tagen Mannschaftstraining eingesetzt, Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer hatte sogar drei Wochen Vorbereitung ins Spiel gebracht. Die Liga-Entscheider scheinen aber auch die Phase der in Deutschland mittlerweile stark abgeschwächten Pandemie lieber heute als morgen nutzen zu wollen.

Da zum Wiederbeginn der 26. Spieltag zur Austragung kommt, steht mit dem Revierderby Borussia Dortmund gegen FC Schalke 04 gleich der Lackmustest an, ob auch die Anhänger die Vorgaben befolgen. Seifert glaubt nicht, dass es zu Ansammlungen in Pilsstuben oder Parzellen, in Wohnzimmern oder im Stadionumfeld kommt. „Nach all den Gesprächen, die ich mit Fanorganisation geführt habe, wird das nicht so sein.“ Er setzt darauf, dass sich auch dort jeder der Verantwortung bewusst sei: „Da endet aber auch die Verantwortung der DFL.“

Ansonsten hatte der Verantwortungsbegriff Hochkonjunktur in der virtuellen Frage-Antwort-Runde aus der Frankfurter DFL-Zentrale. „Ich wünsche mir nicht, ich erwarte, dass jeder Einzelne seiner Verantwortung gerecht wird“, betonte Seifert. Fußballer müssten einen Beruf ausüben, in dem sie „weder die Abstandsregeln halten noch Masken tragen können“. Doch habe man Voraussetzungen geschaffen, „dass wir nicht diejenigen sind, die die zweite Pandemiewelle auslösen.“ Jetzt gelte, dass sich „junge Männer sehr diszipliniert verhalten“.

Die Vorbildrolle steht so stark wie nie unter Beobachtung. Der Profifußball hatte ja nicht nur die Manpower und das Geld, sich eine klinische reine Sonderzone zu errichten, sondern verfügte auch über das Netzwerk, um nun sogar eine weltweite Vorreiterrolle zu übernehmen. „Von Los Angeles über London bis Tokio wird darüber berichtet, dass wir wieder spielen. Wir merken, dass wir ganz schön dankbar sein können, weil wir alle in einem der modernsten Gesundheitssysteme der Welt leben“, erklärte Seifert. Daraus leitet sich tatsächlich eine Chance ab: Wenn es gelingt, zwar stimmungsarm, aber störungsfrei die Saison zu Ende zu bringen, hätte die Bundesliga das Qualitätssiegel „Made in Germany“ neu definiert.

Der Vorlauf mit inzwischen rund 3500 Testungen an vermeintlich kerngesunden Leistungssportlern plus deren Staff habe gezeigt, erläutert der Liga-Boss, „dass wir ohne Tests nicht zurückkehren können“. In einer zweiten Testreihe waren diese Woche zwei weitere positive Fälle aufgefallen. Die Fußball-Bundesliga, so Seifert, könne nun sogar eine Blaupause für alle Sportarten und Kulturveranstaltungen liefern, „die die Kontaktbeschränkungen nicht einhalten können“. Feldhockey und Wasserball, alle Kampfsportarten, aber auch Orchester, Theater und anderen Branchen könnten dann vom deutschen Profifußball lernen.

Von Frank Hellmann und Jan Christian Müller

Inzwischen muss die gesamte Mannschaft von Zweitligist Dynamo Dresden in Quarantäne. Das Projekt Re-Start der Ersten und Zweiten Bundesliga droht zu scheitern, bevor es überhaupt begonnen hat. Der Kommentar

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