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Architekt des Erfolges: RB-Trainer Julian Nagelsmann.

RB Leipzig

Brause tritt die Bremse

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Inzwischen verneigt sich selbst Bundestrainer Joachim Löw vor der titeltauglichen Entwicklung von RB Leipzig.

Gleich neben der Essensausgabe im hinteren Bereich der Eventlocation Fredenhagen hatte sich Oliver Mintzlaff beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) einen ruhigen Platz gesucht. Richtig ungestört war der Vorstandsboss von RB Leipzig am Dienstag trotzdem nicht lange: Kollege Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern suchte den Meinungsaustausch mit dem Repräsentanten des aktuellen Tabellenführers. Auch solch eine Begebenheit darf vor dem Rückrundenstart als Zeichen der Wertschätzung gelten. Und wann ist schon einmal so viel Lob auf den Brauseklub herabgeprasselt wie am Dienstag am Stadtrand von Offenbach?

Mehr als ein Jahrzehnt nach der Gründung im damaligen Fußball-Brachland Sachsen scheint die Akzeptanz hoch wie nie. Noch immer mögen Fans aus teils nachvollziehbaren Gründen eine Abneigung gegen das Red-Bull-Konstrukt hegen, aber die fußballerische Fortentwicklung beeindruckt sogar den Bundestrainer. Der junge Julian Nagelsmann habe aus einer „reaktiven Mannschaft“, erklärte Joachim Löw, die unter dem früheren Lehrmeister Ralf Rangnick auf gnadenloses Pressing gedrillt war, ein Ensemble geformt, das inzwischen auch den Ballbesitzfußball beherrscht. „Sie haben gute Lösungen mit Ball, deswegen sind sie jetzt für mich ein ernster Meisterschaftskandidat geworden. Sie haben nicht nur die Energie, sondern auch die Erfahrung, um Meister zu werden. Mit der Vorrunde und dem Vorsprung muss man sie auf jeden Fall dazuzählen.“ Prädikat: ernsthafter Meisterschaftskandidat. Ein Nachsatz war dem 59-Jährigen noch wichtig: „Nach wie vor gehört Dortmund dazu, sie haben einen guten Kader, gute Spieler, gute Persönlichkeiten. Bayern sollte man nicht abschreiben. Nie abschreiben!“

Bayern? Bruchhagen zweifelt

Auch Mintzlaff betont ausdrücklich, dass der Bayern-Kader „absolute Weltklasse“ verkörpere: „Sie haben immer die Power und Erfahrung, um Meister zu werden.“ Aber: „Wir empfinden die Ausgangslage nicht als Last, sondern wir gehen mit einem extrem positiven Gefühl in die Rückrunde.“ Seitdem sich Mastermind Rangnick in den Hintergrund verzogen hat, tritt der ehemalige Langstreckenläufer und Leichtathletik-Manager verstärkt als Sprachrohr in den Vordergrund, ohne großspurige Töne anschlagen. Und für vorschnelle Titelträume ist der 44 Jahre alte RB-Macher auch nicht zu haben. „Unser klarer Anspruch ist, die Champions League zu schaffen.“

Auch Nagelsmann bleibt bei einer zurückhaltenden Einschätzung („aktuell sind wir noch nicht gut genug, um Meister zu werden“), um nicht unnötig Druck aufzubauen. Dabei bietet der 18. Spieltag die Option, den Vorsprung sofort zu vergrößern: Während der Tabellenzweite Borussia Mönchengladbach das Auftaktspiel beim FC Schalke 04 (Freitag 20.30 Uhr/ZDF) bestreitet und der FC Bayern bei Hertha BSC mit dem Big-City-Visionär Jürgen Klinsmann (Sonntag 15.30 Uhr) antritt, hat Leipzig die lösbare Aufgabe gegen Union Berlin (Samstag 18.30 Uhr) zu bewältigen. In dem zum Klassenkampf aufgeladenen Duell gegen die Eisernen hatte RB schon zum Saisonstart die Muskeln spielen lassen.

Und wie potent die Roten Bullen auch abseits des Platzes sind, davon erzählen Verantwortliche des Tabellenvierten Borussia Dortmund, als eben der Konkurrent gleichfalls um die Dienste des Salzburger Sturmtalents Erling Haaland buhlte. Dass Leipzig längst im Konglomerat der titeltauglichen Mächtigen verankert ist, erkennt Gladbachs Sportdirektor Max Eberl mittlerweile ohne neidvollen Seitenhieb an. Der Klub habe eine „super Entwicklung“ genommen. Und: „Julian Nagelsmann ist ein extrem ehrgeiziger Trainer, unter dem die Mannschaft kreativer und flexibler geworden ist.“ Viel Geld hätten früher auch andere Vereine zur Verfügung gehabt, führte Eberl aus, „Leipzig macht das großartig.“

Dass der Herbstmeister in die seit 2009 bestehende Bayern-Dortmund-Phalanx bei der Schalenvergabe einbricht, hält selbst der langjährige Liga-Funktionär Heribert Bruchhagen für möglich. „Wenn sie sich geschickt durch die Rückserie schlängeln, sind sie am Ende vorn“, glaubt der ehemalige Vorstandschef von Eintracht Frankfurt und des Hamburger SV. „Bayern könnte Opfer der dünnen Spielerdecke werden. Die Substanz erscheint mir nicht ausreichend.“ Er habe übrigens gegen das RB-Projekt „nie etwas einzuwenden“ gehabt, „da werde ich immer mit Andreas Rettig verwechselt“. Der 71-Jährige möchte seine Prognose vom neuen Meister aus der Messestadt partout nicht als Abkehr von seiner These der zementierten Liga-Verhältnisse verstanden wissen. Denn: „Ich habe immer gesagt, dass Bayern in zehn Jahren achtmal Meister wird.“ Aber nimmt sich der Rekordmeister wirklich in 2019/2020 eine Titelpause? BVB-Präsident Reinhard Rauball hat da seine Zweifel: „Wer glaubt, die Bayern abschreiben zu können, wird eines Tages eines Besseren belehrt werden. Die Bayern werden im Endspurt um die deutsche Meisterschaft mit vorne dabei sein. Ob ganz vorne – das ist eine andere Frage“, prophezeite der 73-Jährige.

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