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Braunschweig-Präsidentin Nicole Kumpis: „Der Profifußball ist nicht systemrelevant“

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Von: Jan Christian Müller

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Nicole Kumpis, Chefin von Eintracht Braunschweig, wünscht sich vom Profifußball mehr Impulse für die Gesellschaft.
Nicole Kumpis, Chefin von Eintracht Braunschweig, wünscht sich vom Profifußball mehr Impulse für die Gesellschaft. © IMAGO/Jan Huebner

Nicole Kumpis, Präsidentin von Eintracht Braunschweig, redet mit Blick auf eine mögliche Energiekrise Klartext. Der Profifußball habe nicht die oberste Priorität. Die DFL widerspricht.

Eintracht Braunschweigs Präsidentin Nicole Kumpis und die Finanzchefin von Schalke 04, Christina Rühl-Hamers, haben sich in zwei Interviews zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen geäußert. Im Deutschlandfunk sagte die im März in einer Kampfabstimmung gewählte Kumpis, derzeit bundesweit die einzige Präsidentin eines Fußballklubs in den ersten drei Ligen: „Wir steuern wahrscheinlich im Herbst und Winter auf eine neue Corona-Welle zu. Dazu kommt die Ukraine-Situation. Das macht mit uns als Gesellschaft etwas.“

Auch zum Thema Diversität in den Führungsteams der Klubs äußerte sich die hauptberuflich als Vorständin beim Deutschen Roten Kreuz im Kreisverband Braunschweig/Salzgitter tätige Führungskraft: „Ich denke schon, dass wir eine Frauenquote benötigen, um Frauen in den Gremien zu etablieren.“ Wenn dann Frauen aber über Quoten eines Tages etabliert seien, „müssen wir davon wegkommen, immer wieder Frauenquoten einzufordern.“ Denn, so die 48-Jährige: „Frauen, die über eine Quote in ein Gremium gewählt worden sind, möchten an Kompetenzen gemessen werden“.

Wegen ihrer herausragenden Kompetenzen setzte sich Christina Rühl-Hamers gegen fast hundert männliche Kandidaten durch und ist seit Oktober 2020 Finanzchefin von Aufsteiger Schalke 04. Die 46-Jährige hat den Laden erkennbar im Griff. Dem Portal Spox sagte sie: „Beim Thema Patriarchat und der Art, wie zusammen gearbeitet und entschieden wird, entspricht der Fußball in vielen Fällen nicht gerade dem jungen, modernen Unternehmen. Da hat er schon noch seine eigenen Strukturen – und die sind anscheinend für junge, dynamische Frauen nicht ganz so attraktiv. Der Fußball muss sich in Sachen Diversität ganz sicher verändern und öffnen, weil er stark davon profitieren würde.“

Dafür steht auch die neue Chefin der Deutschen Fußball Liga (DFL), Donata Hopfen, die jüngst der „SZ“ sagte: „Der Fußball ist das letzte verbliebene Lagerfeuer der Gesellschaft.“ Die Braunschweigerin Nicole Kumpis ist da skeptisch: „Wollen wir mit einer Lagerfeuermentalität in die Zukunft gehen? Ist das überhaupt passend? Soll das das Bild des Fußballs bleiben?“ Kumpis findet das nicht, denn: „Die Gesellschaft entwickelt sich weiter. Unsere Probleme entwickeln sich weiter.“ Der Profifußball solle seine „Wahnsinnsreichweite“ mehr nutzen, um „Anstöße in die Gesellschaft“ zu streuen, „das ist ein Auftrag, dem wir noch viel mehr gerecht werden müssen“. Das sagt auch Hopfen: Man müsse „den Fußball nutzen, um das Augenmerk auf Themen wie Nachhaltigkeit, wie den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus zu lenken“.

Nicole Kumpis wird mit Blick auf eine mögliche Energieknappheit konkret: „Der Profifußball ist laut Katastrophenschutz nicht systemrelevant.“ Im Gegensatz zu Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Wenn es tatsächlich eng werden sollte, „dann haben wir im Profifußball keine Chance mehr, an die Energiereserven zu kommen“. Und das sei auch richtig so. Der Profifußball könne „in einer Ausnahmesituation nicht mit versorgt werden von Stadt, Land und Bund“. Im Falle eines harten Winters gehe es darum, „die Einrichtungen aufrecht zu erhalten, die dafür sorgen, dass wir unseren Lebensalltag schaffen können. Dazu gehört der Fußball nicht“.

Sollte es notwendig sein, auf Flutlichtspiele zu verzichten, um den Ligabetrieb überhaupt aufrecht zu erhalten, „dann kann ich mir natürlich vorstellen, dass wir dem Rechnung tragen und bei Tageslicht spielen“. Kumpis sieht in Sachen Klimaschutz „offensichtlich großen Nachholbedarf“ bei den meisten Klubs.

Watzke holt den Säbel raus

Aus dem Hause der Deutschen Fußball-Liga waren andere Tonalitäten zu vernehmen. Donata Hopfen warnt davor, „den Profifußball – wie teilweise bei Corona – für Symbolpolitik zu missbrauchen“. Da redet die 46-Jährige ganz im Sinne von DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke, der im „Kicker“-Interview in den Angriffsmodus schaltete: „Das Problem ist, dass sofort wieder reflexartig der Fußball in den Mittelpunkt der Diskussion rückt. Da wird jetzt schon gefragt, wie viel Energie eine Rasenheizung verbraucht. Ich habe aber noch nie von der Überlegung gehört, was es bringen würde, in deutschen Vier- oder Fünfsterne-Hotels mal für drei Monate die Schwimmbäder nicht zu beheizen.“ Und dann holte Watzke verbal den Säbel raus und beschrieb ein Untergangsszenario: Die Energiedebatte dürfe „am Ende nicht wieder zu einer Symboldebatte führen wie bei Corona, um unserer Branche endgültig den Garaus zu machen.“

Was die vom ehemaligen DFL-Chef Christian Seifert zu Beginn der Corona-Pandemie postulierte „Demut“ des deutschen Profifußballs angeht, sagte Nicole Kumpis vor dem Hintergrund, dass die Gehaltssumme der Profis seitdem sogar noch angewachsen ist: „Da war jemand vielleicht schneller in der Formulierung als das, was dann umgesetzt worden ist.“ Ihre Befürchtung: „Je weiter wir uns von der Gesellschaft entfernen, desto weniger Akzeptanz werden wir dort noch haben.“

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