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Brasilien-Matchwinner Casemiro: Der Prototyp des Pragmatismus

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Von: Frank Hellmann

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Per Dropkick zum Matchwinner: Casemiro.
Per Dropkick zum Matchwinner: Casemiro. © AFP

Ohne Neymar übernimmt Mittelfeldarbeiter Casemiro die Hauptrolle bei den Brasilianern.

Wenn der beste Ballkünstler fehlt, kann auch ein fleißiger Arbeiter mal ins Rampenlicht treten. Casemiro, dieses kanariengelbe Ausbund an Fleiß und Verlässlichkeit, gehörte beim 1:0 (0:0)-Arbeitssieg gegen die Schweiz am Montag die Heldenrolle für Brasilien, um das Fehlen von Neymar zu kompensieren. Solch einen formidablen Dropkick wie der 30-Jährige hätte der verletzte Supertechniker kaum besser hinbekommen, als der Mittelfeldabräumer für den Rekordweltmeister aus dem Hinterhalt traf (83.).

Erkennbar bester Laune erschien der Siegtorschütze zur Pressekonferenz, wo er seinen Rollenwechsel so erklärte: „Mein erstes Ziel ist, den Verteidigern zu helfen. Wenn es eine Möglichkeit gibt, renne ich auch nach vorne.“ Letztlich habe man ein Spiel gewonnen, in dem sich beide Mannschaft neutralisiert hätten. „Ich habe den Ball zum Glück voll erwischt“, sagte der Defensivallrounder, der auf der Ehrentribüne im Stadium 974 mit seinen bunten Containern an der Außenfassade auch die Weltmeister Roberto Carlos und Ronaldo verzückte.

Als die Stadionregie die beleibten Legenden einblendete, schwoll der Jubelsturm bei den mehrheitlich brasilianischen Unterstützer:innen unter den 43 669 Fans endgültig zum Orkan. Die Freudenparty auf dem großen Vorplatz mit dem üblichen rhythmischen Beiwerk konnte starten. Das Achtelfinalticket hat Brasilien vor dem letzten Gruppenspiel gegen Kamerun gelöst, während die Schweiz gegen Serbien (beide am Freitag, 20 Uhr) ums Weiterkommen spielt.

Nationaltrainer Tite stimmte eine wahre Eloge über seinen besten Mannschaftsspieler an: „Er ist weltweit eine Referenz auf dieser Position.“ Auf die These, dass es sich bei seiner Nummer fünf um den besten Mittelfeldspieler der Welt handelte, beschied der 61-Jährige mit breitem Grinsen: „Ich bin genau der Meinung!“ Natürlich würde man Neymar vermissen, erklärte Tite, „aber wir haben auch noch andere Spieler.“ Casemiro gibt den Prototyp für einen von Lehrmeister Tite geförderten Pragmatismus.

Es müssen nicht immer Schönheitspreise sein, wenn sich die Seleção den Traum vom sechsten WM-Titel erfüllen will. „Rumo ao Hexo!“ heißt das allgegenwärtige Motto in der Heimat. Den Erlöser gegen die Eidgenossen hatte Real Madrid im Sommer zu Manchester United ziehen lassen, obwohl Casemiro einer der treuesten königlichen Diener war. Mit seinen Armen zeigte das Kraftpaket nach dem 1:0 auf seinen breiten Rücken. Zur Not kann auch so einer mal Tore schießen, wenn Neymar sich unter globaler Anteilnahme böse den Knöchel verstaucht hat.

Auf dessen Position versuchte sich Lucas Paqueta als Ideengeber, was aber nicht wirklich gelang. Bei der Heim-WM 2014 hatte sich das Fehlen des heute 30-Jährigen zur nationalen Tragödie ausweitete, und auch diesmal wirkte Tites Team ohne den Superstar lange ideenlos. Denn mit Standfußball waren die gut organisierten Schweizer nicht zu überraschen.

Schweizer Plan geht fast auf

„Die Niederlage war ein trauriger Moment. Der Matchplan ging mit einer intensiven Laufleistung bis kurz vor Schluss auf“, konstatierte der Schweizer Nationalcoach Murat Yakin. „Uns haben aber offensiv der Mut und die Tiefe gefehlt.“ Seine Mannschaft spielte ihren Part als Spaßverderber dank seiner zentralen Organisatoren Manuel Akanji und Granit Xhaka recht gut. Bei den technisch überlegenen Südamerikanern passte eine Halbzeit so wenig wie bei der Stadionregie, die kurz vor der Pause die LED-Beleuchtung herunterdimmte. Da hatte wohl jemand auf den falschen Schalter gedrückt.

Vielleicht dämmerte einem WM-Favoriten, dass der Sparmodus nicht reichen würde. Nachdem die Freude über die vermeintliche Führung von Vinicius Junior verpuffte, weil nach VAR-Intervention eine Abseitsstellung vorlag (64.), hatte Schiedsrichter Ivan Barton aus El Salvador kurz vor Schluss bei Casemiros Kracher keine Einwände mehr.

Dessen sechstes Tor im 67. Länderspiel hatten Vinicius Junior und Einwechselspieler Rodrygo mustergültig eingeleitet. „Es ist sehr wichtig, dass ich dem ganzen Team geholfen haben. Das ist meine Haltung“, sagte Casemiro, der die Aufmerksamkeit sichtlich genoss, auch wenn er die rot glänzende Trophäe zum „Man of the Match“ an diesem für ihn besonderen Abend in Doha beinahe auf dem Podium vergessen hätte. Irgendwie sympathisch.

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